GM Stefan Kindermann gilt in deutschen Landen als "Mr. Leningrad" und versucht in seinem Buch "Spanisch Abtauschvariante - Auf den Spuren Bobby Fischers" dem e4-Weißspieler einen Weg abseits der vielschichtig verzweigten Hauptvarianten aufzuzeigen, ohne dabei auf Gewinnhoffnungen zu verzichten.

Der Autor

Stefan Kindermann
(ELO 2546) - seit 1988 Großmeister - arbeitet seit vielen Jahren auch als Autor und Trainer. Im Rahmen seiner bisherigen Schachprofi-Karriere hat er Deutschland auf Olympiaden vertreten und sich für die Weltmeisterschaft qualifiziert. In der Bundesliga spielt er für den TV Tegernsee in der kommenden Saison am 6. Brett. Die vergangene Saison beendete er ungeschlagen mit 10 aus 14 (71%) und zählt somit zu den Stützen seines Teams, welches im letzten Jahr den vierten Platz belegte! Größten Bekanntheitsgrad als Autor hat er durch das 2002 erschienene Buch "Leningrader System - Eine Waffe gegen 1. d4" erlangt, in welchem Kindermann seinen ganz persönlichen Blick auf das Leningrader System lenkt und das Buch seitdem als Referenzwerk für diese Eröffnungsvariante angesehen werden kann. Wird ihm dieser Erfolg mit dem hier publizierten System ebenfalls gelingen?

Die Spanische Abtauschvariante

Nach den Zügen 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. Lxc6 dc 5. 0-0 entsteht die vom 1959 geborenen GM Kindermann untersuchte Stellung. In der Historie dieser Eröffnung hat insbesondere Ex-Weltmeister Lasker die Züge 5. d4/5. Sc3 untersucht, bevor Ex-Weltmeister Bobby Fischer in den 60ern mit 5. 0-0 für Aufsehen und Erfolge sorgte. Seit Ende 2004 ist Rustam Rustam Kasimdschanow Weltmeister der FIDE. Er setzte diese Variante innerhalb dieser Weltmeisterschaft dreimal ein und erzielte 2,5 Punkte! Im Viertelfinale  gewann er gegen Grischuk und im Finale ging er in der vierten Runde gegen Michael Adams in Führung, um dann in der entscheidenden Tie-Break-Partie sich mit einem Remis mittels der Spanischen Abtauschvariante zu "begnügen". Der Sieg gegen Adams kann hier nachgespielt werden. Aber auch Spieler wie Aljechin, Adorjan und Naiditsch sammelten mit der Variante Erfolge, um nur einige Namen zu nennen.

Schaut man sich die in den letzten Jahren zu dieser Variante erschienene Literatur an, so ist 1998 im Batsford Verlag von Andrew Kinsman die letzte Veröffentlichung zu der Thematik erschienen und für den August 2005 ist "Ruy Lopez Exchange" (Krzysztof Panczyk, Jacek Ilczuk) aus dem Everyman Verlag als Alternative angekündigt.

Die Grundidee von Weiss ist die Bildung einer Bauernmajorität am Königsflügel mit gleichzeitiger Entwertung der Schwarzen am Damenflügel durch den Doppelbauer auf der c-Linie. Interessant ist, dass Weiß das strategische Geschehen früh bestimmt und Schwarz entweder das schlechtere Endspiel akzeptiert oder Risiken eingehen muß um aussichtsreiches Gegenspiel zu erlangen.

Das Buch

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In einer knappen historischen Einführung erläutert der Autor wie er den Weg zur Variante gefunden hat und zählt nebenbei die aus seiner Sicht kritischen Varianten Offener Spiele mit ihm zu wenig versprechenden Erfolg auf. Über die wichtigsten historischen Partien gelangt Kindermann zur Motivation des Buches. Hier schildert er, dass das Buch für den Weißspieler geschrieben wurde, um sich effektiv auf das System einzustellen und vorzubereiten. Als "Waffe" für die Schwarzspieler weist er auf die Lg4-Varianten.

 
Auf 12 Seiten erläutert der Autor die "Typischen Positionen" und legt hierbei die Grundlage des Studiums dieser Variante. Die dort dargelegten Inhalte sind für den erfolgreichen Einsatz des Abtausch-Spaniers unverzichtbar, aber auch jeder andere Schachspieler (der nicht diese Variante nicht auf dem Brett erhalten wird) kann von diesen Erläuterungen sehr profitieren, da hier charakteristische Kenntnisse vermittelt werden. Lehrreich!


Der theoretische Teil umfasst 78 Seiten und wird demzufolge dem Anspruch eines Praxisbuches gerecht. Die Kapitel sind in folgende Varianten gegliedert:

Das klassische und traditionelle 5...f6
Das ehrgeizige 5...Dd6
Das natürliche 5...Ld6
Das aggressive 5...Lg4
Das extravagante 5.Se7
Seltene Fortsetzungen

Die Art der Vermittelung bietet keine negativen Einwände. Kommentare und Diagramme runden den Inhalt ab. Gegen Systeme wie Russisch oder die Berliner Mauer (3... Sf6) liefert das Buch keine Hinweise, steht wohl aber auch nicht in der Intention selbigen. Im Abschnitt "Seltene Fortsetzungen" wird sich ausschließlich dem Schlagen 4... bxc6 (statt 4... dxc6) mit einigen Abspielen gewidmet. Eine kleine Anregung zum Jänisch-System findet sich dagegen im Vorwort.

Beim abschließenden Variantenindex scheiden sich bei mir noch die Geister. Dieser ist im Gegensatz zum Rest des Buches im Einspaltendruck angefertigt und füllt insbesondere aufgrund von großen Diagrammen 16 Seiten. Manch Leser wird dies als Schlüsselposition ansehen, ich selbst finde es eher Fehl am Platze. Durch diesen Umfang entsteht etwas der Eindruck das Buch künstlich aufzublähen, was es aber gar nicht nötig hat! Abgeschlossen wird das Buch durch das Verzeichnis der Partien, Personen und verwendeten Literatur.

Fazit

Der vermittelte Inhalt des Buches setzt ganz klar Akzente gegen gigantische Eröffnungsmonographien oder -datenbanken. Der Leser lernt Wissenswertes über ein System welches positionell orientiert ist und einen schachlich-praktisch nicht zu unterschätzenden Wert hat. Kindermann - selbst seit Jahren als Trainer tätig - nutzt seine didaktischen Fähigkeiten und hat (wohl auch aufgrund der positiven Resonanz auf sein Buch "Leningrader System") ein Lehrbuch erstellt, welches sich auf die wichtigsten Fakten für den Leser konzentriert und dank guter Konzeption diesen auch mit der Thematik vertraut macht. Anzumerken sei noch folgendes Zitat Kindermanns: "Um die Spanische Abtauschvariante erfolgreich handhaben zu können, sollte jedoch schon eine gewisse 'Freude am Endspiel' und insbesondere Lust am 'Kneten' risikoloser, leicht überlegener Stellungen gegeben sein ..."

Das Buch ist top-aktuell, so sind in den Partie Vescovi - Milos (Sao Paulo 2001), Glek -
Tkachiev
(Italien 2002) und Nisipeanu - Sofronie (Cappelle la Grande 2002) oben erwähnte Erfolge des aktuellen Weltmeisters eingeflochten.

Nicht heraufinden konnte ich welche weiteren Bücher aus der Reihe "Weißrepertoire für Praktiker" geplant sind, für das Kindermanns Buch lt. Klappentext das erste Repertoire-Buch darstellt.

(C) Frank Große, 2005