Somme, Sonne, Ostseestrand. Naja von Sonne war im diesjährigen Juli nicht immer viel zu sehen, doch meinem Interesse an Frank Zeller's "Einblicken in die Meisterpraxis" (Kania Verlag) tat dies keinem Abbruch ... Auf über 140 Seiten (7 Kapitel) bietet IM Frank Zeller (seit 1996 beständig über 2400 ELO) eine "Strandreise" seines schachlichen Könnens und Empfindens.

In seinem persönlichen Credo betrachtet Zeller das Schach seit der Jahrtausendwende und fragt: "Was nutzen Schachbücher, die rein mathematisch-informativen Charakter haben, bei denen es von Variablen, Gleichungen und Zugfolgen wimmelt?" und gibt die Antwort prompt selbst: "Diesen Part hat das Medium Computer längst übernommen." Zeller möchte Sprache ins Buch bringen und setzt mit diesem Werk genau an dieser Stelle ein. In sieben Kapiteln lässt Frank Zeller seinen wortgewandten Interpretationen freien Lauf und präsentiert dabei primär die Arbeit mit seinen eigenen Partien. Selbige stellen auch "das beste Medium zur Vertiefung der Kenntnisse und vor allem zum Erkennen der Schwächen" dar!

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Psychologisch ermutigend mit Erfolgen ("Höhenflüge") beginnend startet der Autor seine Einblicke mit Gewinn-Laune und Zuversicht! Gleich die erste Partie und Analyse der Partie Zeller - Videki, Altensteig 1987 macht großen Appetit aufs Weiterlesen ... Zellers Einblicke sind ein persönliches Buch und genau deshalb gehört auch ein ausführlicher Abschnitt mit Betrachtungen zum Thema "Igel" dazu (siehe dazu auch einen Teil in der Leseprobe), welche sich mehr oder weniger durch das komplette Buch "stacheln". Der Untertitel "Eröffnungsvorbereitung und Psychologie, Angriff und Verteidigung: Fischers 6. Lc4-Sizilianer, Igelstrategien und vieles mehr" lies schon erahnen, dass dieser Blätterwald sich abwechselreich und vielseitig präsentieren wird, sodass im vierten Kapitel auf ganzen 25 Seiten die strategische Ideen von "Läuferpaar und Flügelbauern" beleuchtet werden. Im darauffolgenden versucht der Autor seine Misserfolge aufzuarbeiten, um dann mit dem "göttlichen" Nimzoindisch ("Die korrekteste Verteidigung gegen 1.d4 ... davon bin ich überzeugt!") wieder Versöhnung mit der Schachgöttin zu streuen. Das siebente Kapitel "A Tribute to Bobby" wird Freunde des Spielstils von Bobby Fischer und Anhänger der Variante 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6 6. Lc4 e6 7. Lb3 erfreuen, denn auf 32 Seiten liefert Zeller eine eröffnungstheoretisch interessante Einführung in dieses Abspiel. Apropo Eröffnungen: der Hauptanteil der Partien liegt in Sizilianischen und Englischen Eröffnungssystemen. Doch sollte man sich davon nicht täuschen lassen, denn die Kommentare sind sowohl unterhaltsam als auch mit kleinen aber feinen (prinzipiellen) Tipps gespickt, ohne dass übermässige Variantenbäume bewältigt werden (müssen)!

Wo sind Kritikpunkte? Ich suche zwar nicht primär danach, aber hier habe ich mal besondere Aufmerksamkeit walten lassen . Finden konnte ich aber nur 2 kleine Druckteufelchen und eine Ungereimtheit im Eröffnungsindex. Dort sind 31 Partien angegeben, vorgestellt werden aber nur 29. Doch das gleicht schon fast Haarspalterei und sei nur am Rande genannt.

Ich erwähne in meinen Rezensionen normalerweise bewusst keine Preisangaben, da es sich für mich bei Büchern primär um Inhalte und nicht um ökonomische Betrachtungen dreht. Doch Zellers 'Einblicke' schlagen mit NUR 14,80 EURO bei Fadenbindung, angenehmen Druckbild (zwei Spalten pro Seite), vielen Diagrammen, Hardcover, Spieler-, Eröffnungs- und Literaturindex ausserordentlich günstig zu Buche, sodass ich mit dieser Preiserwähnung ebenfalls eine Ausnahme vornehmen möchte. Das Buch gehört an den Sandstrand ... äh ... ins Bücherregal, doch vorher mindestens einmal gelesen ...

Übrigens Zeller erläutert zwar, dass er "mit 32 Jahren einen Höchststand von ungefähr 2460 erreicht" hatte und seitdem der Trend sinkt, dies hinderte ihn aber nicht daran erst kürzlich das 11. Reutlinger Open zu gewinnen und somit Material für weitere Einblicke gestaltet?! Wir werden sehen ...

Was habe ich nun gelesen? Ein Buch, welches Partien präsentiert? Ein Buch welches sich Eröffnungsstragien und psychologischen Aspekten widmet oder die versprochenen Einblicke in die Meisterpraxis? Ein Buch über den Schach-Enthusiasmus von IM Frank Zeller? Ich kann es nicht genau definieren: von allem etwas, aber es war unterhaltsam und ich sollte mich nun an die Arbeit mit meinen eigenen Partien machen, denn ... "Man kann sie nicht ernst genug nehmen!"

(C) Frank Große, 2005