"Studien einer alternativen Schach-Eröffnung" lautet der Untertitel zu FM Harald Keilhacks Werk "Der Linksspringer 1. Sc3" (Kania Verlag) und ich kam ins Grübeln, was mir eigentlich von diesem Zug (ist es ein System?) bekannt ist. Okay, mir viel sofort der Name Sleipner und eine CD aus dem Hause ChessBase (die mich qualitativ übrigens enttäuscht hat) ein. Nach etwas Recherche konnte ich noch einen paar Hinweise in einigen Ausgaben der Kaissiber entdecken. Dürftig von meiner Seite! Was gibt es über 1. Sc3 zu wissen und wie reagiert der Schwarzspieler auf diesen Zug am effektivsten?

Anfang oder Ende?

Das Quellenverzeichnis ziert bei 'guten' Büchern das Ende und auch bei dem (vorweggenommen: guten) vorliegenden Buch ist es nicht anders, aber hier habe ich selbiges zuerst aufgeschlagen, um zu erfahren aus welchem Fundus der Autor Informationen zusammengetragen hat ... und ich staunte nicht schlecht! Eine recht umfangreiche Liste hinterlassen einen Eindruck langwieriger Recherche- und Analysearbeit. Ebenfalls interessant zu erfahren ist die Tatsache, dass mit diesem Eröffnungssystem (!) der Däne Ove Ekebjaerg fast 14. Fernschach-Weltmeister wurde mit dem Holländer Dick van Geet (IM, FS-GM) ein weiterer namhafter Spieler regelmässig Erfolge feiern kann. Nach dem Holländer wird heutzutage die Eröffnung oft benannt, aber nach der Lektüre ist diese Bezeichnung m.E. zweischneidig und die Bezeichnung "Linksspringer" gefällt mir persönlich gar nicht so schlecht. Von den Spielern der Weltspitze wendet heutzutage Morosewitsch häufiger den interessanten Eröffnungszug an, aber auch den Herren Iwantschuk und Leko ist das alles nicht ganz fremd.

linksspringer2.jpg
Durcheinander oder Durchblick?

Laut Harald Keilhack ist 1. Sc3 eine Eröffnung und nicht nur ein Zug. Behandelt wird in dem vorliegenden Buch (399 Seiten) alles was nach 1. Sc3 aufs Brett kommen kann und selbstständigen Wert besitzt! Die Abhandlungen zu den Systemen 1... e5 und ... d5 nehmen mit 185 Seiten knapp die Hälfte des Buches ein. Oft landen die Partien in scheinbar bekannten Fahrwassern, wie Sizilianisch, Französisch, Caro-Kann u.v.m. Doch auch hier bietet der Autor - der Zugumstellung sei dank - interessante Alternativen zu den Hauptvarianten sowohl für die weißen als auch die schwarzen Steine. Und gerade an diesem Punkt ist das Buch auch für den Spieler interessant, der sich eventuell vor 1. Sc3 scheut. Denn Weiß hat als Anziehender die Möglichkeit Bauernstrukturen und Figurenaufstellung geschickt anzuordnen. Dazu bedient er sich des modernen Mittels der geschickten Zugumstellung.

Innerhalb der einzelnen Varianten und Systeme wird auch mit Worten ausführlich auf die möglichen Ideen/Pläne und Aufstellungen eingegangen. So macht Eröffnungstheorie Spass! Keine Sorge hat der Autor damit auf Fehler in Vorgängerwerken rigoros hinzuweisen und Verbesserungen anzubringen. Insgesamt wirkt das vorgeschlagene Repertoire einfallsreich, lässt aber auch Spielraum für viele Entdeckungen am Brett.

Lt. der Homepage des Verlages sind Leseproben, Partie-Downloads u.v.m. geplant, da das Buch aber aus dem Jahre 2003 stammt (was der Qualität m.E. keine Einbuse tut!), ist das eher wohl unwahrscheinlich, aber beim anspruchsvollen Kania-Verlag kann das evtl. schnell modifiziert werden. Ein kleiner Querverweis: 1996 erschien das Buch "1... Sc6 aus allen Lagen", welches dieselbe Idee mit Schwarz aufgegriffen hatte und mir persönlich (im Gegensatz zu Tschigorin!) gar nicht gefallen hat. Der weiße Anzugsvorteil wirkt hier wohl zu gewaltig und dessen Vorstellungen ist Schwarz ausgesetzt, aber hier wird der "Linksspringer 1. Sc3" rezensiert, also ...

Fazit

Während ich mit 1. g4 meine zweischneidigen Erfahrungen gesammelt und mir 1. b4 und 1. f4 rein geschmacklich nicht zusagen, habe ich mit diesem Buch das Rüst- und Analysewerkzeug für wirklich alternative Schach-Eröffnungs-Ideen gefunden, welche aus meiner Sicht nicht auf fragwürdigem positionellen Fragment gebaut ist! Ich bin begeistert. Hardcover und Fadenbindung lassen an einer langen Arbeit mit dem Buch keine Mängel feststellen. Diese Buchvorstellung mit Variantenlisten aufzublähen liegt mir fern, doch werde ich wohl bald über ein kleines (wachsendes?) Repertoire mit Anregungen aus diesem Buch besitzen ... freechess.de veranstaltet unter Turnier-Nummer 4519 ein Sc3-Themen-Turnier.

(C) Frank Große, 2005