Der Beyer Verlag spezialisiert sich u.a. auf die Neuauflage längst vergriffener Klassiker. So ist die 4. Auflage von Alexander Koblenz "Schachtraining - Der Weg zum Erfolg" 2005 erschienen.
 
Auf 285 Seiten werden im kartonierten Buch 232 Diagramme präsentiert und rein äusserlich wirkt das Buch inhaltsreicher als netto herausspringt, denn ein relativ ungünstiges Layout und fehlender Zweispaltendruck verschenken aus meiner Sicht unnötig Papier. Aber zum Inhalt:

FM Vladimir Budde hat das ursprünglich 1966 erschiene Buch vollständig überarbeitet, was laut Beschreibung auf der Homepage des Verlages bedeutet, dass "didaktischen Mängel der ursprünglichen Fassung ausgeräumt und entsprechend dem heutigen Wissensstand der Schachstrategie und -technik erweitert" wurden.

Der 1992 verstorbene lettische Meister Alexander Koblenz - meines Wissens Mathematiker - irritiert mich auf dem Klappentext, auf welchem 12 Vortragsstunden angekündigt werden, das Inhaltsverzeichnis und das Buch selbst aber 16 (!) ausweisen. Eventuell ist dies aber auch bei der Überarbeitung von Herrn Budde entstanden, näheres konnte ich nicht ermitteln. Jede dieser Vortragsstunden ist einem speziellen Thema gewidmet, wobei man den Ausdruck 'Stunde' nicht so wörtlich nehmen sollte, da im Normalfall mehr Zeit aufgewendet werden muss. Leider sind die Themeninhalte im Inhaltsverzeichnis nicht erwähnt. Ich möchte diesem Umstand hier nachkommen:

1. Über Srategie und Taktikkoblenz.jpg
2. Achtung! Türme!
3. Über "gute" und "schlechte" Läufer
4. Bauern werden zum Angriffsobjekt!
5. Nochmals über Bauernschwächen
6. Der Chamäleonbauer
7. Der Freibauer und die Blockade
8. Das Hemmen einer Bauernkette
9. Die Fesselung
10. Was ist relativ am wertvollsten?
11. Der Königsangriff
12. Die Könige haben kurz rochiert
13. Der Angriff auf dem Damenflügel
14. Die "Kunst der Verteidigung"
15. Das Spiel in gleichen Stellungen
16. Triumph der mathematischen Logik

Ein Interview (entnommen dem Schachkalender 1991) mit Alexander Koblenz ("Schach ist ein Kampf mit sich selbst") lässt dem Leser einen Einblick in seine Sichtweisen als Trainer. Als selbiger hat er sich international einen Namen erarbeitet und war u.a. Betreuer des Ex-Weltmeisters Michal Tal  (Trainingsmethoden mit Tal).

Die erste Stunde, welche sich einführend mit der Thematik "Strategie und Taktik" befasst weist ein seltsames Praktikum auf, bei dem primär Bauernendspiele getestet werden und aus meiner Betrachtungsweise nicht zum Kontext des Kapitelinhaltes stehen. Ebenso in diversen anderen Kapiteln. Die Kapitel selbst sind charakterisiert durch Partien oder Partiefragmente mit Kommentaren. Auf unübersichtliche Variantenbäume wird weitesgehend verzichtet, dennoch fehlt mir oft das Erarbeiten eines Resümees, welches in aktuellen Lehrbüchern das gerade erworbene Wissen versucht zu verfestigen.
 
Aufgaben nach jedem Kapitel sollen zum Lösen animieren (die Lösungen selbst werden direkt im Anschluss an selbige gegeben), doch bin ich persönlich mit dem Inhalt und Leseweise des Buches insgesamt nicht "warm" geworden. Irritiert hat mich auch die unterschiedliche Partiedatenangabe, so wird oft Ort und Jahreszahl weggelassen, manchmal wird die Eröffnung als Unterüberschrift zur Partie erwähnt, in anderen Fällen wiederum nicht. Hier bin ich eher Freund von einheitlicher Handhabung, da so eventuelles Auffinden in Datenbanken leichter ermöglicht wird. Spieler-, Eröffnungs- und Partienverzeichnis fehlen ganz!
 
FM Budde hat aus meiner Sicht (es ist leider nirgends detaillierter beschrieben) zu einigen Kapiteln auf die Themen abgestimmte Ergänzungen (z.B. aktueller Partien samt Analyse) angehängt und das Buch um den Beitrag "Die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit" erweitert, in welcher die letzte große Hängepartie in der Geschichte der Schach-Weltmeisterschaften einer Analyse unterzogen und dort auf das "Verständnis" von Computern verwiesen wird.

GM Alexander Yermolinsky hält in seinem Buch "Der Weg zur Verbesserung im Schach" die "Sowjetische Schachschule" für unzureichend. Eine Meinung die ich so absolut nicht teilen kann, aber in Anbetracht des vorliegenden Buches teilen würde.

(C) Frank Große, 2005