Freechess.info hat vor kurzem über die aktuellen Bücher "Spanisch Abtauschvariante" und "Leningrad System" von GM Stefan Kindermann rezensiert und positive Kritiken vergeben. Wir haben den Großmeister über Gegenwärtiges und Zukünftiges per e-Mail befragt und er hat uns Antworten gegeben ...

freechess: Guten Tag Herr Kindermann, in keinem der o.g. Bücher ist ein kleiner Abriss der bisherigen Karriere von Stefan Kindermann zu lesen (sieht man einmal vom Klappentext ab). Wie sind Sie zum Schach gekommen und welchen Weg hat Ihre Karriere bis zum Großmeistertitel 1988 genommen?

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Gelernt habe ich Schach schon mit etwa fünf Jahren, damals ist der Funke aber noch nicht übergesprungen. Mit 12 Jahren verlor ich dann gegen einen Schulkameraden, was mich sehr ärgerte. Daraufhin habe ich mir ein Schachbuch gekauft, um mich zu "rächen" und meine Leidenschaft für das Spiel begann. Wichtige Stationen auf dem Weg zum Großmeister waren meine beiden ersten beiden IM-Normen (damals noch etwas besonderes, kein deutscher Spieler hatte das im Verlauf einiger Jahre geschafft) in Griechenland. Den IM-Titel erhielt ich 1980, dann aber war es ein schwerer Weg zum GM, wenngleich ich elomäßig die entsprechende Stärke schon hatte. Immer versagten die Nerven kurz vor der ersten GM-Norm...Geschafft habe ich die erste Norm dann 1987 in Stary Smokovec, danach ging es leicht. Inzwischen hätte ich sicherlich 20-30 Normen gesammelt.

freechess:
Seit dem Großmeistertitel haben Sie Deutschland auf Olympiaden vertreten und sich einmal für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Auf welche Erfolge können Sie seitdem zurückblicken und was waren Ihre Enttäuschungen?

Stefan Kindermann:
Als größter Erfolg ist sicher der Sieg im Zonenturnier 1995 unter anderem vor Kortschnoi zu nennen, die Enttäuschung war der daraufolgende Zusammenbruch der Strukturen im Weltschach, das ersehnte Interzonenturnier fand gar nicht statt, erst 1997 kam es zur ersten Ko-WM in Groningen, bei der ich in der ersten Runde den damals amtierenden US-Champion Yermolinsky ausschalten konnte, dann aber gegen Milos ausschied. Insgesamt waren diese Entwicklungen sowie das berüchtigte Ende von Bayern München  mit dem Tod von Sponsor Jelissen ausschlaggebend, der Vollprofikarriere den Rücken zu kehren. Auch haben sich natürlich die finanziellen Konditionen für Profis seit der Öffnung des Ostens sehr verschlechtert.

freechess:
Sie spielen derzeit für den TV Tegernsee in der Bundesliga und waren vergangene Saison ungeschlagen mit 10 aus 14 eine Stütze Ihres Teams. Desweiteren haben Sie bei eben abgeschlossenen Staatsmeisterschaften von Österreich den vierten Platz belegt. Welche aktuellen Ziele verfolgen Sie?

Stefan Kindermann:
Mein Abschneiden bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften war natürlich sehr schwach und enttäuschend, aber leider hatte ich keinerlei Kraftreserven mehr und mußte völlig unvorbereitet in den Kampf ziehen. Insbesondere die Arbeit für unsere Münchener Schachakademie, ein sehr schönes Projekt (Anmerkung der Red.: Details nach dem Interview), aber auch eine Serie von Infekten (durch meine fünfjährige Tochter) aus dem Kindergarten "mitgebracht" hatten meine guten Vorsätze für den Kampf um die Meisterschaft torpediert. Resultat waren viele Probleme in der Eröffnung und massenhaft peinliche Kurzremisen. Grundsätzlich war die Teilnahme aber dennoch wichtig, da sie eine Voraussetzung für die Nominierung ins österreichische Olympiateam bedeutet. Ziel ist es, dei bisher stärkste österreichsiche Olympiamannschaft mit Niki Stanec auf die Beine zu stellen, wofür allerdings der ÖSB entsprechende Finanzmittel aufbringen müßte. (Ich bin österreichischer Staatsbürger, war aber über viele Jahre hinweg in der deutschen Eloliste und so spielberchtigt für die deutsche Nationalmannschaft.) Mein Hauptfokus wird aber in der nächsten Zeit sicherlich auf dem Aufbau unserer Münchner Schachakademie liegen.

freechess:
Ulla Hielscher schrieb in Ihrem Resümee zur abgelaufenen Bundesliga: "Besonders aufgefallen ist mir auch, wie nervenstark meine Mannschaftskameraden Bischoff, Bönsch und Kindermann am Brett sitzen.". Woher nehmen Sie die besagte "Coolness" und welche Tipps können Sie hierzu eventuell verraten?

Stefan Kindermann:
Durch meine Tätigkeit als psychologischer Berater und Coach nach Methoden des NLP (Neurolinguistischen Programmierens-ich bin NLP-Master) habe ich mich viel mit der Thematik beschäftigt und habe als ein Projekt ein Buch über angewandte Schachpsychologie und Training, das bei Olms erscheinen soll. Allerdings wird sich das Projekt wegen unserer Akademie wohl erheblich verzögern (fertig ist etwa ein Viertel).

freechess:
Die Schach-Olympiade in Dresden 2008 ist in aller Munde. Mittlerweile sind Sie ja Österreicher. Was fällt Ihnen zum Thema Nationalmannschaft und Stefan Kindermann ein?

Stefan Kindermann:
Wie gesagt, ich hoffe sehr, mit einer möglichst starken Österreichischen Mannschaft an der Olympiade teilnehmen zu können, entscheidend wäre aber ein entsprechendes Budget um professionelle Konditionen zu ermöglichen.

freechess:
Noch einmal zurück zu Ihren Büchern: Das Leningrader System gilt als aggressive Waffe mit vielen taktischen Verwicklungen, während die Spanische Abtauschvariante auf positionellen Vorteil bis zum Endspiel hinzielt. Wie passen diese Systeme in das Repertoire eines Spielers? Haben Sie "Angst", dass Gegner sich aufgrund Ihrer Publikationen gezielt auf Sie vorbereiten oder bleibt das ein oder andere Geheimnis doch noch verborgen?

Stefan Kindermann:
Meine Priorität ist wirklich immer ein möglichst gutes Buch. Geheimnisse halte ich nicht zurück, allerdings entwickelt sich die Eröffnungsforschung einfach weiter. Normalerweise bereiten sich die anderen Profis aber sowieso mit Datenbanken und kaum mit Büchern vor. Zudem wären andere Profis sicherlich mißtrauisch und würden nicht glauben, daß ich die "Wahrheit" geschrieben habe...

freechess:
Sicherlich muss ein Großmeister sowohl positionell als auch taktisch sehr beschlagen sein. Dennoch hat jeder seine Vorlieben: Worin sehen Sie Ihre Stärken? In taktischen Verwicklungen oder langem Positionskampf mit der Verwertung minimaler Vorteile?

Stefan Kindermann:
Ich glaube, daß ich am stärksten bin, wenn ich über die Initiative mit Angriffschancen verfüge, mein stilistisches Ideal ist ein aktiver, klassischer Positionsspiel, das "moderne" wilde "Chaosschach" ist weniger mein Geschmack.

freechess:
Wird es eventuell Multimedia-CDs mit den Lehrinhalten von Ihnen geben?
Stefan Kindermann: Grundsätzlich kann ich mir das mit unserer Münchener Schachakademie gut vorstellen, auch mit Chessbase hatte ich schon diesbezügliche Gespräche. Bei Chessgate habe ich ja einige Lehrvideos produziert, die auch gut aufgenommen wurden.

freechess:
Haben Sie jemals Fernschach gespielt?
Stefan Kindermann: Ja, mit 14 Jahren habe ich ein Fernturnier der ersten Klasse gewonnen.

freechess:
Sicherlich haben Sie im Rahmen Ihrer langjährigen Karriere viele interessante Partien gespielt. Fällt Ihnen ad hoc eine Partie ein, auf die Sie besonders stolz sind und die Sie mit einer (kurzen) Analyse wiedergeben möchten?

Stefan Kindermann: Solche Partien werden auf unserer Homepage der Schachakademie zu finden sein, momentan allerdings noch eine "Baustelle", wohl ab November zugänglich.

freechess:
Dann sind wir mal gespannt. Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg. Vielleicht spielt der TV Tegernsee ja in diesem Jahr die Rolle von Werder Bremen ...

Münchner Schachakademie

Lt. Pressemitteilung soll im Januar 2006 die Münchener Schachakademie http://www.mucschach.de/ eröffnet werden. Als Trainerteam fungieren die Großmeister Gerarld Hertneck und Stefan Kindermann sowie die FIDE-Meister Ulrich Dirr und Dijana Dengler. Mit dem Slogan "Schach ist ideales Geistestraining" soll motivierend die Symbiose zwischen Gehirnjogging und Leistungssteigerung in jeder Lebenslage gefunden werden. Über den genauen Inhalt der Kurse ist auf der Homepage noch nichts zu erfahren, aber als Zielgruppe kommen alle Spieler und solche die es werden wollen in Frage. Dabei sollen effektive Denkstrategien für Organisation und Planung entwickelt werden, die "in verschiedenen Bereichen des Privat- und Berufsleben von Nutzen sind". Mit der Firma Immobilien Krulich konnte bereits ein Sponsor gewonnen werden, der das Projekt fördert.

(C) Frank Große, 2005