Bücher zur Fernschach-Thematik sind selten und ausser dem Klassiker "52-54 Stop Fernschach" von Fritz Baumbach fällt mir ad hoc kein weiteres Buch ein, sodass ich mit Interesse auf den Einwurf des Buches "Gladiatoren ante Portas" von Volker M. Anton und Fritz Baumbach in meinen Briefkasten gewartet habe.

Turniersieger Volker-M. Anton und der XI. Weltmeister im Fernschach Fritz Baumbach lassen in diesem Buch (welches auch international für Aufsehen sorgte, wie die vielen Rezensionen im englischsprachigen Raum beweisen) das Turnier auf 240 Seiten (285 Diagramme, 106 Partien) Revue passieren. Das erste, was mir sofort positiv auffiel, war der Umstand, dass das Buch als Hardcover gedruckt wurde und somit ideal im Bett, auf Reisen oder dergleichen zu lesen ist, ohne dass man unschöne Knicke oder des Auseinanderfallen des Covers befürchten muss oder man das durchgelesene Buch optisch ramponiert ins Regal stellt.
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Ohne Hans-Werner von Massow (1912-1988) wäre das stärkste Fernschachturnier aller Zeiten wohl nie realisiert worden, denn der große Organisator und Pionier des deutschen Fernschachs leitete u.a. 28 Jahre als ICCF-Präsident die Fernschachwelt um sie zu vereinen. Die Grundsteine legte er als Gründungsmitglied des ersten internationalen Fernschachverbandes und als Herausgeber des "Fernschach Courier", der Zeitschrift, die heute als "Fernschach International" bekannt ist. So lud der BdF zum 50-jährigen Jubiläum die Weltelite des Fernschachs zu einem Turnier ein, das mit diesem Buch gewürdigt wird. In der Teilnehmerliste befinden sich die Elite-Kontrahenten des Fernschachs (bis auf eine Ausnahme nahmen alle früheren Weltmeister teil!).
 
Die 15 'Gladiatoren' des Fernschach erreichten einen ELO-Schnitt von 2616 und stellen alle bis dato in der Fernschach-Arena gespielten Kämpfe in den Schatten und die Autoren haben sich die Mühe gemacht die 'Recken' einzeln auf einer Steckbriefseite (mit Foto) skizzenhaft vorzustellen.
 
Auf den nachfolgenden Seiten werden die gespielten Partien mehr oder weniger ausführlich analysiert dem Leser präsentiert. Die Analysen in diesem Buch verarbeiten auch die Kommentare der Turnierteilnehmer und als positiv stellte sich für mich das Abweichen vom herkömmlichen Informator-Stil heraus. Wichtige Stellungen werden zwar mit einem Diagramm unterlegt, doch zum komplett "brettlosen Lesen" von Partien hätte ich mir persönlich mehr Diagramme gewünscht, was sicherlich die Seitenanzahl und somit die Druckkosten nach oben geschraubt hätte. Interessant und teilweise amüsant lesen sich die Begleitumstände zu einzelnen Partien und aufgrund der diversen Leseproben im Internet verzichtete ich jetzt auf eine Kostprobe. Zum Schmökern ausserhalb der anspruchsvollen Partien laden kleine Anekdoten und Gedankenfragmente ein, so z.B.:
- 'Die Bibel der Schachspieler'
- 'Wie viele Fernpartien soll man gleichzeitig spielen?'
- 'Der Angstgegner'
- 'Warum muss man bei Computerhilfe vorsichtig sein?' u.v.m.
 
Zu dem Buch gibt es auch eine CD, dessen Erwerb sich für alle Interessenten lohnt, die das Werk auch digital geniessen wollen. Dazu wurde an alle möglichen User gedacht: Es gibt alle Partien mit Kommentaren in den Formaten CBH (für ChessBase-Produkte), PGN und direkt via HTML im Browser lesbar. Top!
 
Im Web ist alles in Zusammenhang mit diesem Buch unter der aufwendig zusammengestellten Seite http://www.anton-baumbach.de/ zu finden, wo u.a. neben der Spielerliste, dem Inhaltsverzeichnis, einer Leseprobe, der Bestellmöglichkeit sogar drei Partien nachgespielt werden können.
 
Im Buch selbst wissen ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis (die "besten" Partien nach Meinung der Autoren sind mit dem Vermerk "TOP" gekennzeichnet), das angenehme Seitenlayout, das Spieler und Eröffnungsverzeichnis als gelungenes Gesamtwerk zu gefallen. Das Buch ist zwar bereits 2003 aufgelegt worden, aber für Fernschachfreunde - und sicherlich nicht nur für diese! - stellt dieses Buch eine abwechslungsreiche und unterhaltsame Alternative zum nie endenden Eröffnungsdschungel dar und ist eine zeitlose Lektüre, in der ich noch das ein oder andere Mal schmökern werde.

(C) Frank Große, 2005