3899041569.03.MZZZZZZZ.jpgVom 5.5 - 28.8.2005 fand im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg anlässlich des 175. Geburtstages des Hamburger Schachklubs eine Ausstellung mit dem Titel "Schachpartie - durch Zeiten und Welten" statt. Hier wurden über 400 Exponante, "darunter eine große Zahl kunstvoller Spielsätze, außerdem Bücher, Grafiken und Gemälde, mit denen die Rolle des Schachs in Kultur und Geschichte des Menschen dokumentiert wird" dem interessierten Publikum präsentiert. Wer diese Ausstellung verpasst hat, kann dies mit dem vorliegenden Buch nachholen.
"Schachpartie - durch Zeiten und Welten" war eine angenommene Ausstellung (auch wenn ich diese leider nicht selbst sehen konnte) und ist ein gewichtiges Buch von Hans und Barbara Holländer. Nicht nur, dass der Großformat-Druck (24 x 30 cm, Hardcover) satte 2,5 Kilo auf die Waage legt - nein, das Buch hegt den Anspruch, "einen umfassenden Überblick über die spannende und abenteuerliche Entwicklung, wobei vor allem die Zeit 'seit der Ankunft dieser Erfindung aus dem Morgenlande in Europa' dokumentiert wird, also ein Jahrtausend Schachgeschichte vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart" zu geben wie im Klappentext verlautbart wird.

Das Kunsthistoriker-Ehepaar Holländer hat renommierte Erfahrungen mit der Thematik, wie sein Wirken bei frühere Veranstaltungen beweist (z.B. Ausstellung Schadow Schachclub, 2003 in Berlin oder Exkursion in das Berliner Kulturleben der ersten Hälfte es 19. Jahrhunderts). Auf über 360 Seiten edelm Papiers (Allegro halbmatt 150 g/m²) wird die Reise durch ca. 350 Farbabbildungen (was demzufolge einen großen Teil o.g. Ausstellung ausmacht) dokumentiert. Neben vielen Leihgaben von Museen und privaten Sammlern, die auf den zahlreichen Fotos zu sehen sind, haben Hans Krieger (ehemaliger Vorsitzender des Hamburger SK) und der Schachhistoriker Egbert Meissenburg Ihren Beitrag zum Buch geleistet.

Beginnend mit den "Wanderungen" des Spiels in seiner damaligen Form bis nach Europa wird der Leser hin zur Kulturgeschichte des Spiels im 20. Jahrhundert geführt. Größtes Augenmerk liegt hierbei auf das komplette mit dem Schach verbundene Kunsthandwerk, was sich zunächst primär in der Entwicklung von Spielsätzen ausdrückt. Im Laufe der Jahrhunderte tauchen - konsequenterweise von den gesellschaftlichen Tendenzen geprägt - schachliche Motive aber auch in der Literatur oder vermehrt auf Gemälden auf.

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Allein die mannigfaltigen Spielsätze sind eine Betrachtung wert, da sich seit ca. 150 Jahren primär der Stauton-Spielsatz durchgesetzt hat und eine solche Vielzahl (auch sehr kunstvoller!) Bretter und Figuren in Realität heute nur selten zu betrachten sind. Interessant auch die Tatsache, dass bereits im 15. Jahrhundert auf der Rückseite Backgammonspiele (damals als Trictrac bekannt) zu finden waren. Dies ist heutzutage in vielen Spielesammlungen ebenfalls Tatsache. Ganz besonders imponiert hat mir der Spiel- und Schreibtisch auf Seite 129 (England, ca. 1810), welcher wahrlich multiple Funktionen erlaubt und dabei edle Eleganz ausstrahlt.

Jahrhundert für Jahrhundert wird im Buch kapitelweise vorwärts geschritten und dabei der Weg der Entwicklung sowohl in Herstells- als auch Ausdrucksformen begleitet. Aber auch die Entwicklung des Spieles und seine Veränderungen werden hierbei dokumentiert, ohne die wissenschaftlichen Entdeckungen und Wege (z.B. aus literarischer Sicht) unerwähnt zu lassen. Dabei werden auch die europäischen Pfade oft wieder verlassen und ein Blick Nationen - wie z.B. Indien oder Japan - mit "eigener" Schachtradition gewährt.

Den Tenor der Zeit und die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Entwicklungen hat auch das Schachspiel nicht verschlafen. So finden sich z.B. Napoleons Figuren (in weiß) denen des Preußenkönig Friedrich (in schwarz) gegenüber oder aber auch die Porzellanfigurengruppe "Napoleon und Josephine". Weiter führt der Weg über Karikaturen bis hin zu vielzähligen Zeichnungen, Radierungen, Stichen und Gemälden. Abgerundet wird der Informationsgehalt durch Beiträge in denen das Schachspiel bis hin zum Liebesspiel vordringt und dort seinen Platz findet.

Fazit

Im Vorwort schreibt Wilhelm Hornbostel (Direktor des Museums für und Gewerbe Hamburg): "Zum ersten Mal wird hier eine ausführliche Darstellung der Kulturgeschichte des Schachspiels, seiner Literatur und seiner mannigfaltigen Beziehungen zu Künsten und Wissenschaften unternommen." Dies ist aus meiner Sicht vollauf Kgelungen, denn mir ist kein vergleichbares Werk bekannt. Auf die Frage, wer sich für diesen Band interessieren könnte, kann ich nicht eineindeutig antworten, denn sowohl Schachliebhaber, als auch Kunstfreunde/-historiker werden gleichermassen angesprochen (für beide sicherlich eine prima zeitlose Geschenkidee). Wer sich für all das partout nicht interessiert und den Blick nicht vom Zabel und seinen Stellungen lösen möchte wird aus dem Buch keine neuen schachlich-sportlichen Erkenntnisse gewinnen können. Für Schachhistoriker, die das "weite Feld" noch etwas erweitern wollen wird dieses Buch ebenfalls interessant sein, denn hier finden sich keine Episoden zur sportlichen Seite der Geschichte des Spiels und deren Meister (Auf 11 Seiten wird ein knapper Überblick über die Meister vom Mittelalter bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben.). Für den dargebotenen Inhalt sind m.M. nach keine wissenschaftlichen Vorkenntnisse aus den oben angesprochenen Bereichen nötig. Das Seitenlayout ist sehr angenehm und das Verhältnis zwischen Bild und Text weiß dem Auge des Betrachters sehr zu gefallen: Für Liebhaber oder als Geschenktipp!

(C) Frank Große, 2005