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Autor: Igor Stohl
Garry Kasparov's Greatest Chess Games, Volume 1
Gambit Publications, London 2005
[www.gambitbooks.com].

In Englisch.

320 Seiten, 24,8x17cm, gebunden.
ISBN 1-904-600-32-8

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1904600328.03.LZZZZZZZ.jpg Schach vom Feinsten mit Garri Kasparow, und das gleich 74-mal. Igor Stohl hat wieder eine Kollektion großer Partien zusammen­gestellt und kommentiert. Für seine Instructive Modern Chess Masterpieces bekam er in den USA den Preis für das beste Schachbuch 2001 (s. RE 9/2001; zur deutschen Ausgabe s. RE 4/2004). Großmeister Stohl (2550) ist studierter Jurist, lebt aber vom Schach, als Spieler und Journalist; er schreibt für den Informator, für New In Chess und das CB-Magazin
Nun hat sich der 42-jährige Slowake Kasparow vorgenommen: er will 150 der bedeutendsten Partien des „greatest player of our times“ vor­stellen. Und weil so viel Schach vom weltbesten Spieler ausreichend Platz braucht für tiefe Kom­mentierung, wurden Garry Kasparov’s Greatest Chess Games auf zwei Bände angelegt: Im vorliegenden Volume 1 behandelt Stohl den Zeitraum 1973 bis 1993 anhand 74 Partien, Band 2 soll die Jahre 1994 bis 2005 abdecken.

Nach dem Vorwort, dort schreibt Stohl über sein Verhältnis zu Kasparow und über die Arbeit an dem Buch, stellt der Autor auf sieben dicht bedruckten Seiten Kasparow biografisch und schachlich vor. Er zeigt, wie dessen Stil sich bis 1993 wandelte, Eröffnungsvorlieben werden analysiert und auf die Besonder­heiten der ausgewählten Partien wird kurz eingegangen. Diese sieben Seiten führen zugleich in die Partien ein, denn in den Notationen hält Stohl sich nicht mit Vorbemerkungen auf. Auch fehlt jetzt, verglichen mit den Masterpieces, die von den Rezensenten viel gelobte Zusammen­fassung am Ende jeder Partie. Stohl kommentiert nun kürzer, dafür zeigt er bei gleicher Seitenzahl mehr Partien (74 statt 50).

Etwas Statistik: Der Partienteil umfasst 302 Seiten, im Mittel 4 Seiten pro Partie. Illustriert werden die Kommentare mit meist zwei Diagrammen auf jeder Seite. In 46 Partien (62%) hat Kasparow Weiß. Sein häufigster Gegner ist erwartungsgemäß Erzrivale Karpow (14 Partien); mit großem Abstand folgen Andersson und Short (je 3 P.), dann 45 weitere Namen, von Ralf Åkesson bis Beat Züger. 16mal wird Königs­indisch eröffnet, gefolgt von Damen­gambit und Sizilianisch mit jeweils 10 Partien, dann Englisch und Spanisch je 7mal. 

Stohl stellt seine Auswahl chronologisch vor, beginnend mit dem 10-jährigen Garri gegen Shorat Murat­kuliev (U18 Team-Ch, Baku 1973). Die Partie mag Kasparows „beträchtliches Talent und überraschende Reife“ zeigen, wie der Autor schreibt, aber ein „Greatest Game“ (s. Buchtitel) ist das vermutlich nicht. Stohl ging es also nicht nur um Spitzenschach, sondern auch um markante Partien, die Kasparows schachliche Entwicklung zeigen.

Die ersten 24 Partien spielte Garri bis zum 20. Lebensjahr (1973-83), die übrigen 50 Partien in den folgenden zehn Jahren. Band 1 endet mit der PCA-Weltmeisterschaft gegen Nigel Short 1993 in London.

Natürlich weiß Igor Stohl, dass Kasparow in seiner Predecessor-Reihe einen Band mit eigenen Partien herausbringen will — entsprechend sorgfältig ging der Slowake ans Werk. Zuerst sichtete er die bekannten Quellen, das Buch enthält eine Bibliographie, dann prüfte er nach, auch mit PC-Hilfe, er berichtigte und ergänzte. Seine kritische Revision zeichnet das Buch aus: der Leser stößt laufend auf neue Ideen des Autors, auch Kasparows Kommentare werden ergänzt und korrigiert. Erfreulich oft bringt Stohl Querverweise zu anderen Partien im Buch, zeigt Eröffnungstrends und neue strategische Pläne.

Während die ersten fünf bis sieben Züge kaum kommentiert werden, diskutiert der Autor die kritische Phase am Übergang von der Eröffnung ins Mittelspiel ausführlich und mit viel didaktischem Geschick. Hier bringt Stohl sein Wissen in aktueller Eröffnungstheorie ein, unterlegt mit zum Teil langen Varianten.

Der Autor bewertet die Züge mit den üblichen Satzzeichen, die Stellungen immer mit Worten („ ... gives White a long-lasting advantage“). Das Buch ist also kein Informator über Kasparow, sondern eine textreiche, anspruchsvoll kommentierte Partiensammlung. Stohl unterrichtet Kasparow-Schach pur, er schreibt für den ehrgeizigen Vereinsspieler bis rauf zum Titelanwärter. Besonders gefällt mir: Oft fügt er positionelle Hinweise ein und skizziert Pläne. Auch auf nahe­liegende Ungenauig­keiten und Fehler weist er hin — Züge, die uns Amateuren verlockend erscheinen, die aber schief gehen.  

Der Leser hat die Wahl: Das Buch lässt sich in Bus oder Bahn lesen, Partie für Partie, mit Augenmerk vor allem auf die Textzüge. Wegen der vielen und großen Diagramme geht das auch ohne Brett (= Lesebuch). Wer aber all die feinen Gedanken von Stohl (und Kasparow!) nachvollziehen und verstehen will, wird besser häusliche Ruhe suchen, ein Brett neben das Buch legen und sich Zeit nehmen (= Lehrbuch).

Autor Stohl leistete exzellente Arbeit, nicht so der Buchbinder: Zwar gebunden im festen Deckenband (‚Hardcover’), aber nicht mit Faden­heftung, sondern nur geklebt. Nach wenigen Lesestunden brach die Klebebindung an zwei Stellen. Bei einem 35-Euro-Buch sollte das nicht passieren.


Fazit

Stohl erklärt Kasparows Züge kenntnisreich und verständlich –
ein sehr gutes Lese- und Lehrbuch.

 © Dr. Erik Rausch
Rochade Europa 8/2005