Mit einer von Annette Borik 2005 überarbeiteten Ausgabe von Dr. Emanuel Lasker's "Lehrbuch des Schachspiels" vom Joachim Beyer Verlag taucht ein Klassiker wieder in Regalen auf.

Einmal die nüchternen Fakten vornweg: 254 Seiten, Fadenbindung, Hardcover, Zweispaltendruck, Partienverzeichnis, Personenregister, Problem-/Studienverzeichnis und Stellungsbilderverzeichnis wissen zu Gefallen und lassen keinen Ansatz für Kritik übrig. Soweit dazu!

Dr. Emanuel Lasker
braucht eigentlich keiner weiteren Vorstellung, zumal das Web auch viel Lesenswertes bietet und die Lasker-Gesellschaft sicherlich einen Großteil seines Lebens und Vermächtnisses dokumentiert bereithält. Dennoch: Lasker (1868 - 1941) war von 1894 bis 1921 Schachweltmeister und als zweiter Schachweltmeister (er löste Steinitz ab) der Titelträger, der selbigen bisher am längsten hielt. Dem ein oder anderen dürfte bekannt sein, dass er sich auch als Mathematiker und Philosoph einen "Namen" machte.
 
Die erste Auflage des hier besprochenen Buches erschien wohl 1926 (lt. Deutscher Bibliothek), wenn auch das Vorwort 1925 geschrieben. Bereits 1928 gab es die sechste überarbeitete Auflage und Annette Borik, die Deutsche Damen-Meisterin von 1986 hat sich die Mühe einer primär "technischen Renovierung" (Notation, Satz und Layout) gemacht, um nicht den Anspruch "zur Abrundung der Schachausbildung" zu verfälschen.
 
Genaugenommen müsste man den Mathematiker Lasker kritisieren, denn natürlich verwendet er nicht über 250 Seiten um das korrekte Ziehen der Figuren über das Zabel zu erklären. Nein, auch im Inhaltsverzeichnis werden SECHS Bücher aufgeführt, die da lauten:

lasker.jpgERSTES BUCH 
Die Elementarlehre des Schachspiels
(37 Seiten)

ZWEITES BUCH
Die Lehre von den Eröffnungen
(55 Seiten)

DRITTES BUCH
Die Kombination
(44 Seiten)

VIERTES BUCH
Das Positionsspiel
(62 Seiten)

FÜNFTES BUCH
Das ästhetisch Wirksame im Schachspiel
(15 Seiten)

SECHSTES BUCH
Beispiele und Muster
(30 Seiten)








 
Die "Elementarlehre des Schachspiels" (ERSTES BUCH) werden die meisten Leser auf freechess wohl überspringen, da diese in der Lage sind die Figuren ordnungsgemäss zu bewegen. Ergänzt wird die Einführung durch die Erläuterung der Notation und die Vorteile beim Mehrbesitz von Steinen. Unterhaltsam ist die ein oder andere Formulierung (die nun mittlerweile ca. 80 Jahre zurückliegt) dennoch und die Bezeichnung "Zabel" fürs Brett habe ich schon lange nicht mehr gehört/gelesen ...

Die im ZWEITEN BUCH dargelegten Eröffnungen entsprechen - wie im Vorwort dargelegt wird - dem Stand er Eröffnungstheorie zu Laskers Zeiten und sollte demzufolge nicht überbewertet werden (so wird z.B. Caro-Kann mit der Zugfolge 1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. c3 angegeben und mit "Um die Dame zu einem Ausfall nach Db3 verwenden zu können, auch um d4 zu sichern" begründet. Panow wird sein scharfes c4 erst 'später' der Schachwelt erfolgreich demonstrieren ...). Dennoch versucht Lasker anhand seiner Erläuterung das Problem "Wie sollen die Steine aus der Anfangsstellung, wo sie ungeordnet und einander hemmend stehen, zum Kampfe aufmarschieren" zu schematisieren und die Einführung in die Lehre der Eröffnungen zu geben.

Im dritten Abschnitt "KOMBINATION" wendet sich der Systematiker den zeitlosen Merkmalen der Kombination zu. Nach einer kurzen Erläuterung der Materie befasst sich Lasker mit den für die Taktik relevanten Motiven. Dabei bewegt er sich keinesfalls auf einfachsten Anfängerniveau und seine Stellungsfragmente entnimmt er Partien von u.a. Capablanca, Morphy, Steinitz, Aljechin etc. Er scheut aber auch nicht davor zurück einige wenige Problemstudien einzustreuen und an selbigen Motive zu erläutern.

Stellung für Stellung erklärt Lasker die richtige Zugfolge. Aufgrund von vielen Diagrammen sind die Stellungen meist problemlos direkt vom Blatt spielbar, was ich als sehr positiv empfinde und dem Lernenden die Möglichkeit gibt das Lernen auch auf z.B. Reisen zu ermöglichen. Hier lernt der Interessierte kombinatorische Motive aus der Meisterpraxis! Wer sich im Inhaltsverzeichnis wundert wo denn das Endspiel bleibt, der wird mit den Motiven "Zugzwang, Patt und Dreieck" in diesem Kapitel fündig. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf den elementaren Bauernendspielen, welche bis zur Bauernumwandlung und dem Durchbruch mit Beispielen belegt werden.

Den umfangreichsten Teil des Buches nimmt der Part des Positionsspieles ein. Lasker beleuchtet den Gedanken "Plan" und basierend auf den Steinitzschen Lehren werden die strategischen Prinzipien erarbeitet. Dazu wird sich ebenfalls wieder ausgiebig an den Partien der Meister bedient. Apropo Steinitz: Lasker, der den ersten Weltmeister vom Thron gestossen hatte war klarer Bekenner seiner Lehren und legt dies auch deutlich dar. Seitdem hat sich natürlich das Schach weiterentwickelt, aber ohne diese Lehren kommt der aufstrebende Spieler genausowenig aus, wie ohne Studium derselben!

Nach dem Pragmatischen wendet sich Lasker im fünften 'Buch' der Ästhetik zu und konstantiert hierfür wiederum würdige Partien seiner Zeit, so z.B. Anderssen - Kieseritzky (London, 1851), Pillsbury - Lasker (St. Petersburg, 1895), Réti - Bogoljubow (New York, 1924) und einige Partiefragmente. Vervollständigt oder zusammengefasst wird die Kombination aller bisher im Buch behandelten Merkmale durch 23 kommentierte Meister-Partien in Kapitel 6. Diese zu betrachten, wird stark ans Herz gelegt.

Beendet wird das Werk durch Laskers Schlussbetrachtungen zur "Erziehung zum Schach" (siehe auch hier) und die "Zukunft der Lehre von Steinitz", welche Lasker philosophisch betrachtet. Die dort niedergeschriebenen Meinungen von Lasker sorgen für den Schachfreund und Historiker mindestens für Unterhaltung und bilden den Abschluss eines vielseitigen Buches, welches aus meiner Sicht eine breite Fülle von Material bietet und den Einsteiger auf niveauvolle Weise Schritt für Schritt zum Schach führt. Für Spieler, die die Regeln bereits beherrschen eignet sich das Eröffnungskapitel als zum einen als historischen Rückblick und zum anderen zum Erkennen von Prinzipien. Die Kapitel "Kombination" und "Positionsspiel" beinhalten sehr viel Lernmaterial auf (für Einsteiger) anspruchsvollem Niveau und können getrost auch dem fortgeschrittenen Schachfreund empfohlen werden. Das Rest des Buches ist lehrreich und unterhaltsam und bildet - einer Schachlehre würdig - den Grundstein für den angehenden Meister ... Klar, es gibt mittlerweile viele Bücher für den Einstieg in die Materie: "der Lasker" ist aber ein zeitlos guter Klassiker!

Etwas amüsant ist die Bemerkung aus dem Vorwort, dass sich "erstmalig ein Weltmeister" darauf eingelassen hat, Schachanfängern Einblick in die Grundlagen zu gewähren. Vor ihm hatte ja nur Steinitz die Gelegenheit  und danach haben es weitere versucht ...

(C) Frank Große, 2005