In Sachen "unregelmässige" Eröffnungstheorie wird neben dem Magazin Kaissiber auch immer wieder der Name des Herausgebers Stefan Bücker genannt. Aus Anlass der aktuellen Ausgabe seines Magazins haben wir Stefan Bücker via e-Mail interviewt.

Kaissiber 20
 
Mit einem kleinen Überblick möchte ich dem Interessierten die Gelegenheit geben, sich den Inhalt der aktuellen Ausgabe zu vergegenwärtigen: Auf 82 Seiten gelingt es dem Redaktionsteam "ausgewählte Beiträge zum Schach" in unterhaltsamer Form zu präsentieren. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt auf dem Halloween-Gambit, welcher mit sehr viel interessantem historischen Material ganze 19 Seiten Umfang einnimmt. Neben den herkömmmlichen Rubriken "Leserbriefe", "Ohne Krawatte" (Bent Larsen), "Sie sind am Zuge" (Alfred Diel), "Schachgeschichte" (in dieser Ausgabe Sammi Farajowicz) weiß Bent Larsen den Pfad der Variante 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. d3 Se7 zu untersuchen. Neu ist der "Eröffnungskoffer", welcher Brücken zu anderen Publikationen schlägt und diese als "Ideenbörse" nutzt, um kritische Abspiele zu prüfen! Eine lohnenswerte Lektüre. Abgerundet wird das Heft durch lesenswerte Rezensionen zu den Neuigkeiten auf dem Schachbüchermarkt, die einem kritischen Blick unterzogen wurden.
 
Das Interview
 buecker.jpgfreechess: Hallo Herr Bücker, herzlichen Glückwunsch zur 20. Ausgabe des Magazins Kaissiber! Seit 1996 gibt es das lesenswerte Magazin bereits auf dem Markt. Seitdem hat sich am Grundkonzept relativ wenig verändert, doch wie Sie selbst erwähnen, gilt Heft 20 als "Neuanfang". Welchen Werdegang hat Kaissiber und welche Zukunft steht ihm bevor bzw. was ist geplant?
 
Bücker: Mit dem Erscheinen von Heft Nr. 20 wird Kaissiber mein Hauptberuf. Es wird künftig alle drei Monate erscheinen. Die Zahl der Abonnenten ist mittlerweile groß genug, um diesen Entschluss zu rechtfertigen. Etwa 50% jeden Heftes befasst sich mit speziellen Eröffnungsthemen, die keineswegs immer unorthodox sind - das Colle-System (Heft 3), Skandinavisch (Heft 6), Mittelgambit (Heft 7), Holländisch (Heft 10) oder Aljechin-Verteidigung (Heft 19) sind respektable Eröffnungen. Wichtiger ist, dass alle Artikel gründlich recherchiert sind, unter Angabe der verwendeten Quellen, und dass die Leser etwas über die Geschichte der Eröffnung erfahren. Neben den Eröffnungen bleibt noch Platz für viele andere Themen. Einfälle habe ich genug, aber ich möchte überraschen, statt hier schon etwas vorwegzunehmen.

 
freechess: Das Magazin Kaissiber wird nicht von Ihnen alleine gestaltet, namhafte Mitarbeiter sind Bent Larsen, Chrilly Donninger und Hans Berliner. Kaissiber ist ein "Arbeitsheft", denn man kann es nicht rasch durchschmökern (wenn es hierfür auch Artikel gibt!). Es enthält viele hochkarätige Informationen, die im Zeitalter der datenbankgestützten Analyse und der Computerprogramme immer wieder erstaunen. Sehen Sie den Computer-Tod beim Schach bzw. welche Rolle spielt der Computer für Sie beim schachlichen Schaffen?
 
Bücker: Der PC als Prüfinstanz ist nicht nur im Fernschach unverzichtbar, sondern auch beim Redigieren einer Schachzeitschrift. Dass Maurits Wind das Halloween-Gambit zehn Jahre lang, auch mit Einsatz von PC-Programmen, gründlich analysiert hat, führte zwangsläufig zu einem längeren Artikel. Jedoch bilden diese 15 Seiten Analysen in Kaissiber Nr. 20 nur eine Auswahl der tatsächlich wichtigen Varianten. Ein guter Autor muss von seinen Computeranalysen in der Regel 95-99% weglassen. Die PCs werden immer nützlicher, das stimmt. Aber in Kaissiber 20 zeige ich auf zwei Seiten (58f.), dass ein Theoretiker von heute mit Computerhilfe vieles falsch analysierte, was Berthold Suhle und Adolf Anderssen schon 1859/1860 herausfanden! Dieser Artikel machte mir viel Spaß.

freechess: Stefan Bücker ist Fide-Meister mit einer ELO von 2349. Lt. FIDE gab es in den letzten 4 Jahren keine ausgewerteten Partien. In der DWZ-Datenbank des DSB wird er gar nicht mehr geführt. Spielt Stefan Bücker heute noch aktiv Schach und wenn ja, wo?
 
Bücker: Das Pflegen eines Angehörigen verhinderte solche Aktivitäten. In den nächsten Monaten werde ich jedoch wieder aktiv, ein paar Turniere sind schon fest eingeplant.

freechess: Spielen Sie Fernschach bzw. haben Sie damit Erfahrungen gesammelt?
 
Bücker: Wegen des befürchteten Zeitaufwandes bin ich bisher davor zurückgeschreckt. Vor kurzem ging ich aber auf Maurits Winds Vorschlag ein, eine Idee (Arbeitsname: Sandsturm-Variante) in fünf Fernpartien auf Herz und Nieren zu testen. Wir sind erst beim 14./15. Zug angekommen, aber das Experiment hat sich für mich bereits gelohnt. Man spielt mit weit mehr Sorgfalt, als es in eigenen Analysen gewöhnlich der Fall ist, und ich bemerkte plötzlich Fehler, die mir zuvor entgangen waren. Und der Gegner bringt natürlich eigene Ideen ein.

freechess: In der aktuellen Ausgabe ist ein sehr kurze Rezension zum Buch "Shall We Play Fischerandom Chess?" gegeben (Der Inhalt der Rezension: "No."). Was denken Sie über die anderen Spielarten des Schachs, so z.B. Chess-960, Janus-Schach, Tandem oder dergleichen?
 
Bücker: Fischerandom Chess und Chess-960 ist meines Wissens dasselbe, nur unter neuem Namen (Anmerkung: Da haben Sie Recht, zwischen Chess-960 und Shuffle Chess besteht ein kleiner Unterschied, der darin begründet liegt, dass man beim Shuffle Chess auf das Rochade-Recht verzichtet und die Läufer beliebige Positionen einnehmen können, sodass man demzufolge auf 5050 mögliche Startpositionen gelangt.) Als Hauptargument für diese im Prinzip seit dem 18. Jahrhundert bekannte Schachart wird genannt, dass man keine Eröffnungstheorie benötigt. Aber im Schach kommt man auch mit wenig Theorie aus. Es gibt Eröffnungen, die man in ungefähr zehn Minuten erlernen kann. Ich habe in Kaissiber schon einige Kritik an Chess-960 geübt. Wenn wir überhaupt eine Reform bräuchten, so genügten weniger radikale Maßnahmen. Wenn Schwarz vor Partiebeginn wählen dürfte, ob sein König wie üblich auf e8 steht oder mit der Dame den Platz tauscht, hätte man den "Theoriemonstern" schon ihren Schrecken geraubt. Und das oberste Theoriemonster Kasparow ging ja ohnehin in Pension. - Tandem oder andere Schachversionen hat wohl jeder schon gespielt, aber für das klassische Schach ist dies keine Konkurrenz.
 
freechess: Stefan Bücker hat früher auch Bücher verfasst, so ist u.a. eine Abhandlung über "Groteske Schacheröffnungen" von ihm noch erhältlich. Sind neue Bücher geplant? Welche der eben erwähnten "grotesken Schacheröffnungen" macht Ihnen am meisten Spass und finden Sie vor allem gar nicht so grotesk?
 
Bücker: Im Moment ist am wichtigsten, dass Kaissiber regelmäßig erscheint. Neue Bücher wird es daher von mir vorerst nicht geben. Der "Geier" 3. ... Se4 zählt nach wie vor zu meinen Lieblingseröffnungen, er wirkt etwas sonderbar, hat aber eine gesunde positionelle Basis. Vor drei Tagen kam er bei einem Schnellturnier aufs Brett. Ich habe die Züge später (hoffentlich richtig) rekonstruiert: Loemker - Bücker, Herford 2005 (2 x 30 Min.), 6. Runde. 1. d4 c5 2. d5 Sf6 3. c4 Se4 4. Sf3 Da5+ 5. Sfd2 Sf6 6. Sc3 Dc7 7. e4 g5 8. Ld3 d6 9. 0-0 Sbd7 10. Lc2 Lg7 11. Se2 Se5 12. Tb1 h5 13. b4 h4 14. Lb2 Sh5 15. f4 gxf4 16. Sxf4 Lg4 17. La4+ Kd8 18. Db3 cxb4 19. Sxh5 Dc5+ 20. Kh1 Txh5 21. Lxe5 Lxe5 22. Txf7? h3 23. g3 Lc3 24. Tbf1 De3 25. Sf3 De2 26. Se1 Dxe4+ 27. Sf3 De2 28. Se1 Lxe1 29. Dc2 Lc3 30. Kg1 Ld4+ 31. Kh1 Te5 32. c5 Lxc5 33. T7f4 Dxf1+ 34. Txf1 Lf3+ 0:1.
 
freechess: Machen Sie doch mal einen Vorschlag, welches Thematurnier wir hier auf unserem Fernschach-Server eventuell einmal anstoßen könnten! :)
 
Bücker: Vielleicht das Englund-Gambit? Zeitweise war ich davon überzeugt, dass es widerlegt ist. Aber je mehr man sich mit einer Variante beschäftigt, desto mehr neue Ideen bekommt man. Heute fange ich wieder an, das Gambit 1. d4 e5 für korrekt zu halten.

freechess: Vielen Dank für dieses Interview und weiterhin viel Erfolg mit Ihrem lesenswerten Magazin!

(C) Frank Große, 2005