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Autor: Larry Kaufman
The Chess Advantage in Black and White
Opening Moves of the Grandmasters
Random House / McKay Chess Library
New York, 2004, in Englisch

498 Seiten, Taschenbuch 19,7 x 12,7 cm
ISBN 0-8129-3571-3.


Der Mann hat Mut!  0812935713.03.LZZZZZZZ.jpg

Kaum jemand traute sich in den letzten Jahren, ein komplettes Eröffnungs­repertoire zusammen zu stellen — für Schwarz und Weiß. Der US-amerikanische IM Larry Kaufman ist der couragierte Autor, nebenbei ist er auch ein renommierter Shogi-Meister (Shogi ist eine Art japanisches Schach).
Kaufmans ehrgeiziges Repertoire soll stimmig sein und modern, und bis in die Weltspitze gespielt werden können. Seine Auswahl begründet er ökonomisch: Wie sonst im Leben sei auch im Schach das Beste oft das Teuerste. Und die beste Variante sei meist jene, die am meisten Lern­aufwand verlangt. Die zweitbeste Variante dagegen ist oft kaum schlechter, erfordere aber deutlich weniger Arbeit, sei also „billiger“ zu haben. Daher wird Kaufman oft Zweitbestes empfehlen.

Was beste und zweitbeste Fortsetzungen sind, entnahm der Amerikaner den ‚Fritz Power­books 2003’ und deren Erfolgsstatistik. Die Qualität einer Variante entspricht der Über-/Unter-Performance von Weiß gegen Schwarz. Der Autor rechnet vor: Weiß gewinnt im Mittel aller Eröff­nungen 55% (Sw: 45%). Diese Weiß-Quote von 55%  bedeutet gemäß Elo-Mathematik +35 Punkte. Daher ist für Kaufman eine Variante dann gut, wenn sie diesen Elo-Vorteil aus Sicht von Weiß hebt und aus Sicht von Schwarz senkt.
Zweiter gedanklicher Eckpfeiler sind Kaufmans Neuerungen. Er sei zwar nicht der große Theorie-Hai, aber zusammen mit seinem PC samt Fritz, Junior, Hiarcs und den Daten­banken fand er interessante Neuerungen, und als erfahrener IM könne er die PC-Spreu vom Weizen trennen.
Den dritten Pfeiler bilden die mitwirkenden Experten: GM Kavalek war beim Kapitel über Halb­slawisch dabei, GM Alex Sherzer bei der Berliner Verteidigung (Spanisch). Und besonders vom Super-GM Mickey Adams habe sich Kaufman viele Schwarz-Fortsetzungen abgeschaut nach 1.e4 e5 (u. a. gegen Schottisch, Italienisch), denn Adams ist ein erfahrener 1..e5-Spieler.

Form und Inhalt

Larry Kaufman stellt seine Eröffnungen anhand von Lehrpartien vor. Gegen Spanisch zum Beispiel empfiehlt er die Abtausch-Variante; mit 10 Partien auf 29 Seiten erklärt er die wichtigen Varianten, fast alle Partien wurden nach 2000 gespielt. Über­haupt ist Kaufmans Theorie aktuell, das Manuskript schloss er November 2003. Um das große Pensum unter­zubringen, konzentriert sich der Autor auf ‚seine’ Varianten und auf die ersten 12 bis 15 Züge. Nicht ellenlange Zugfolgen seinen für den Leser wichtig, sondern das Verständnis der Eröffnung. Daher schreibt Kaufman zweieinhalb Seiten Einführung zur Abtausch-Variante, dann folgt ein kurzer „Chapter Guide“; darin nennt er die wichtigsten gegnerischen Antworten und sagt, in welchen Partien welche Fort­setzungen zu finden sind. Erst auf der dritten oder vierten Seite beginnt die spezielle Theorie.
Das Buch ist also weniger geeignet für Lernende, die möglichst viele und tiefe Varianten suchen  — sie werden mit der Enzyklopädie (ECO) oder speziellen Lehrbüchern glücklicher. Kaufmans Stärke ist es, das Wesentliche zu schreiben über ‚sein’ Repertoire. Seine Varianten lässt er gern früh abzweigen von den breiten Wegen, eben weil er das Zweitbeste wählt. Dann sind Kaufmans Vorschläge klar und scharf. Beim Nach­spielen fällt auf, dass seine Ab­weich­ungen in den großen Datenbanken (z.B. MegaBase) oft besonders erfolgreich abschneiden.

Was soll wEISS spielen?

Obwohl Kaufman selbst gern 1.d4 spielt, hier rät er zu 1.e4. Um dem Theorieberg im Spanisch zu entkommen, soll Weiß gegen 1..e5 die Abtauschvariante spielen und wie Fischer mit 5.0-0 fortsetzen. Gegen Sizilianisch will Kaufman das offene Spiel nach 2.Sf3, 3.d4 und 4.Sxd4 unbedingt vermeiden: zu gefährlich, zu viel Theorie. Daher soll Weiß auf 2..Sc6  mit dem Rossolimo-Angriff (3.Lb5) antworten und gegen 2..e6 einen Aufbau mit 3.b3 wählen, alternativ auch 3.d3. Gegen 2..d6 rät der Autor zur Moskauer Variante 3.Lb5+. Warum? Weil das Offene Sizilianisch nach 2..d6 Weiß einen Elo-Vorteil von +30 beschert, die Moskauer Variante aber „nur“ +29. Dann lacht er: Für einen lausigen Elo-Punkt weniger für Weiß schrumpft dessen Lernpensum gegen 2..d6 auf ein Fünftel! Kaufman weiter über die Moskauer Haupt­variante (nach 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Ld7 4.Lxd7 Dxd7 5.0-0 Sc6): 6.De2! Sf6 (oder Zugumstellung 5..Sf6 6.De2 Sc6) und nun 7.Td1! Die Erfolgsquote spricht jetzt klar für Weiß.
Französisch wird mit der Tarrasch-Variante 3.Sd2 bekämpft, gegen Caro-Kann soll der Leser mit dem Short-System vorgehen, einer soliden Fortsetzung innerhalb der Vorstoß-Variante. Gegen Aljechin wird abgetauscht und auf Russisch folgt der Kaufmann-Angriff 5.c4; leider ein anderer Kaufmann, wie unser Autor augen­zwinkernd bedauert

Und was spielt Schwarz?

Gegen 1.e4 empfiehlt Kaufman 1..e5, und wenn es ins Spanische geht die Berliner Verteidung (BV; 1.e5 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6). Das Kapitel ist ein Herzstück im Buch (35 Seiten), hier ist die sprachliche Einführung in Theorie und strategische Ideen besonders umfangreich. Auch hat sich Kaufman dafür den BV-Experten Alex Sherzer als Mitautor geholt. (GM Sherzer spielt die Verteidigung seit vielen Jahren, nicht erst, seit Kramnik damit gegen Kasparow erfolgreich war.)
Gegen 1.d4 oder 1.Sf3 oder 1.c4 will Larry Kaufman immer ins Halbslawisch kommen (Bauern-Triangel d5, e6 und c6). Anhand von Listen für Zugumstellungen diktiert er seinen Lesern förmlich, wie sie das mit Schwarz schlau hinkriegen. (Zugumstellungen sind ein Thema, das in vielen EÖ-Büchern gern unter­schlagen wird.)

Bevor Kaufman für Halbslawisch plädiert, setzt er dem staunenden Leser eine Checkliste mit 5 Forderungen vor und meint, eine gute Verteidigung gegen 1.d4 müsse alle Punkte erfüllen:
1. Die Verteidigung muss gegen alle Zug­um­stellungen funktionieren
2. Sie muss bei den GM voll akzeptiert sein.
3. Sie muss gute Gewinn­chancen bieten.
4. Sie darf es Weiß nicht erlauben,
die bessere Seite eines Remis-trächtigen Abspiels zu bekommen.
5. Die Verteidigung muss in der Praxis gute Ergebnisse bringen.

Halbslawisch erfülle alle Bedingungen, Nimzo- oder Königsindisch z. B. scheitern schon an Punkt 1. Dann wird die Meraner Ver­teidigung besprochen (Zviagintsev-Variante) und einige Anti-Meran-Systeme (5.Db3; 6.Dc2). Es folgen die Moskauer Variante im Halb­slawisch (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c6 4.Sf3 Sf6 5.Lg5 h6 6.Lxf6 Dxf6) und die messerscharfe Botwinnik-Variante mit 6.Lh4 dc4 7.e4 g5, Kaufman nennt sie „Anti-Moscow Variation“.

Dazu ein kleiner Test:
Kasparow spielte im November 04 die Botwinnik-Variante (D43) gegen Dreev (RUS-Ch, Moskau). Mit Kaufmans Repertoire im Kopf hält der Leser gegen Kasparow mit bis 12.f3, dann weicht Dreev ab (12..Sbd7; Kaufman 12..Tg8). Aber selbst wenn der Leser die ganze 600-seitige Eröffnungs-Enzyklopädie Band D (2004) parat gehabt hätte, reichte sein Wissen kaum weiter: die neue ECO-D kennt nur 12..Sbd7 13.0-0, Kasparow zog aber 13.fg4.

Das Marshall-Gambit bekam auch ein Kapitel (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c6 4.e4), insgesamt schreibt Kaufman über Halbslawisch 68 Seiten. Danach erläutert der Autor, was Schwarz gegen die Damengambit-Abtauschvariante spielen soll, gegen Katalanisch und die D-Bauern-Eröffnungen (Colle usw.). Die letzten 14 Seiten behandeln knapp „andere weiße Eröffnungs­züge“ wie 1.b4, 1.b3, 1.f4 und ähnliches. 

Schwachpunkte

Innerhalb der Lehrpartien verzichtet Kaufman aus Platzgründen auf Partiezitate. Im Anhang gibt es zwar eine Bibliographie, aber kein Spieler-/Partien-Verzeichnis. Vermisst wird auch ein Varianten­baum, um sich schnell in den 500 Seiten zu orientieren. Das Taschen­buch ist bescheiden ausgestattet: kleinformatig, einspaltig gesetzt in alpha-numerischer Notation auf mäßigem Papier. Ich hätte mir vor allem ein größeres Format gewünscht zum besseren Arbeiten und für Notizen am Blattrand. Verglichen mit dem günstigen Preis (16€  bei amazon.de) sind das alles kleine Schwächen.

Fazit

IM Larry Kaufman stellte ein komplettes Eröffnungs­repertoire zusammen. Seine Vorschläge sollen dem Leser Gewinnchancen bieten, mit Weiß wie mit Schwarz, dabei den Lern­aufwand möglichst gering halten. Mit reichlich Text zwischen den Varianten gelingt es dem Autor, sein Repertoire plausibel zu machen; dabei legt er Wert auf aktuelle Theorie und auf die strategischen Ideen hinter seinen Vor­schlägen. Kaufman mag Neben­varianten. Sie stammen von PC-gestützten Analysen, der statistischen Aus­wertung von Daten­banken, der Mitarbeit von Experten, oder sind dem abgeschaut, was starke GM spielen.

Ob ein komplettes Repertoire benötigt wird oder nur ein paar neue Eröffnungsideen, Kaufmans kompaktes Handbuch hilft weiter. Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Kaufempfehlung.                               

© Dr. Erik Rausch
Rochade Europa 2/2005