2002 erschien im Chessgate-Verlag das Buch "Leningrader System - Eine Waffe gegen 1.d4" von Stefan Kindermann. Erst seit wenigen Wochen gibt es die englische Neuauflage "Leningrad System - A Complete Weapon against 1. d4", die auch für den Besitzer des deutschen Buches interessant ist ...

Wer nähere Infos zum Autor nachlesen möchte, dem sei die Rezension zur Spanisch-Abtauschvariante empfohlen. Erst letztes Wochenende endete die Staatsmeisterschaft 2005 in Österreich, in der Kindermann den undankbaren vierten Platz belegte.

Stellungen des Leningrader System sind neben 1. d4 auch gegen 1. c4, 1. Sf3 oder 1. g3 erreichbar und somit beinhaltet das Buch ein komplettes Repertoire gegen o.g. Eröffnungskomplex. Erschien die erste Auflage noch im Chessgate-Verlag, so ist die englische Edition bei der Edition Olms gedruckt worden. Im Vorwort zu dieser Ausgabe macht GM Stefan Kindermann klar, dass er erfreut darüber ist, dass Buch in englischer Sprache zu veröffentlichen und damit die Möglichkeit erhält auf Kritik und Fragen der deutschen Auflage zu antworten. Somit stellt dieses Werk keine einfache Übersetzung, sondern die erweiterte und überarbeite Ausgabe dar!

In der Historie und Einführung wird der Weg zur für das Leningrader System charakteristischen Variante 1. d4 f5 2. g3 Sf6 3. Lg2 g6 4. Sf3 Lg7 5. 0-0 0-0 6. c4 d6 7. Sc3 De8 gefunden. Das darauffolgende Kapitel zeigt sowohl für Schwarz, als auch für Weiß "Typische Motive und Ideen" und ist als Einstieg für alle wärmstens zu empfehlen. Dieses Kapitel ist 1:1 von der deutschen Ausgabe übernommen worden, wobei mir im deutschen Buch das Druckbild besser gefällt. Dies ist aber der einzige Kritikpunkt, denn didaktisch wertvoll werden die vielfältigen Motive aufgezeigt.

leningrad.jpgDen Hauptteil des Buches (156 Seiten) nehmen die Erläuterungspartien ein. Hier gilt es für Besitzer beider Ausgaben zu vergleichen, denn gleich in der ersten Erläuterungspartie werden neue Hinweise etc. gegeben. Dieser Trend setzt sich über das ganze Buch fort und ist charakteristisch für Neubewertungen etc. Prinzipiell versteht Kindermann es wörtliche Ausführungen mit Varianten zu untermalen und belegen. Die Erläuterungspartien werden von vielen Analysediagrammen nebst Erläuterungen geziert. Die englische Auflage hat im Umfang in zwei Kapiteln zugenommen, welche als Alternative zur Hauptvariante 8... Sa6 (statt 8... a5) und das frühe 7... Se4 in Systemen mit b3 untersucht.

Kindermann berschränkt sich in seinem Repertoirebuch nicht nur auf die verschiedenen Systeme mit/ohne frühem b3/b4, sondern widmet ein Kapitel auch dem System mit Sbd2 nebst e4 und/oder c3/b4. 19 Seiten Umfang nehmen die Betrachtungen zur Karlsbader Variante (Weiß spielt Sh3) ein. Das System mit 4.c3 und 5.Db3 wird anhand der Partie Anand - Fritz (Frankfurt 2000) - welche Fritz übrigens gewann - kurz betrachtet, bevor der Leningrader Stonewall eine Betrachtung erhält. Auf den folgenden vier Seiten wird die allgemeine Zugfolgenproblematik einem Blick unterzogen und ist aus meiner Sicht für alle Leningrad-Spieler interessant, da Zugumstellungen Relevanz bei diesem System besitzen, weil sowohl Weiß, als auch Schwarz nicht ausschließlich forcierten Varianten folgen müssen. Insgesamt sind aber über das komplette Buch verstreut Hinweise zu dieser Thematik zu finden.

Systeme mit Lf4/Lg5 oder 2. Sc3 runden das Repertoire ab, bevor über das Stauton-Gambit (2. e4) und seltenen Forsetzungen von Weiß im 2. Zuge die Empfehlung 1. Sf3 f5 2. d3 (!) als weiße Waffe gegen den Aufbau empfohlen wird (Dieses Kapitel ist in der deutschen Ausgabe nicht enthalten.). Kindermann empfiehlt hier 1... d6, was aber nach 2. e4 in Gefilde der Philidorverteidigung, Sizilianisch oder Pirc überleiten kann.

Manche tun es und manche tun es nicht! Kindermann zählt zu den Meistern die Empfehlungen Ihrer Bücher selbst anwenden, so ist die wohl momentan zu letzt gespielte Partie bei o.g. Staatsmeisterschaft gespielt worden (gegen IM Hoelzl) und kann hier nachgespielt werden. Im Zeitraum von 2002 - 2005 hat Kindermann lt. Mega Database 2005 20 Partien mit den schwarzen Steinen und der holländischen Verteidigung gespielt und dabei 5 Siege, 9 Unentschieden und 6 Niederlagen erzielt.

Das von manchen Seiten kritisierte Druckbild ist in der englischen Ausgabe um einige "Spielereien" ärmer geworden und hat dabei die Diagramm-Nummerierung leider verloren. Dafür haben sind die Kapitel nun nummeriert, was ich fürs Nachschlagen komfortabler finde. Positiv finde ich dem Umstand, dass Analysediagramme etwas kleiner als die eigentlichen Partiediagramme gehalten werden. Insgesamt 27 Beispielpartien bilden den Kernteil des Werkes, aber mit den in diesem Erläuterungspartien betrachteten Analysen kommen mehrere Hundert Partie in Betrachtung. Bibliographie, Spieler- und Partienindex lassen neben dem Variantenindex (vorteilhafterweise als letztes im Buch angeordnet) keine Wünsche übrig.

Jedem, der sich mit dem Leningrader System intensiver auseinandersetzen möchte - egal welcher Spielfarbe - kann ich dieses Werk nur ans Herz legen, da hier der wohl aktuelle Stand aus Sicht eines spielenden Großmeisters erschöpfend dargelegt wurde. Eine Leseprobe gibt es hier: Leseprobe Kapitel 3.3.2. Wer einen weiteren Einblick in die Kommentar-Methodik Kindermanns erhalten möchte, dem sei die Analyse der Partie Kortschnoi - Grischuk, Biel 2001 empfohlen (welche witzigerweise eine Widerlegung gegen den Stonewall-Aufbau im Holländer präsentiert). Angemerkt dazu sei, dass die Buch-Analysen umfangreicher sind.

(C) Frank Große, 2005