"Mit Hilfe welcher immergleichen Fragen kann ich Beobachtungen tätigen, um die richtigen Züge zu finden? Wonach muss ich suchen um die starken Züge zu finden und was muss ich mich fragen, um die Absicht des Gegners herauszufinden?" Die Antworten darauf möchte die DVD 'Hamburger Taktik-Schule' aus dem Hause Chessbase geben.

Wer ist der "Trainer"?
 
Gisbert Jacoby (DWZ: 2092, Stand 20.06.2005), ist ein erfahrener Trainer des Hamburger Stützpunktes, welcher unter anderem Großmeister wie Matthias Wahls oder Karsten Müller hervorbrachte und in den 80ern das Bundesliga-Team des Hamburger Schachklubs trainierte. Aber auch als Sekundant stand er Robert Hübner bei den Weltmeisterschafts-Kanditatenkämpfen gegen Kortschnoi (1980 in Meran) und Smyslow (1983 in Velden) beratend zur Seite.

hamburger.JPGWas soll vermittelt werden?
 
Ziel dieses Silberlings ist es, dem aufstrebenden Spieler die richtigen Schritte zur Analyse einer Position zu vermitteln, damit dieser als Ergebnis "gute Züge" finden kann. Dazu ist es relevant die Grundelemente der Taktik zu beherrschen und in Ihrer Kombination anzuwenden. In 7 Kapiteln (Einleitung und Fazit ausgeklammert) sind dabei über 7 (!) Stunden Videomaterial zu [v]erarbeiten (separate Partien oder Aufgaben-Datenbanken sind kein Bestandteil dieser DVD).
 
Kapitel "Zugwirkung"

"Was verändert sich mit einem Zug?" Mit der Anekdote 'Meister gegen Einauge' werden die Elemente 'Neue/Alte Felder' eingeläutet. Mit der historischen Untermalung der entscheidenden Stellung der 23. Partie des WM-Kampfes Tschigorin-Steinitz (1892) wird die Thematik vertieft. Weiter geht es mit Studien/Partien zu den Thematiken 'Versperren', 'Entsperren', 'Blocken' und 'Entblocken', welche einen Fragenkatalog als Fazit übriglassen. Den Abschluss dieses Kapitels gibt Antwort auf die Frage "Was heißt Analysieren".
 
Kapitel "Angreifen und Verteidigen"

Der Angriff gegen eine Schwäche ist der Einstieg in die Thematik. Dazu wird die kritische Stellung der Partie GM Matthias Wahls gegen IM Saevar Bjarnason, 1985 ausführlich analysiert, um den Lernenden zu den Motiven zu führen. Weitere Stellungen sind u.a. Showalter - Caro, 1989; Shamaev - Ufimzew, 1949; Kortschnoi - Löwenfisch, 1953; Morphy - Anderssen, 1858 die sich primär mit den Themen Angreifen, Decken, Gegenangriff und Indirekte Verteidigung auseinandersetzen.
 
Kapitel "Doppelangriff"
 
Aufbauend auf das vorangegangene Kapitel wird die Effektivität des Doppelangriffs demonstriert. Die Bedeutung dieser Angriffsform der einzelnen Figuren König, Springer, Läufer und Dame werden separat untersucht und via Demonstrationen und dokumentiert.
 
Kapitel "Röntgenangriff"
 
Systematisch werden die Aspekte der Taktik abgearbeitet und in diesem Kapitel wird der Röntgenangriff durchleuchtet. Dazu wird u.a. die sehr bekannte Stellung Capablanca - Thomas, 1919 als Referenzstellung ausführlichst analysiert.
 
Kapitel "Abzug"
 
Fast eine Stunde befasst sich das Kapitel "Abzug", in welchem die vorher gelernten taktischen Motive zum Einsatz kommen. Stellungsfragmente geben neben anderem die Partien Kortschnoi - Portisch, 1968; Tolush - Antonshin, 1956; Fischer - Benkö, 1963; Meek - N.N., 1855; Bisguier - Evans, 1959; Simagin - Aronin, 1947; Rasulov - Kurbanov, 1983 und Carls - Breyer, 1912.
 
Kapitel "Fesselung"
 
Das Motiv der Fesselung bezeichnet Jacoby als eine Kombination aus "Angriff + Röntgenangriff". Eine ausführliche Einleitung zur Thematik lässt keine Frage offen. Beispiele zeigen Stellungen aus den Partien Keres - Radovici, 1960; Tatai - Kortschnoi, 1978; Capablanca - Aljechin, 1927 (1. WM-Partie); Boden - Morphy, 1858 und andere, bevor die Verteidigung gegen das Motiv der Fesselung erläutert werden.
 
Kapitel "Sonstige Motive"
 
In zwei Lektionen wird hier noch auf den "Spiess" und "Felderarmut" eingegangen. Hierbei wird u.a. auch auf das falsche Nehmen des Bauern h2 in der ersten WM-Partie zwischen Spassky - Fischer 1972 untersucht.
 
Wie wird vermittelt?
 
Ein wenig irritiert war ich zu Beginn, dass die DVD keinen separaten Reader oder dergleichen mitliefert, was für den Endbenutzer bedeutet, dass er neben dem Windows Media Player 9 eines der folgenden Programme besitzen muss: Fritz 8, Shredder 8, Hiarcs 9 oder Tiger 15. Der aktuelle Chessbase-Reader einer anderen DVD funktioniert natürlich auch. Warum ein Reader nicht auf dieser DVD enthalten ist bleibt mir ein wenig schleierhaft, den Kapazität wäre noch vorhanden gewesen. Unterhaltsam führt Jacoby durch die Vielzahl an Lektionen und seine ruhige Erzählweise (es gibt kaum Versprecher) vermitteln dem Zuschauer das Gefühl auf die wesentlichen Elemente gelenkt zu werden. Seine Erfahrungen als langjähriger Trainer wirken sich positiv auf den Inhalt seiner Darstellungen aus und das Ausschmücken via Anekdoten aus der langen Schachhistorie weiß gut zu gefallen. Die vorgestellten Studien oder Partien werden ausführlich Zug für Zug kommentiert und lassen im Prinzip keine Fragen offen. Für den Betrachter, der die Stellungen vor dem Erläutern von Gisbert Jacoby lösen möchte empfehle ich die Pause-Taste, da dem weniger Geübten die Zeit nicht reichen wird. Ideal wäre es, wenn hier dies hier durch eine Art Automatik von Seiten des Readers eingebaut werden könnte. Alternativ wären für den Anfänger entsprechend lange Pausen untersetzt von hinweisenden Fragen optimal, eventuell wird derartiges ja einmal realisiert.
 
Für wen wird vermittelt?
 
Diese Frage fällt mir nicht einfach zu beantworten. Wie Jacoby selbst betont benötigt man für das Verständnis seiner Lektionen nur die Kenntnisse der Schachregeln, doch die Stellungen bewegen sich nicht auf dem reinen Anfängerniveau. Ausgehend von den Grundelementen der Taktik werden auch leicht fortgeschrittene Themen behandelt. Apropo Themenwahl: Entgegen dem zu vermuteten Titel der DVD wird hier nicht 'Taktik pur' vermittelt, sondern ein wissenswertes Sammelsorium zur Herangehensweise und Analyse einer Stellung dargelegt! Für Kinder zum 'Eigenstudium' halte ich die Inhalte teilweise für zu anspruchsvoll. Ich schätze den Gehalt der DVD für Spieler bis zu 1800 DWZ als brauchbar ein.
 
Fazit
 
Die DVD erläutert wichtige Motive der Taktik, wo es meiner Meinung nach keine Schwächen gibt! Geschicktes Aufbauen der Motive erwirken einen Lerneffekt und via Zusammenfassung nach jedem Kapitel wird der vermittelte Inhalt komprimiert aufbereitet. Mitte der 90er gab es mal eine Lehr-CD "Tasc Chess Tutor", welche ich für das interaktive Lernen schon sehr gut gehalten habe, aber mit dieser Video-DVD wird dem Wissbegierigen der Weg zu den Weiten auf den 64 Feldern multimedial und einprägsam geöffnet. Ein paar zusätzliche Übungs-Datenbanken hätten der DVD noch das i-Tüpfelchen aufgesetzt. Das Fehlen des Readers auf der DVD halte ich für einen kleinen Schwachpunkt, der aber nur für einen Neuling in Sachen Chessbase-Software relevant wird (auf dem Cover wird auf diesen Umstand hingewiesen!) und seit den Lektionen weiß ich, dass "ein guter Schachspieler auf seinen Händen sitzt" ... Empfehlenswert!

(C) Frank Große, 2005