0975476122.03.MZZZZZZZ.jpgAutor: Igor Khmelnitsky
Chess Exam and Training Guide:
Rate Yourself and Learn How to Improve

IamCoach Press USA 2004 (Eigenverlag), [www.IamCoach.com]
Englisch

318 Seiten, 22,8 x 15,2cm, kartoniert
ISBN 0-9754761-2-2.

Bezugsquelle: Schach E. Niggemann, Postfach, 46356 Heiden
und im amazon-ChessShop bei freechess.de
0975476122.03.LZZZZZZZ.jpgDrei Fragen soll er immer beantworten: 1. Wie gut spiele ich? 2. Wann werde ich Meister? 3. Wie kann ich Spiel und Rating ver­bessern? Das schreibt der 36jährige Autor IM Igor Khmelnitsky im Vorwort seines ersten Schachbuches. Geboren in Kiew, wanderte er 1991 in die USA aus und lebt mit Familie jetzt in Philadelphia. Dort arbeitet er bei einer Ver­sicherung und im Zweit­beruf als Schachcoach. Auf die drei Fragen pflegt der Mann aus der Ukraine zu ant­worten: Jeder kann sich verbessern. Jeder, auch der Anfänger, kann Meister werden – wenn er einen guten Trainings­plan hat und strikt befolgt.

Der Plan setzt aber voraus, dass die schachlichen Stärken und Schwächen des Schülers in allen Einzelheiten bekannt sind. Und genau diese Evaluation soll das Chess Exam leisten,  indem es die folgenden 12 Schach­­qualitäten untersucht: Kennt­nisse in Eröffnung, Mittel­spiel und Endspiel, in Angriff, Verteidigung und Gegen­angriff, in Strategie und Taktik. Geprüft werden das Varianten­rechnen und die Behandlung der Standard-Endspiele. Werden Drohungen erkannt und chancenreiche Opfer genutzt?

Das Chess Exam besteht aus 10 Sub-Tests mit jeweils 10 Stellungen, das ergibt 100 Diagramme bzw. Aufgaben. Immer werden dazu zwei Fragen gestellt: Teil I verlangt meistens die Bewertung der Stellung, Teil II fragt nach dem besten Zug. Das Ganze läuft als Multiple-Choice-Prüfung ab in der Form, dass der Autor vier Ant­worten vorgibt. Die richtige Wahl wird mit 5 Punkten belohnt, grobe Patzer werden mit Punktabzug bestraft. Die zwei Fragen zu jedem Diagramm ermöglichen zusammen 10 Punkte, maximal also 100 für einen Sub-Test und 1000 Punkte für das ganze Examen.

Seine Lösungen erklärt der Autor sofort auf der nächsten Seite, mit Worten und mit Varianten; auch die vorgegebenen falschen Antwort­­en werden kurz kommentiert. Nun kommt Khmelnitskys Clou: Er listet penibel auf, wie frühere Testkandidaten bei den Aufgaben abschnitten, unterteilt in 6 Leistungsgruppen (0-1000 / -1400 / -1800 / -2200 / -2400 / 2400+. US-Wertungszahlen).

Wie schwierig sind die 100 Aufgaben? Die Ratinggruppe 1000-1400 schaffte im Mittel 42% der maximalen Punktzahl, 1400-1800 52%, die Gruppe 1800-2200 erreichte 62%, 2200-2400 74% und 2400+ kam auf 87%.  

Das Chess Exam ist natürlich nur aussagekräftig, wenn die Aufgaben ernsthaft angegangen werden. Bis 20 Minuten darf der Leser sich mit jeder Stellung beschäftigen, ein Brett ist erlaubt, die Figuren zu bewegen natürlich nicht. Auch soll nicht geraten werden. Damit der Kandidat das Examen nicht vorzeitig schmeißt, hält ihn Coach Khmelnitsky mit Zwischen­­berichten bei Laune, diese Interim Reports gibt es nach jedem Sub-test (10 Diagramme). Aus den gesammelten Punkten kann der Leser mittels Tabelle sein vorläufiges Rating ablesen (800 bis 2500). Die zweite Tabelle zeigt die 50%-Perzentile und informiert, wo der Prüfling inner­halb seiner Gruppe steht.

Wurden alle 100 Diagramme bearbeitet, sollen die erzielten Punkte, Frage für Frage, in ein Formular im Buchanhang übertragen werden. Dann wird addiert. Heraus kommt schließlich das Gesamt-Rating und 12 separate Ratings für Endspiel, Taktik, Varianten­rechnen usw. Wer z.B. 54% der möglichen 190 Punkte zum Thema ‚Gegenangriff’ geschafft hat bekommt dafür Elo-ähnliche 1858. 48% ergeben noch 1689 und 42% nur 1469. Zusätzlich kann der Absolvent die 50., 75. und 95. Perzentile insgesamt und für jede der 12 Qualitäten und 6 Leistungs­gruppen ablesen.

Am Ende verleiht der Autor dem Examens­absolvent einen Titel analog zum US-Schach. Von unten nach oben sind das die Classes E bis A, darüber wird man zum Expert ernannt (2000-2199), dann National Master (2200-2299), FM usw.

Nun sollte der Leser wissen, wo er in den 12 schachlichen Problem­feldern steht. An­schließend gibt Khmelnitsky auf 56 Seiten Trainings­- und Buchtipps zur Verbesserung in den einzelnen Bereichen, wieder getrennt nach Leistungs­­gruppen.

Soweit klingt alles ganz plausibel. Leider ver­schweigt der Autor, an wieviel Spielern er sein Examen vorher erprobt und die Statistik standardisiert hat. Mehr stören zwei andere Mängel: 1. Das Buch enthält ungewöhnlich viele orthografische und Druckfehler (Ulhman, Tarrash, Shakman, statt Sackmann, u.v.m.), auch falsche Zugnotationen irritieren beim Arbeiten. 2. Einige Lösungen sind unvollständig, fragwürdig oder sogar falsch. Betroffen sind vor allem Partien der weniger bekannten Spieler  —  die überprüften Lösungen zu Studien und Klassiker-Partien waren meistens korrekt. Misstrauisch geworden, brachte ich mit einigen Aufgaben mehr als eine halbe Stunde zu, PC-Analysen nicht gerechnet. Der Lern­effekt kommt dann zwar durch die Hintertür, ist dafür umso größer.

Hier Aufgabe 41 als Beispiel für die Prüfungs­methode, die Anforderungen und Lösungen (Morosewitsch - Polgar, Ju., Chess Classics / Masters, Frankfurt/M. 1999):

diagramm.gif


Zu I) Die Stellungsbewertung lautet: A) Weiß gewinnt, B) Weiß steht besser, C) ungefähr gleich, oder D) Schwarz steht besser. Zu II) Der beste Zug ist: A) Dc3, B) Dc4, C) De3, oder D) Txc7.

Super-GM Morosewitsch erkannte in der Schnellpartie zwar die drohende Springergabel, übersah aber Judiths Abzugs­angriff. Er zog (43.) Dc4?? und verlor schnell ... 43...Sf3+! (macht den Weg frei für den Turm) 44.gxf3 Td1+ 45.Df1 Txf1+ 46.Kxf1 Dc4+ 47.Kg2 Dxf4 48.a4 Kh6  0–1.

Die richtigen Antworten sind nach Khmelnitskys Meinung I A und II C, denn er will 43.De3 sehen, und nur dafür gibt er 5 Punkte. Pech für Leser, die tiefer analysieren als der Autor und 43.Db6! finden. Der Zug beseitigt die schwarze Dame und gewinnt zügig: 43...cxb6 44.Txf7+ Kg8 45.c7! Kxf7 46.c8D Se2+ 47.Kh2 Sxf4 48.Dc7+ Ke6 49.Dxf4+-. Für das starke Db6 hat der Autor nichts übrig, das remis-verdächtige Txc7 (Antwort D) dagegen belohnt er mit einem Punkt.

Das Diagramm ist kein Einzelfall — offensichtlich hat der Autor seine Lösungen nicht immer ausreichend selbst und/oder mittels PC auf Korrektheit und Vollständig­keit geprüft. Gleich zu Examensbeginn löst er die Nr. 2 falsch — der Fehler sei ihm bekannt, erwiderte Khmelnitsky mir auf Nachfrage. Warum legt dann er keinen Korrektur­zettel (Erratum) ins Buch oder stellt einen Hinweis auf seine Internet-Seiten?

Zurück zum gezeigten Diagramm und seiner Statistik: Im Teil I (Stellung beurteilen) erkannten die richtige Antwort A (Ws gewinnt): 42% der Ratinggruppe 0-1000, 50% der 1000-1400er, 64% der 1400-1800er, 83% der 1800-2200er, 80% der 2200-2400er und 100% der 2400+. Wer sich für die falsche Antwort D entschied (Sw steht besser), verliert einen Punkt. Teil II (Zugwahl) mit der gewünschten Lösung 43.De3 (C) wurde so bewältigt: 22% der 1000-1400er fanden den Zug, 14% der 1400-1800er, 38% der 1800-2200er, 75% der 2200-2400 und 81% der 2400+. Für 43.Txc7 (D) gibt es einen Punkt, wie schon erwähnt. Wer das üble 43.Dc3 (A) wählte, verliert 2 Punkte.  

Welche Schachkenntnisse hat Khmelnitsky nun evaluiert? Endspiel, Taktik und Gegenangriff, das Opfern und das Erkennen von Drohungen.

Fazit

Ein neuartiges Buchkonzept, mit dem das eigene Schach auf 12 Qualitäten hin überprüft und die Ergebnisse mit 6 Leistungs­gruppen verglichen werden können. Das Chess Exam ist besonders für kritische Leser interessant, die eine originelle und schachlich anspruchsvolle Heraus­forderung suchen und sich gern Prüfungen stellen. Für die Lösungen im Buch gilt Schachfreund Lenins Wort: „Dowerjai, no prowerjai“ (Vertraue, aber prüfe nach).

 

© Dr. Erik Rausch
Rochade Europa 6/2005