1857443950.03.MZZZZZZZ.jpg Autor: Garry Kasparov
My Great Predecessors   -   Fischer Part IV
With the participation of Dmitry Plisetsky Everyman Publishers plc, London, 2004. In Englisch.
496 Seiten, 25x17cm, gebunden

ISBN 1-85744-395-0
Bezugsquelle: Schach E. Niggemann, Postfach, 46356 Heiden

und im amazon-ChessShop bei freechess.de
Groß, dick und blutrot — wie seine drei Vorgänger gibt sich auch Band 4 von Garri Kasparows Weltmeister-Chronik ganz wichtig. Die erste Enttäuschung folgt nach einem Blick ins Inhaltsverzeichnis: Zwar hat das Buch knapp 500 Seiten, und auf dem Umschlag prangt nur Bobby Fischer, aber die ersten 205 Seiten berichten Kasparow und seine Truppe fast nur über „Sammy, Miguel and Bent“, so heißt Teil 1. Gemeint sind Reshevsky, Najdorf und Larsen, drei große westliche Meister aus Fischers Ära.

Kasparow beginnt mit Samuel Reshevsky (1911-92), dem Wunderkind aus Polen, das schon mit zwei Jahren als extrem intelligent auffiel. Reshevsky ist neben Murphy und Capablanca einer der wirklich Hochbegabten, die das komplexe Spiel lernten, nur weil sie Erwachsenen dabei zusahen. Mit fünf Jahren spielte Reshevsky schon besser Schach als seine Umgebung. Die Eltern tingelten mit dem Wunderkind zum Geldverdienen quer durch Europa, mit acht erreichte der Knabe im Matrosenanzug Meisterstärke. Aber wie Keres schaffte auch Reshevesky nie den Sprung nach ganz oben  —  vielleicht, weil ihm Qualifikations-Turniere weniger lagen als Zweikämpfe, mutmaßt Kasparow. Übrigens ist Reshevsky der einzige Mensch, der gegen 11 der 13 Weltmeister spielte. (Die fehlenden zwei sind Steinitz und Kasparow.) Mit 24 Partien im Buch erweist Autor Kasparow ihm deutlich Referenz.

Von Bent Larsen zeichnet Kasparow ein eher tragisches Bild. In den späten 60er-Jahren habe der Däne das Weltschach mitbeherrscht: über fünf internationale Turniere nacheinander gewann er. Das blieb Rekord, bis Garry kam. Tragisch sei Larsen, weil er im entscheidenden Moment an zwei Spielern scheiterte: an Spassky und an Fischer, und weil sich Larsen von seiner schlimmen Niederlage gegen Fischer (0:6) nie ganz erholte. Danach sei er ein anderer Spieler geworden, meint Kasparow.

Aber was ist mit Reuben Fine? — dem einzigen Schachspieler in der Geschichte mit einem positiven Score gegen fünf Weltmeister (+3 bei 25 Partien): Fine spielte gegen Lasker, Aljechin und Botwinnik jeweils +1, gegen Capablanca und Euwe ausgeglichen. Und doch muss sich Fine mit nur drei Partien im Buch begnügen. (Die Deutschen W. Uhlmann und W. Unzicker sind übrigens mit 4 bzw. 3 Partien dabei).

Teil 1 enthält 49 Partien oder Fragmente daraus, das Fischer-Kapitel (Teil 2) referiert 58 Partien. Kasparow kommentiert nun noch tiefer, verglichen mit dem ersten Band der Reihe: Es wird noch mehr aus den Ergebnissen mitlaufender PCs zitiert und vor allem aus jüngeren Analysen Dritter, z.B. aus Robert Hübners Fischer-CD (Chessbase 2003) — gelegentlich korrigiert oder ergänzt er Hübner. Dessen neueste Monographie (Materialien zu Fischers Partien, Schachzentrale Rattmann 2004) wiederum setzt dem noch eins drauf in einigen Partien. Endlich referiert Kasparow auch eine Literaturliste mit Quellenangaben zu seinen Zitaten.

Kasparows knapp 300 Seiten über Bobby Fischer sind Partiensammlung und Biografie im Wechselspiel. Er berichtet detailreich über Fischers Leben, die meisten Fakten sind aus anderen Quellen bereits bekannt. Vereinzelt gibt es kleine Un­­genauig­keiten: Fischers Mutter Regina (Pustan) promovierte 1967 nicht in „West Germany“ [S.219], sondern in der DDR (Jena). Viel eigene Recherche oder gar den Versuch, mit seinem Titelhelden persönlich zu sprechen, scheint Kasparow nicht unternommen zu haben.

Den meisten fällt zum Namen „Bobby Fischer“ reflexartig Island 1972 ein, der legendäre, aberwitzige WM-Kampf, zeitweise auch WM-Krampf, zwischen Titel­verteidiger Boris Spasski und dem 29-jährigen Herausforderer. Kasparow schreibt 40 Seiten über das Match, das Zwischenkapitel heißt „Battle of Gods“ (Schlacht der Götter). Kommentiert werden die WM-Runden 1, 6, 10, 13 und 19. Beim Lesen über Reykjavik hatte ich immer wieder das Gefühl, diese WM sei Kasparow lästig: zuviel Rummel werde seither gemacht um jene sechs Wochen.

Breiten Raum gibt der Autor Fischers Interzonen- und Kandidatenturnieren. Hier will Kasparow den Amerikaner „entmystifizieren“, Fischers schachliche Qualitäten aufzeigen, aber auch dessen Schwächen und Ängste. Warum zog sich Fischer nach dem 4. Platz beim Kandidatenturnier Curacao 1962 (3,5 Punkte hinter Petrosjan) fast drei Jahre lang vom großen Schach zurück? Geschah das wirklich, weil Bobby erkannt habe, dass er zwar Schwächere regelmäßig schlagen könne, nicht aber die Elite der Sowjetunion? Und die russischen Remisabsprachen, die Fischer anschließend so heftig kritisierte? Der Amerikaner habe schlicht den „Teamgeist“ seiner Gegner nicht bedacht, meint Kasparow. Auch Fischers dramatischen Abbruch des IZT Sousse 1967 deutet Kasparow als letztlich cleveres Manöver, den folgenden Kandidaten-Matches und womöglich vorzeitigem Scheitern auf dem Weg zur WM zu entgehen. Ich gebe zu bedenken, dass Fischer zu dem Zeitpunkt das 23-köpfige Weltklasse-Feld anführte mit 8,5 aus 10! (Larsen gewann später das Turnier, er hatte nur 5,5/10). Der Verdacht drängt sich auf, dass Kasparow hier eigene Denkmuster auf Fischer projiziert, um das Verhalten des Amerikaners plausibel erscheinen zu lassen. Den neurotischen, zuweilen auch paranoiden Denk- und Verhaltensweisen Fischers wird der Autor so nicht gerecht. Denn welcher andere GM würde ein so hochkarätiges Turnier abbrechen, in dem er klar vorn liegt?  — von gesundheitlichen Gründen abgesehen.

Entsprechend suspekt beantwortet Kasparow auch zwei zentrale Fragen, die wohl jeden Schachfreund interessieren:

1. Warum hörte Bobby Fischer auf, als er WM war?

2. Wie wäre es ihm ergangen, hätte er weitergemacht?  

Beide Fragen sind nach Kasparow miteinander verknüpft. Fischer habe sein WM-Match gegen Spassky (12,5:8,5) analysiert und mit der Qualität der Partien der „Alten“ (Petrosjan, Kortschnoi u.a.) und der „Jungen“ (Karpow) verglichen. Vor allem das WM-Halbfinale im neuen Zyklus, bei dem Fischers Herausforderer ermittelt wurde, musste Bobby beunruhigen: Der junge Karpow bezwang den stark spielenden Spassky 1974 mit 7:4  — laut Kasparow in mehr über­zeugender Weise, als das Fischer 1972 gelungen war. Mit Karpow hätte der Amerikaner folglich einen härteren Gegner bekommen, denn Anatoli verkörperte schon die neue russische Schach­generation: ein mächtiger Tross von Helfern, intensive Eröffnungs­vorbereitung, schnelles und doch präzises Spiel, perfekte Technik, belastbar unter Stress, beharrliches Lavieren und zähe Ver­teidigung.

Auch würde großer Erfolgsdruck nun auf dem Weltmeister Fischer lasten, denn der 8 Jahre jüngere Karpow hätte bei dem Match nichts zu verlieren, das „Schachgenie Fischer“ aber alles, vor allem sein Selbst­vertrauen! Und die tiefe Überzeugung von der eigenen Über­legenheit sei bei Fischer in allen Turnieren der kritische Punkt gewesen, stellt Kasparow mehrfach im Buch fest. Oft habe Bobby am Beginn eines Turniers mentale Probleme gehabt, wurde von Selbstzweifeln geplagt. Sogar von Fischers „Angst vor Turnieren“ ist die Rede. Immer musste er erst mit zögerlichen Punkt­gewinnen sein Ego füttern, um dann im weiteren Turnier­verlauf die Gegner reihenweise zu besiegen.

Das Risiko, den WM-Titel zu verlieren, sei Fischer einfach zu groß gewesen — also habe er sich jedem Match verweigert. Seinen „Rückkampf“ gegen Spassky, 20 Jahr nach Reykjavik, sieht Kasparow als müden Abgesang auf die glorreichen Zeiten, man betrachte nur die altmodischen Eröffnungen beider Spieler. Mit dem Re-Match kommt Kasparow zum Ende, Fischer gewann 10:5 bei 15 Remisen.

Kasparows Fazit zum 11.Weltmeister ist eher knapp gehalten: Fischer war weniger ein Kreativer, mehr ein brillanter Interpret. Wie stark er den Amerikaner wirklich einschätzt, lässt der geschäfts­tüchtige Garri diplomatisch offen  —  er will den Schach­freuden in den USA ja noch viele Bücher verkaufen: „Manche betrachten Robert Fischer als den besten Schach­spieler des 20.Jahrhunderts. Vielleicht ist das so.“ Und melancholisch fügt er an: „Fischers Verschwinden von der Bühne war eine große Tragödie, für das Schach und für ihn selbst“. Dann äußern sich frühere Schachweltmeister zu Fischer, das Schlusswort spricht Anatoli Karpow  —  er ist der Titelheld des nächsten Bandes.

 

FAZIT

Der Fischer-Band ist der bisher beste aus der WM-Reihe. Sein schachlicher Teil ist exzellent gelungen, der biografische gut bis sehr gut. Robert James Fischer ist aber nicht am Schach gescheitert, sondern an seiner Persönlichkeit. Dazu weiß Kasparow kaum Erhellendes zu sagen. Hier hätte ich ihm doch Beistand von Fachleuten gewünscht, die menschliches Verhalten nicht nur mit den Augen eines Berufsschachspielers und Wallstreet-Journal-Kolumnisten sehen.

© Dr. Erik Rausch

Rochade Europa 5/2005