In der 3. Auflage (2005) ist das "Schachlehrbuch für Kinder - Fortgeschrittene" von Markus Spindler beim Beyer Verlag erhältlich. Ziel des Lehrbuches ist es Kindern, welche bereits in der Lage sind die Gangart der Figuren richtig anzuwenden im Selbststudium an weiteres Schachwissen heranzuführen.

Die Zielgruppe

Der Autor Markus Spindler knüpft an den ersten Band "Schachlehrbuch für Kinder - Anfänger" nahtlos an und setzt voraus, dass die Schachregeln, das einfache Mattsetzen und elementare Endspiele gekonnt werden. Dieses Lehrbuch ist ein eigenständiger Band, welcher auf 130 Seiten primär die Grundlagen von Eröffnung und Mittelspiel, sowie der Partieauswertung vermitteln möchte. Das Buch soll das autodiktatische Kind oder Kindergruppen zum Selbststudium animieren bzw. den fehlenden Schachtrainer ersetzen. Ich kann mir aber auch gut den ein oder anderen Übungsleiter vorstellen, der sein Konzept verfeinern möchte und demzufolge Nutzen aus der Vorgehensweise ziehen möchte. Der (in dem Falle wohl das interessierte Kind) Leser wird mit der persönlichen Anrede angesprochen und ich denke, es gelingt dem Autor etwas "Nähe" - wie zu einem realen Schachtrainer - zu erzeugen.

Kapitel Mittelspiel

Auf gerade einmal 19 Seiten (den Aufgabenteil habe ich nicht dazugezählt) wird versucht einen Einstieg in das komplexe Thema zu finden. Dabei werden einige zu beachtende Faktoren angerissen und diese mittels 4 Regeln zur Planfindung festgelegt, der Rest des Kapitels besteht primär aus taktischen Motiven, wie Hinlenkung, Räumung etc. 8 Kontrollfragen eine Reihe von Übungsdiagrammen bzw. aufzubauende Stellungen (Die Lösungen zu allen Kapiteln befinden sich am Ende des Buches.) soll das taktische Auge 'schärfen'. Insgesamt finde ich die Artikelüberschrift "Mittelspiel" etwas hochgegriffen für die vermittelten Inhalte. Gerade für den Anfänger ist es aber schwer Licht im Dschungel zu finden ...

Kapitel Eröffnung

In diesem Kapitel hat der Autor m.E. verpasst auf die grundlegenden und wichtigsten Elemente der Eröffnung (welche im ersten Buch erarbeitet worden) mit Verfeinerungen zu vertiefen, dafür wird z.B. Platz für eine Tabelle der Eröffnungshäufigkeiten verwendet, welche die Eröffnungen der Leistungsgruppe der 9- bis 10jährigen (Stand: 1990) prozentual wiedergibt oder der Versuch unternommen Hilfe für die Erstellung eines Eröffnungsrepertoires zu leisten.

Für einen guten Ansatz halte ich die Arbeitsblätter zu den einzelnen Eröffnungen, die im Querformat mit Spalten ausgerichtet sind. Leider verpasst der Autor die Gelegenheit näher auf die Charakteristika der einzelnen Systeme einzugehen und verliert sich zu schnell in Varianten. Aussagen wie z.B. in der Hauptvariante der Französischen Verteidigung: "Schwarz muss den Damenflügel entwickeln und greift auch dort an, dabei darf er den weißen Angriff am Königsflügel aber nie aus den Augen verlieren. Es steht ein harter Kampf bevor." sind m.M. nach zu schwammig. Optimal gewesen wäre, wenn noch mehr Platz für eigene Notizen übriggeblieben wäre. Wir Erwachsenen notieren uns ja gerne das ein oder andere und bei Kindern ist hier sicherlich auch Bedarf, nur leider ist manches Arbeitsblatt so bedruckt, dass kaum Rand übrigbleibt. Scheut man sich hier vor dem Druck einer eventuellen Leerseite?

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Kapitel Sportart Schach, Regeln und ihre Geschichte

Hier werden die Verhaltensweisen und Vorgänge bei Turnierpartien erläutert, die aus meiner Sicht verständlich dargelegt worden und nicht zu ausufernd sind. Eine grobe Übersicht über die FIDE-Regeln und Auflistung der bisherigen Weltmeister (der Rücktritt von Garri Kasparow aus der Schachwelt wird bereits auch erwähnt!) runden den kurzen Ausflug in die Geschichte ab.

Kapitel Lehrpartien

Dieses Kapitel gliedert sich in Abschnitte mit von Kindern (wohl meist im Alter von rund 10 Jahren) gespielten Partien und solchen aus der Meisterpraxis. Der erste Abschnitt zeigt Partie, die von den gespielten Kindern selbst analysiert wurden. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass "ein waches Auge" zu haben ist und nach besseren Zügen Ausschau gehalten werden sollte. Danach werden Kinderpartien von Markus Spindler analysiert, bei welchen er versucht das Augenmerk auf die wesentlichen Dinge zu lenken und Feinheiten zu ermitteln. Das gelingt leider nicht immer, hier wären aus meiner Sicht mehr Beweise mit Varianten angebracht gewesen. Abschließend noch ein paar Meisterpartien (Unsterbliche ...), wobei die Auswahl von Partien wie Kasparow - Karpow, 10. WM-Partie New York 1990 unglücklich erscheint.

Statt Kontrollfragen wird der Leser mit 8 Partien, die via Euwetest nachgespielt/gelöst werden sollen konfrontiert. Die Partien entstammen nicht von Meisterwettkämpfen, sondern von oben erwähnten Kinderturnieren. Das finde ich eine gute Idee! Via Punktetabelle kann eine mögliche DWZ "errechnet" werden, was natürlich nicht überwertet werden sollte.

Kapitel Auf dem Weg zum Weltmeister

Die wichtigsten Prinzipien für Eröffnung, Mittel- und Endspiel werden hier noch einmal zusammengefasst. Die Erklärung der Spielregeln "Geisterschach", "Tandem" und "Phantomschach" gehört aus meiner Sicht nicht in dieses Kapitel und mit Kindermund zum Thema Schach wird das Buch abgeschlossen.

Fazit

Sofort positiv fällt mir auf, dass das Buch über Hardcover und Fadenbindung verfügt und damit dem jungen Sprößling auch die Möglichkeit gibt das Buch zu transportieren ohne Gefahr zu laufen, dass die Seiten sich lösen. Der Zweispaltendruck weiß zu gefallen, den Rahmen um die Diagramme finde ich etwas irritierend. Aufgelockert wird der Inhalt durch meist märchenmotivbehaftete Zeichnungen der Schachfiguren. Die Anzahl der Diagramme hätte unter Berücksichtigung der Zielgruppe aus meiner Sicht aber höher sein können, wenn nicht gar müssen! Einige Stellungen müssen erst noch aufs Brett aufgebaut werden und können nicht direkt vom Diagramm betrachtet werden, was ich eher als nachteilig betrachte, da ausser dem Buch ein Brett mit Figuren griffbereit sein muss, um lückenlos lesen zu können.

Für einen 9-13jährigen Autodidakten (ich schätze die Zielgruppe in diesen Altersbereich) wird versucht eine umfangreiche Materie anzubieten und mit der ein oder anderen Darlegung könnte selbiger überfordert sein. Durchhaltevermögen und "denkendes" Lesen sind angesagt! Werden diese - nicht nur für das Schach - wichtigen Eigenschaften dabei gebildet und ausgeprägt, zieht der/die Lernende(n) eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Erkenntnissen aus dem vorliegenden Schriftstück. In jedem Kapitel gibt es Kontrollfragen, die den Lernenden ermutigen sollen zum einen zu Vertiefen und zum anderen sich intensiver mit der Materie auseinanderzusetzen.

(C) Frank Große, 2005