Haben Sie es gewusst, das Schach gerade zu Beginn/Mitte der 80er Jahre in den Medien eine Präsenz hatte, die sich heute mancher Liebhaber und Funktionär wünschen würde? Aber dank Schacholmypiade 2008 (Dresden) kann vielleicht wieder gehofft bzw. geschaut werden!
 

Ein kleiner Rückblick.

FM Gerd Treppner
brachte es mal auf den Punkt, indem er "Schach ist besser als man denkt!" treffend formulierte und sich über die durchaus gelungenen (!) Versuche Schach medial auszustrahlen 1985 äusserte. Waren Anfang der 80er Berichte über z.B. die Turniere in Meran oder der TV-Wettkampf "Zuschauer gegen Karpow" keine Seltenheit, so wurden später Projekte in Radio und TV angestossen.

Akustisches Erleben.

Am 30.01.1985 (also vor über 20 Jahren!) startete bei Radio Bremen zwischen einem Meister (in der ersten Sendung Dr. Dornieden) und den Zuhörern eine Rundfunkpartie, die in mehreren Folgen bis zur Entscheidung fortgesetzt wurde. Ergebnis und Partienotation sind mir leider nicht bekannt, doch die Vorstellung, dass eine volle Stunde lang im Rahmen einer allgemeinen Radiosportsendung mit Musik gespielt wurde, wirkt heute etwas verwunderlich. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass diese Sendung zur populären Sendezeit ausgestrahlt und somit neben den herkömmlichen Radiosendungen im Mittelpunkt stand. Zweifelnd wird man den Erfolg der Sendung jetzt anfragen, doch lt. Aussagen vom Radiosender kamen viele Schachfreunde mit ihren Zugvorschlägen (die via Telefon abgegeben wurden) nicht durch, weil der Telefonanschluss überlastet war! Hierin sieht Gerd Treppner das Phänomen, dass es schwierig ist, "die meist schweigende Minderheit aufzurütteln", die das Schach sonst im Hinterzimmer verweilen lässt. Er geht sogar noch weiter: "Manche Sportart mit viel weniger Interessenten bekommt viel mehr Raum in der Öffentlichkeit, weil ihre Fans aktiv bis militant auftreten, zumindest die Lokalpresse mit teilweise kraftvollen Anrufen bombardieren und anderes mehr ... Ob es an der Introvertiertheit vieler Schachspieler liegt oder am Glauben, ja doch nichts bewirken zu können oder gar an einer Art Hemmung, sich für so etwas vermeintlich 'Abartiges' wie Schach öffentlich einzusetzen?" Nachforschungen haben ergeben, dass die Initiative dieser Sendung vom Bremer Sender ausging.

Multimediales Vergnügen.

1983
bestanden beim ZDF-Team noch Überlegungen (man berichtete gerade über das Match Hübner - Smyslow) zu einer regelmässigen Schachsendung, doch diese wurde vielleicht aufgrund fehlender Resonanz aus dem potentiellen Schach-Publikum nie realisiert. Das ORF wagte noch mehr und zum 300-jährigen Jubiläum des Wiener Kaffeehauses (welches eine engen Bezug zum Schach hat) wurde eine 3(!)-stündige Sendung mit bunt gemischten Schachprogramm ausgestrahlt: viel Prominenz aus Politik, Medien und Schach (u.a. wurde hier eine Simultan-Partie Ephraim Kishon gegen Anatoly Karpow gespielt), Blitz, Problemschach, Simultan. Das Ende der Sendung bestimmte der Zuschauer selbst, indem er vor die Wahl gestellt wurde, ob weiter "Schach Live" oder der Film "Die Schachnovelle" gezeigt werden soll, wobei der Film knapp die Mehrheit behielt.

Mediale Weisheiten.

Noch weiter zurück liegt der Auftritt der 'Schächer' in der Sendung "Das ist mein Steckenpferd", die 1957 auf dem WDR ausgetragen wurde. Die Gedanke, dass Schach neben Terrarienfreunden und Kaninchenzüchtern in einer Sendung präsentiert werden sollte bereitete Moderator Dr. Paul Tröger anfangs skeptische Gedanken. Die Sendung wurde in Quizform abgehalten und 5 Fragen pro Runde sollten die Teilnehmer (in der ersten Runde der dreifache Deutschlandmeister Kieninger gegen den blinden Kölner Meister Würtz) zum Finale mit der damaligen deutschen Numero Uno Großmeister Wolfgang Unzicker qualifizieren. Dabei versuchte Moderator Tröger keine zu spezifischen Fragen, die den Zuschauer im vollen Saal oder vor dem Fernsehgerät nicht erreichten und demzufolge langweilten, zu stellen (was ihm bei einigen Schachfreunden sehr kritische Bemerkungen einbrachte). Hier die Fragen der ersten Runde:

1.)
Kennt das Schach auch Wunderkinder? Wenn ja, dann nennen Sie bitte zwei.
2.) Gab es schonmal einen deutschen Schachweltmeister?
3.) Von wem stammt das Lob "Dieses Spiel ist ein Probierstein des Geistes"?
4.) Stellen Sie einen Springer in eine der vier Ecken des Schachbretts und dann eine Dame auf das gleiche Feld. Wie viele Felder mehr als der Springer kann eine Dame von dort aus erreichen?
5.) Das Schachbrett hat 32 weiße und 32 schwarze Felder. Sie werden mit einem Buchstaben und einer Zahl gekennzeichnet; a bis h von links nach rechts und 1 bis 8 von unten nach oben. Welche Farbe haben die Felder d5, f6, h3?

Die Antwort auf Frage 3 (Schiller) wurde von keinem der beiden Teilnehmer gewusst und Frage 4 (Lösung: 19) wurden falschen Antworten genannt, so dass die fünfte Frage (die ersten beiden Fragen wurden problemlos gelöst) die Entscheidung bringen musste: der blinden Spieler Würtz nannte (bei der einfachsten Frage) blitzschnell die Farben und der Saal brach in begeisterten Applaus aus.
In der zweiten Runde standen zwei Zuschauer, die sich nach der richtigen Lösung eines Zweizügers qualifiziert hatten: neben zwei unbekannten Schachfreunden war Schachspaltenleiter H. Klüver (ein "Großer" des Problemschachs) aus Hamburg mit von der Partie:

1.)
Welcher deutsche König wurde beim Schachspielen ermordet?
2.) Wie lautet der Weltrekord im Simulatonspiel?
3.) Wieviel weißfeldrige Läufer kann Weiß gleichzeitig auf dem Brett haben?
4.) Wieviel Felder des Schachbrettes sind in der Ausgangsstellung von Figuren frei?
5.) Nenne mindestens eine deutsche Ableitung aus der englischen Bezeichnung für den Turm, also aus "rook"

Frage 1 wurde nicht richtig beantwortet (König Philipp von Schwaben, 1208) und bei Frage 2 war zum damaligen Zeitpunkt der argentinische GM Migual Najdorf mit 250 Gegnern die richtige Lösung. Frage 3 war eine Art Fangfrage: Man kann maximal neun weißfeldrige Läufer besitzen, einen "von zu Haus aus" und acht durch Umwandlung der acht Bauern. Nach Beantwortung der verbleibenden Fragen kam es zu Punktgleichheit zwischen Klüver und einem Mainzer Studenten. Die Jokerfrage lautete: Stellen Sie einen Springer nach a1 und reiten Sie über h1, h8, a8 nach a1 zurück. Wieviele Züge benötigen Sie dazu?
Beide Spieler fanden die richtige Antwort (20 Züge) nicht, doch Klüvers Lösung (17) lag näher dran, sodass er im Finale neben Ehrengast Unzicker und Schorsch Kieninger stand. Im Publikumssaal war zu diesem Zeitpunkt eine Bombenstimmung und die Fragen wurden jetzt einen Zacken schwieriger als in den Vorrunden:

1.)
In welchem berühmten Theaterstück gibt einer der Hauptfiguren eine für ihn gewonnene Schachpartie auf?
2.) Sie spielen simultan. Unter den Gegnern ist eine besonders hübsche junge Dame, der Sie gerne ein Remis schenken wollen. Aber sie will sich nichts schenken lassen. Was tun Sie, um trotzdem ein Remis zu erzwingen?
3.) "Sorge bei Nacht, dass du das Licht zur linken Hand hast, bei Tage suche den Gegner gegen das Licht zu setzen. Für den Gegner ist es schädlich, wenn er vor dem Spiel stark gegessen und getrunken hat. Dauert aber das Spiel lang, so ist es gut, etwas zu sich zu nehmen, damit man im Kopfe nicht schwach wird. Während des Spiels trinke nur Wasser, nicht Wein." Von wem stammt dieser Rat: a) von dem Araber Mutasim Billah (840), b) vo dem spanischen Meister Lucena (1497) oder c) von dem früheren Weltmeister Aljechin?
4.) Welcher Unterschied besteht rein juristisch zwischen der Dame im Schach und der Dame im Leben?
5.) Stellen Sie bitte auf! Weiß: Kc3, Te4, Dg5; Schwarz: Kf2, Lf1, f3 und setzen Sie im 2. Zuge matt!

"Nathan der Weise" (Lessing) wurde als richtige Antwort auf Frage 1 am schnellsten von GM Unzicker beantwortet, auch auf Frage 2 hat er die galantere Antwort parat: "Ich entfessele eine wilden Angriff, aber immer so, dass ich ein ewige Schach im Hintergrund habe. Wenn ich genug geopfert habe und die junge Dame schon glaubt, 'auf Gewinn' zu stehen, rette ich mich wie geplant. Meine hübsche Gegnerin aber erhält viele Glückwünsche, dass sie sicher gewonnen hätte, wenn dieses "blöde ewige Schach" nicht zufällig in der Stellung dringewesen wäre." Der Punkt aus Frage 3 (Lucena) ging an Klüver. Bei der vierten Frage hatte Jurist Unzicker mit einem entzückenden Vortrag die Führung mit 3 Punkten vor Klüver 2,5 und Kieniger 1,5 in der Hand. Da die letzte Frage ein Problem betrag, schien alles klar für Klüvers Sieg. Da er den ihm natürlich bekannten Schlüsselzug im Geiste nochmals überprüfte, kam ihm Unzicker um Sekundenbruchteile mittels dem Ausruf "Te1" zuvor und siegte. Die Stimmung war so gut, dass den nachfolgenden "Steckenpferden" einfach Zeit abgezwackt und als Zugabe eine Blitz-Blindpartie zwischen Unzicker und Kieninger vorgeführt wurde.

Was noch bleibt.

Immerhin gibt es ja schon einen Verein, der das mediale Kennzeichen trägt: TV Tegernsee  und dank der Trainings-Videos der Firma Chessbase gibt es sozusagen Privatstunden der Großmeister auf dem heimischen Bildschirm. Der WDR hat ein Archiv mit den im Fernsehen ausgetragenen Partien seit 1983 erstellt, welches leider nur bis 2001 gepflegt ist. Radio Bremen TV hat in diesem Jahr am Abend nach dem sensationellen Gewinn der diesjährigen deutschen Meisterschaft des SV Werder Bremen in seiner regionalen TV-Sendung "Sportblitz" den Stichkampf Revue passieren lassen und damit dem größten Triumph der Bremer seit dem Pokalsieg von 1996 gewürdigt. Was bleibt übrig? Eine liebevoll und aufwendig zusammengestellte Übersicht, zum Thema "Schach und Kino", die fast jährliche (?) Wiederholung von "Zug um Zug" mit Helmut Pfleger auf den 'Dritten' und die Aussicht auf die jeweils einstündigen Sendungen zu den Dortmunder Schachtagen im WDR am 11. und 18. Juli 2005 (Die Wiederholungen dann am darauffolgenden Tag im Vormittagsprogramm). Da kann es doch nur besser werden, oder? Wer sucht darf also etwas sehen!

(C) Frank Große, 2005