Der Co-Autor des gelungenen Buches "Gladiatoren Ante Portas" (freechess-Rezension) Volker-M. Anton stand freechess.info in einem E-Mail-Interview "Rede und Antwort".

freechess: Hallo Herr Anton, neben den mir bekannten Büchern "52-54-STOP Fernschach" (Fritz Baumbach) und "Faszination Fernschach" (Ludwig Steinkohl) zeichnen Sie sich verantwortlich für ein weiteres dem Fernschach gewidmeten Buch: "Gladiatoren Ante Portas". Bücher über Fernschach sind eher selten und wie kam Ihre Motivation dahingehend?

anton.jpgAnton:
Fernschach und der Kontakt zu Freunden weltweit sind für mich aufgrund meiner Lebensumstände - seit früher Kindheit bin ich an Muskelschwund erkrankt - von besonderer Bedeutung und ein Äquivalent für viele Dinge, die mir sonst leider verwehrt sind. Seit fast 40 Jahren bin ich dem Fernschach "verfallen" und so gab es Gedanken an ein Buch eigentlich immer schon. Aber erst der "sanfte Druck" meines Mitautors hatte dann Erfolg. Natürlich war mein Sieg im Massow-Memorial, dem bis dato stärksten Turnier aller Zeiten, die entscheidende Motivation dafür. Allerdings sollte es von Anfang an "mehr" als "nur" ein Turnierbuch mit der Ansammlung der gespielten Partien schlechthin werden. Dass dies gelungen ist, zeigen die durchweg sehr positiven Reaktionen und die Anerkennung, die das Werk weltweit gefunden hat. Etwas davon spiegeln auch die Meinungen im Gästebuch und die Rezensionen wider, die man auf unserer Homepage der
Gladiatoren
 nachlesen kann.

gladiatoren.jpgAnlässlich dieses Interviews möchte ich den Freunden von freechess im Rahmen einer Sonderaktion ein besonderes Preisangebot machen (befristet bis 30.09.05). Die Begleit-CD gibt es bei einer Bestellung gratis! Also Buch+CD für nur EURO 9,80 zzgl. EURO 2,20 Versand. Bei einer Online-Bestellung über unsere Homepage dann bitte im Fenster Anmerkungen den Hinweis "freechess-Aktion" mit angeben.

freechess:
Bleiben wir beim Buch. Fernschachspieler - ob groß oder klein - kommen heutzutage nicht ohne Bücher und Datenbanken aus. Was bevorzugen Sie und welche schachlichen Bücher ziehen Sie den Computern vor?

Anton:
In jungen Jahren landeten fast alle Neuerscheinungen im Sportverlag der DDR sofort in meinem Bücherschrank. Sie vermittelten mir die Moderne Eröffnungstheorie und das Wissen um Strategie, Taktik usw.. Heutzutage ist ein Theoriebuch schon "veraltet", wenn es erscheint oder? Also bedient man sich der Datenbanken und dem täglichen Zugriff übers Internet auf die Partien, um in Sachen Eröffnungen up to date zu sein. Leider ist m.E. auch festzustellen, dass Sorgfalt und Tiefgründigkeit bei einem Schachbuch nicht immer zu finden sind. Manches Werk wird schnell "zusammengeschustert" und man bedient sich schnell mal Varianten der Engines. Verwundert es da, dass uns bekannte alte Buchtitel von den Verlagen in bearbeiteten Auflagen immer wieder neu herausgebracht werden?

freechess:
Stirbt Fernschach Ihrer Meinung nach dank Computer innerhalb der nächsten 50 Jahre aus oder muss Schach "erweitert" werden, um nicht per Rechenkraft als mathematischer Komplex (wie z.B. das Go-Spiel) erfasst zu werden?

Anton:
Oh, da kommt mir Otto Reutters Couplet "In fünfzig Jahren ist alles vorbei" in den Sinn und die Prophezeiung eines Schachfreundes aus meiner noch aktiven Nahschachzeit, der mir vor gut 15 Jahren sagte, "Dein Fernschach" ist sowieso bald tot! Es lebt noch heute und ich denke, es wird auch eine ganze Weile noch so sein. Auf jeden Fall sollte das Thema Fernschach & Computer nicht traumatisiert werden. Wenngleich es für mich ein Alptraum ist zu hören, dass Fernschachspieler sogar schon mehrere PCs gleichzeitig am Laufen haben. Selbstverständlich hat das Aufkommen starker Schachprogramme und die immer leistungsfähigeren Computer die Fernschach-Landschaft verändert. Aber allein damit wird man kein Weltmeister und kann auch kein Turnier wie etwa das Massow-Memorial gewinnen. Basis für Erfolge auf Großmeisterebene sind nach wie vor ein hohes Schachverständnis und die Entwicklung neuer Ideen! Im Computerzeitalter schätze ich vor allem die Arbeit mit den Datenbanken und den schnellen Zugriff auf neueste Informationen.

freechess:
Im Schach von Angesicht zu Angesicht sind die Verhältnisse im Weltverband eher unorganisiert einzuschätzen. Wie ist die Organisation beim Internationalen Weltverband des Fernschachs (ICCF) einzuschätzen?

Anton:
"Fernschachserver (Schach im Internet) sind ein Schnäppchen", darf ich hier aus Ihrem Artikel in Fernschachpost 2/2005 zitieren. Für mich ist nach wie vor die ICCF als Organisation des internationalen Fernschachs erste Wahl.
Sicher, wie eigentlich in jedem großen Sportverband zu beobachten ist, gibt es Dinge, die einem nicht so gefallen, bzw. Ansichten, die man nicht unbedingt teilt. Als Aktiver verbinde ich einige Erwartungen mit dem diesjährigen ICCF-Kongress und hoffe auf einen tatkräftigen neuen Präsidenten.

freechess:
Gibt es beim Fernschach auch gute und schlechte "Kunden" (sprich: Lieblingsgegner und Angstgegner)?

Anton:
Dass es auch im Fernschach durchaus gewisse Angstgegner geben kann, schildert für seine Person mein Mitautor in "Gladiatoren Ante Portas". In meiner Praxis gibt es - wenn man so will - eher einen Lieblingsgegner, meinen langjährigen Freund Simon Webb. Sein tragischer Tod in diesem Jahr hat mich sehr erschüttert. Mit ihm habe ich seit 1984 die meisten Fernpartien gespielt, nämlich fünf. Wir hatten immer ein sehr nettes freundschaftliches Verhältnis, ganz im Geiste von Amici Sumus.

freechess: Zeitnot ist auch im Fernschach ein Thema. Welche Methodik wenden Sie an, um nicht in selbige zu geraten und wie verhalten Sie sich, wenn der Gegner sich in selbiger befindet? Welche prinzipiellen Tipps zum erfolgreicheren Spiel im Fernschach können Sie den Spielern von freechess.de geben? Wie bereiten Sie sich auf Gegner vor?

Anton:
Fragen, die an und für sich in wenigen Sätzen nicht zu beantworten sind und Stoff für eine längere Abhandlung (neues Buch?) bieten. Zeitnot, die bis an die Grenze einer ZÜ geht, gab es in meiner Fernschachpraxis nicht. So schenke ich der Eröffnungswahl und -vorbereitung auf meine Gegner (heute anhand der verfügbaren Datenbanken) schon immer große Beachtung und "spare" am Anfang der Partien die Bedenkzeit an, die dann ggf. für längere Analysenarbeit verwandt werden kann. Eventuell auftretende BZ-"Engpässe" bei einem Kontrahenten beeinflussen mein Spiel in keiner Weise, habe also keinen Geheimtipp, wie man in einem solchen Fall mal schnell ein Pünktchen einfahren könnte. Da wir es heutzutage mit dem "gläsernen" Fernschachgegner zu tun haben, d.h., im Vergleich zum alten Fernschach per Postkarte von jedem Spieler umfangreiches Partiematerial in Datenbanken leicht verfügbar ist, kommt der individuellen Partievorbereitung ein ungleich höherer Stellenwert zu als früher. Bestimmte Vorlieben und Eröffnungssysteme lassen sich studieren und man kann die Partieanlage darauf abstimmen. Trotzdem sollte man auf die eigenen Stärken setzen und keinesfalls seine Eröffnungssysteme vollkommen "umkrempeln". Denn auch der Gegner denkt bekanntermaßen mit und plötzlich muss man Neuland betreten, was einem überhaupt nicht liegt. Zum Thema Engines: man sollte sie erst dann konsultieren, nachdem man sich selbst intensiv mit der Stellung beschäftigt hat!

freechess:
Welche Turniere spielen Sie derzeit? Ist ein weiterer Erfolg, wie der Sieg des "Massow-Memorial" (der gegen die Creme de la Creme des Fernschach errungen wurde) in greifbarer Weite?

Anton:
Die Entscheidung, die "Gladiatoren Ante Portas" im Selbstverlag herauszugeben und damit den Schachfreunden ein Buch möglichst günstig anbieten zu können, erwies sich im Nachhinein doch als eine sehr arbeitsintensive Geschichte. Zumal auch Marketing und Vertrieb erhebliche Zeitfaktoren waren und noch sind. Eine neue Turnieraufgabe musste ich deshalb zurückstellen, plane aber jetzt die Teilnahme am nächsten WM-Finale und habe auch eine Einladung zum "Simon Webb Memorial" (Cat.XVI) auf dem Tisch.

freechess:
Vielen Dank für das Interview, viel Erfolg bei Ihren zukünftigen Turnieren und vielleicht lesen wir Sie ja demnächst wieder in den Bücherregalen der Händler.

(C) Frank Große, 2005