'Who would you be if not a chess player?' diese Frage wurde Viktor Kortschnoi (74) nicht nur nach seiner Emigration aus der damaligen UdSSR 1976 gestellt. Kortschnoi der seinem Großmeister-Titel 1956 errung und bis heute aktiv Turniere spielt zählt sicherlich zu einer lebenden Legende des Schachspiels dieser Tage. Der mittlerweile für die Schweiz spielende Großmeister wird auf der DVD in 9 Kapiteln, über 3 1/2 Stunden Videomaterial und 1799 Partien aus der Zeit von 1946 - 1979 ausführlich skizziert.

Nach der problemlosen Installation des ChessBase-Readers (der zur Nutzung des Chess Media Formats, d.h. Videos mit gleichzeitgigem Brett und Notation) kann der Unterhaltungsspass auch gleich beginnen. Natürlich kann man die Videos auch mit dem Windows Media Player 9 ansehen, doch dann kommt man nicht in den Genuss gleichzeitig dem Spiel auf dem Brett zu folgen.
 
Den Anfang der DVD macht Frederic Friedel mit einem knapp halbstündigen Interview des GMs (das wie der gesamte Inhalt der DVD auf englisch stattfindet!), dessen Aussprache aufgrund emotionaler Bewegung leider für mich nicht immer einwandfrei zu verstehen war. Doch nimmt Kortschnoi kein Blatt vor den Mund und plaudert u.a. über seine Vorbilder, sein Verhältnis zu Bobby Fischer oder ein wenig Kasparow. Die ein oder andere Episode bzw. süffisante Äusserung lieferte dem Zuhörer ein Schmunzeln auf die Lippen. In den folgenden Videos werden danach ausführlich folgende Partien analysiert:
 
Golenichev - Kortschnoi, URS-Junioren-Meisterschaften 1949
Nach Aussagen von Kortschnoi die erste Partie von ihm, die Ressonanz bei den Meistern fand. So hat u.a. Bronstein diese Partie analysiert und ein Teil seiner Analysen sind in der Erläuterung enthalten. Seltene hektische Bewegungen mit der Maus stören ein wenig den Fluss beim Verfolgen der Partie bzw. in den Varianten, aber das ist wirklich die Ausnahme. In der Partie verteidigte sich Kortschnoi mit der holländischen Verteidigung und analysiert die Partie insbesondere in der Eröffnung und im entscheidenden Moment des Mittelspiels ausführlich.
 
Smyslow - Kortschnoi, URS-Meisterschaft 1952
In der zweiten Partie spielte Kortschnoi zum ersten Mal in der sowjetischen Meisterschaft, in der er auf damalige Größen der 64 Felder traf, so hier gegen den späteren Weltmeister Wassili Smyslow. In einer englischen Partie gelingt Viktor Kortschnoi ein weiterer Schwarzsieg und seinen ersten Sieg gegen einen Großmeister, der u.a. mit den Meinungen von Smyslow kommentiert wird.
 
Kortschnoi - Geller, URS-Meisterschaft 1954
Mit einer 25-zügigen Partie demonstriert Kortschnoi wie er das Rauser-System der Sizilianische Verteidigung von Geller widerlegte und mit welch starker und siegorientierter Spieler er war/ist.
 
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Kortschnoi - Tal, URS-Meisterschaft 1962
Mit seinem Sieg gegen den jungen Tal erläutert Kortschnoi seine Ansichten über die Bedeutung des ersten Aufeinandertreffens von Kontrahenten und die halbstündige Analyse der Benoni-Partie wird gespickt durch kleine Querverweise auf Partien anderer berühmter Großmeister.
 
Kortschnoi - Udovcic, 1967
5 Jahre "später" demonstriert die Person, der diese DVD gewidmet ist, einen Angriff auf die französische Verteidigung mittels der Vorstossvariante in der er auf moderne Varianten verzichtet, aber dennoch einen unwiderstehlichen Angriff auf den schwarzen König, welcher das Zentrum nicht verlassen konnte, startet. In Zusammenhang mit dieser Partie zeigt der Meister kurz ein aktuelles Beispiel (diesmal aus schwarzer Sicht) in Navara - Kortschnoi, Schacholympiade 2004, wo er auf der das Bauernschlagen auf d4 verzichtet und die Partie nach 77 Zügen Remis endet.
 
Fast 1,5 h nehmen die letzten drei Partien auf der DVD ein:
 
Kortschnoi - Hübner, Interzonen-Turnier 1973
Im Interzonen-Turnier 1973 kämpfte Kortschnoi neben Anatoly Karpow auch gegen die deutsche 'Legende' Robert "Doc" Hübner. Dieser wird von Kortschnoi mit dem Maroczy-Aufbau in der Sizilianischen Verteidigung besiegt und Kortschnoi gewinnt später zusammen mit Karpow das Interzonenturnier. Hübner wird Fünfter und kann sich nicht qualifizieren.
 
Kortschnoi - Karpow, WM-Kampf 1978
Mein persönlicher Favorit dieser DVD ist die Analyse der 21. Partie des Kampfes um die Weltmeisterschaft gegen Anatoly Karpow 1978. Das Match in Baguio geht in die Geschichte mit einem 2:5-Rückstand für Kortschnoi ein, welchen er aufholt, um dann doch noch 5:6 zu verlieren. Die Fehde zwischen den beiden Kontrahenten war in den nachfolgenden Jahren der Vorgeschmack auf die Psychokriege von Karpow und Kasparow, in denen sich verbal ebenfalls nichts geschenkt wurde. Zurück zur Analyse: Karpow war bereits mit 4:1 in Führung und wählte fortan scharfe Eröffnungsvarianten um seinem Sieg um die Weltmeisterschaft näher zu kommen, so auch in der hier analysierten Partie. Ein Großteil der Betrachtung wird in die Stellung zwischen dem 13. und 16. Zug investiert. Kortschnoi scheut auch nicht die Zugabe von strategischen Fehlern (z.B. im 23. Zug) und führt den Betrachter zu seinem Sieg nach 60 Zügen.
 
Filguth - Kortschnoi, Sao Paulo 1979
Über 36 Minuten verwendet Viktor Kortschnoi für die Betrachtung der letzten Partie auf dieser DVD und hat guten Grund: Erneut ist die Französische Verteidigung auf dem Brett und Kortschnoi führt diesmal die schwarzen Steine. Er weiht den Betrachter in seine Ansichten über Eröffnungen an und hier insbesondere zur Französischen Verteidigung.
 
Nach dieser DVD ist klar, dass es nach eigener Aussage kein Leben nach dem Schach für Kortschnoi gibt und er das Schachbrett - wie ungekündigt - mit ins Grab nehmen wird. Und für mich der Grund seine Karriere und Partien auf der Nachfolge-DVD zu verfolgen und bei einer Gelegenheit seine Autobiographie "Mein Leben für das Schach" zu lesen. Ein bisschen schade, dass die Kommentare der Videos sich nicht in den in der Datenbank gespeicherten Partien wiederfinden und überwältigt wäre ich gewesen, wenn die Analysen aus dem Büchern "Meine besten Kämpfe" enthalten gewesen wären, aber dieses Wunschdenken scheitert wohl schon allein aus datenschutzrechtlichen Gründen.
 
Man muss Kortschnoi als Person nicht mögen, aber seinem Vermächtnis (und seiner engen Verbundenheit zum Schach) wird diese DVD durchaus gerecht, in der er selbst nicht mit Hintergründen zu gespielten Partien/zum Gegner, philosophischen Ansätzen und seiner Meinung geizt. Vor seinem (bisherigen) Lebenswerk, welches auf der vorgestellten DVD bis 1979 beleuchtet wird, kann ich nur den Hut ziehen!

(C) Frank Große, 2005