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Mein Leben für das Schach" lautet die treffende Autobiographie von Viktor Kortschnoi. freechess.info geht dem Titel auf den Grund: eine historische Reise des Altmeisters, eine Partiensammlung oder mehr?

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Der Verlag Edition Olms hat bereits die beiden Bücher "Meine besten Kämpfe" (Band 1 + 2) von Viktor Kortschnoi herausgegeben, wo der interessierte Leser seine besten Weiß- und Schwarzpartien nachspielen kann. Das vorliegende Buch "Mein Leben für das Schach" (Praxisschach Band 48) unterteilt sich in zwei Teile: den Leben vor der Emigration aus der damaligen Sowjetunion und dem Leben danach ...


Teil 1: Kortschnoi in der Sowjetunion

Nach einem Geleitwort von Garri Kasparow und einem Vorwort von GM Sergej Iwanow erläutert Kortschnoi selbst im Prolog seine Motivation zum Buch. Dort "fischt" Kortschnoi "for compliments", wenn er schreibt, dass Großmeister nicht die himmlische Gabe zum Schreiben besitzen müssen und er sie auf gar keinen Fall besitzt.
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Im ersten Teil schildert Kortschnoi die Entwicklung mit dem Zerwürfnis der sowjetischen Schachfunktionäre. So führt sein Weg über eine "geforderte" Jugendmeisterschaft bei dem seine Trainer andere Mitspieler zwangen gegen ihn zu verlieren über seine ersten Schritte im Profibereich alsbald zu den WM-Kandidatenmatches und schließlich zum ersten Match gegen Karpow. In seiner polemischen Art erzählt Viktor die Geschehnisse als wären sie erst gestern gewesen. Gerade seine Ausschweifungen auf die Lebensverhältnisse und -umstände (auch im 2. Teil des Buches) lassen den Leser die Informationen erfahren, die er in herkömmlichen Geschichtschroniken vergeblich suchen wird und das Buch somit indirekt zu einem zeitgeschichtlichen Zeugnis werden lassen.

Teil 2: Kortschnoi nach der Emigration

1976
bleibt Kortschnoi im "Westen" (er wird später Schweizer Nationalbürger) und der interessierte Leser erfährt während Kortschnoi's "Abrechnung" mit Spielern (hier insbesondere sein Dauerrivale Anatoli Karpow), Funktionären und ehemaligen Vertrauten viel von dem was sich damals zwischen den Partien abgespielt hat.

Inwieweit seine Entdeckungen und Mutmassungen als Paranoia eingestuft werden können, möchte ich der Einschätzung des Lesers selbst überlassen. Fakt ist aber, dass Kortschnoi - wenn auch manchmal eventuell selbstgerecht - ein Kämpfer 'par excellence' ist, der obwohl er nie Weltmeister geworden ist zu den Größen des vergangenen Jahrhunderts gehört, die diesen Titel durchaus verdient gehabt hätten. Dennoch hat er nie resigniert! Nach der hohen Niederlage gegen Kasparow 1983 in London "spürt" Kortschnoi das Alter und begleitet seine sportlichen Erfolge mit Kommentaren zur Entwicklung im Schach bis ins heutige Jahrtausend. Dabei kommen seine Ansichten weder über Schiedsrichter, Schnell- und Computerschach, die neuen WM-Modi oder das Schach in der Schweiz zu kurz. Schließlich ist auch ein Kapitel seiner Partie gegen den verstorbenen Meister Maróczy gewidmet.

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Teilweise spannend wie ein Thriller zu lesen gelingt es auf knapp 250 Seiten mit vielen Fotos den Leser zu fesseln. Es gibt in den Buchladen 'zig Biographien über Persönlichkeiten, Sportler etc. und ich frage mich ernsthaft warum dieses Buch nicht auch für einen Leser interessant sein sollte, der keinen Bezug zum Schach hat (oder ist das alles eine Frage der Werbung?). Selten hat ein Buch mit schachlichem Inhalt für soviel kontroversen, aber auch unterhaltsamen Stoff gesorgt! Kortschnoi - mittlerweile Mitte 70 - kämpft auch heute noch aktiv und (!) erfolgreich am Brett, wie seinen letzten Turnierteilnahmen beweisen. Seine Rivalität zu Anatoli Karpow ist ungebrochen, wie der Einsatz einer Brille mit verdunkelten Gläsern bei der "Unzicker-Gala 80" während des diesjährigen Chess Classic in Mainz  demonstriert. Kortschnoj spielte schon gegen den 1889 geborenen Grigorij Löwenfisch (2 Partien aus dem Jahre 1953), im letzten Jahr schlug er den jüngsten Großmeister der Welt, den 13-jährigen Magnus Carlsen aus Norwegen (Partie gegen Magnus Carlsen) und auch in den nächsten Jahren ist er wahrscheinlich in der Lage weiterhin die Schachwelt zu bereichern.

Während ich an Druck, Layout und Gestaltung (Hardcover) und sonstigem keine Kritik anzubringen habe, irritieren mich die letzten 3 Seiten des Buches und damit der umfangreichen Statistik (aktuell bis Sommer 2004). Hier sind für das Buch sonst nicht übliche Druck- oder Flüchtigkeitsfehler enthalten, wobei ich die folgenden entdecken konnte (weitere nicht ausgeschlossen):

Spasski gewinnt das Finale des WM-Zyklus 67-69 mit 6,5:3,5 bei 5 Remisen und nicht 4 wie angegeben. Im Halbfinale Kasparow - Kortschnoi 1983 ist die Statistik aus Seiten Kortschnois und nicht wie sonst in den Tabellen aus Seiten des Siegers angegeben. Das Achtelfinale 1988 gegen Hjartarson verliert Kortschnoi mit 3,5:4,4 und die FIDE-WM 1999 in Las Vegas findet laut Bezeichnung von Ort und Jahr 1991 statt ...

Im Buch sind genau 9 Partien kommentiert abgedruckt, aber die Begleit-CD umfasst genau 4250 Partien im ChessBase-Format (der dazugehörige Reader wird auf der CD gleich mitgeliefert). Die größte derzeit existierende Partiensammlung dürfte sich aber durch die Partien die sich auf den DVDs "My Life For Chess 1" und "My Life For Chess Vol. 2" befinden, ergeben: 4293 Partien. Positiv fällt auf, dass die CD samt Hülle in der Innen-Klappe des Covers angebracht ist und nicht wie in vielen Büchern irgendwo "hineingepresst" wurde und somit beim Lesen stört, da sich dadurch das Buch immer wieder "aufklappt". Die oben erwähnten Bücher "Meine besten Kämpfe" waren "Buch des Jahres" der British Chess Federation und eines Tages wohl noch in meinen Besitz wandern ...

(C) Frank Große, 2005