1857442695.03.MZZZZZZZ.jpgAutor: Michael de la Maza
Rapid Chess Improvement
A study plan for adult players

Everyman Chess, London 2002. In Englisch. 126 Seiten, 22,8 x 15,3 cm, kartoniert. ISBN 1-85744-269-5

Bezugsquelle: Schach E. Niggemann, Postfach, 46356 Heiden
und im amazon-ChessShop bei freechess.de
1857442695.03.LZZZZZZZ.jpgEs war einmal ein Amerikaner ...

der ging schon auf die 30 zu, als er beschloss, das Schach­spielen zu lernen. Er lebte an der Ostküste, im feinen Cambridge mit seinen berühmten Universitäten Harvard und MIT. Dort, wo viele Nobelpreisträger lehren, aber wenig Großmeister. Also kaufte er Schachbücher, in denen steht, wie man ganz einfach mit dem Lettischen Gambit gewinnt, wie unser Held ruckzuck das Endspiel beherrscht und wie ein GM denkt.

Aber die Kids schoben ihn weiterhin zusammen im Chessclub. Also nahm er Unterricht bei einem Schachprofi; der ließ Michael zwei Wochen lang Läufer + Springer gegen den blanken König spielen, danach sollte unser Held 50 Großmeister-Partien kommentieren. Da verzagte Michael de la Maza und warf alle Schachbücher in die Ecke, denn seine Wertungs­zahl dümpelte weiter bei 1300 USCF. Und weil in Amerika alles größer und schöner ist als sonst wo, ist es auch das Rating: Der Leser muß 100 Punkte abziehen, will er USCF-Zahlen mit der DWZ-Skala vergleichen.

 In seiner Not konsultierte unser Held »Professor Fritz«, wie er ihn seither nennt. Der sah M’s Partien durch, zeichnete Diagramme mit fortlaufender Stellungsbewertung, Zug für Zug. Und siehe da: Prof. Fritzens Bewertung schoss mal rauf, mal runter, in Michaels Partien wimmelte es nur so von taktischen Patzern und Übersehern.

»Wenn das so ist«, sagte sich unser Held, »dann brauche ich keine besseren Eröffnungen und nicht mehr Endspielwissen. Was nützen mir alle Pläne, wenn ich kurz darauf  zwei­zügig eine Figur einstelle! Und überhaupt: Wann hat jemals ein erwachsener Schachmeister und Buchautor 400 und mehr Rating-Punkte zugelegt? Das machten die alle in ihrer Kindheit oder Jugend. Ich aber bin erwachsen, und ich will jetzt 400 Rating-Punkte mehr!«.

 Da erinnerte sich Michael de la Maza an die Mahnung von FM Ken Smith: »Until you are at least a high Class A player, your first name is ‚tactics’, your middle name is ‚tactics’, and your last name is ‚tactics’!« (sinngemäß: „Bevor du nicht wenigstens ein starker A-Klasse-Spieler bist, lautet dein Vorname ‘Taktik’, ist dein zweiter Name ‘Taktik’ und lautet dein Nachname ‘Taktik’!“).

Zwischenbemerkung: Im Schach pflegen die USA eine rege Klassen­gesellschaft. Die beginnt mit Class E (1000-1200 USCF-Rating) und endet mit Class A (1800-2000). Wer A hinter sich hat, kommt in den Vorhof des Schacholymp und darf sich Expert nennen. Des US-Amateurs Traumziel ist natürlich der National Master (USCF > 2200).
(Wie gesagt: Zur Umrechnung auf die Fide/DWZ-Skala 100 Pkt. abziehen).

 Der Buchautor singt also das Hohe Lied auf die Taktik — und er wendet sich gezielt an Erwachsene, an frustrierte Clubspieler bis DWZ 1900, die nur ein Ziel haben: das Rating schnell und deutlich heben. Denn unter einem Rapid Chess Improvement, wie im Buchtitel versprochen, versteht der Autor 200 Pkt. plus in 12 Monaten — mindestens!

Mit gutem Beispiel geht er voran: Im Oktober 1999 begann er. Im ersten Jahr danach legte De la Maza mit seinem Intensiv-Training +400 Pkt. zu und im folgenden Jahr nochmals +300.

Sie wollen Vergleichbares in möglichst wenigen Quartalen? Dann brauchen Sie mehr als nur Michaels Buch: einen PC, dazu ein Schachprogramm wie Hiarcs, Shredder oder Fritz, das russische Taktik-Trainingsprogramm CT-ART 3.0 — und viel Zeit und Fleiß. Was Sie nach Meinung des Buchautors weniger brauchen: schachliche Begabung.

M. de la Mazas kleines 126-Seiten-Buch ist schnell gelesen. Er stellt darin an Beispielen sein Taktik-Konzept vor, dabei spricht er oft von „Drill“ — und übertreibt nicht. Sein Lernkonzept besteht aus drei Stufen:

1.) Improve your chess vision.
2.) Improve your tactical ability.
3.) Learn how to think over the board.

Unter
Chess Visions versteht der Autor das blitzartige Erkennen einfacher Zugfolgen, die totale Verinnerlichung der Figurendynamik. Durch Microdrills soll das Gedächtnis auf ewig diese Prägungen abspeichern. Hier die Übung Knight Flight: Ihr Springer steht auf a1 und soll in möglichst wenig Zügen nach b1. Den Springer lassen Sie unberührt stehen, die Überführungsfelder (a1-c2-a3-b1 oder a1-b3-d2-b1) tippen Sie kurz mit dem Finger an. Der Nebeneffekt: durch die Arm-Finger-Bewegungen werden die Figuren­wege zusätzlich im Schach­gedächtnis verankert. Es folgen die S-Manöver a1-c1, a1-d1, a1-e1 ... bis a1-h8. Immer bleibt der S auf seinem Ausgangsfeld, alle Überführungs­felder tippen Sie kurz mit dem Finger an; an­schließend das Ganze ab Springer auf b1, ab Sc1, ab Sd1 usw. Die Übung erfordert konzentrierte 5 Stunden für alle Springerzüge, bei 5 sec pro »Flight« (das Brett hat 64x63= 4032 Felderpaare). Wer diese Prozedur durchgezogen hat, dem verspricht der Autor einen drastisch geschärften Blick für alle Springer-Manöver —  für alle Zukunft.

 Solche Übungen sind monoton — De la Maza hält sie trotzdem für unab­dingbar: Nur so würden die Bewegungs­muster der Figuren tief im Gedächtnis verankert und sind auch in der fünften Turnierstunde, unter Stress und in Zeitnot zuverlässig abrufbar.

Das alles soll nach einem bestimmten Plan wiederholt werden — mehrmals und mit zunehmender Geschwindigkeit. Erst danach geht es an die eigentliche Schachtaktik (Kombinationen). Dazu wünscht der Autor als Helfer das Programm CT-ART 3.0 aus der russischen Datenbank-Schmiede von ChessAssistant. Auf der CD sind mehr als 1200 Taktik-Aufgaben, zusammen­gestellt vom Fernschach-GM Maxim Bloch. De la Maza erklärt das Programm auf etlichen Seiten und begründet, warum es für seine Zwecke optimal ist. (In der RE 6/2000, S.86 stellte Peter Schreiner CT-ART 3.0 eingehend vor.)

 Die Taktik-Aufgaben steigen langsam an in der Schwierigkeit. Der Autor empfiehlt, dass der Rating-hungrige Leser in genau 127 Tagen 1000 Aufgaben aus der CD bewältigt — nicht einmal, sondern sieben mal. Er nennt das The Seven Circles.

Wer jetzt zaudernd einwendet, dass er auch noch eine Familie hat, den Chef im Genick oder die Freundin am Hals, dem liefert der ehrgeizige Amerikaner Buchtipps fürs bessere Zeit-Management gleich dazu (A. Lakein: ‚How to get control of your time and your life’).

Der Leser soll seine taktischen Fähigkeiten nicht »irgendwie« steigern, sondern streng nach Plan. Einige Details: Sie bleiben bei keiner Aufgabe länger als 5 min. Finden Sie die Lösung nicht, dann holen Sie sich Hilfe: CT-ART zeigt stufenweise Tipps; auch ein Minibrett mit 5x5 Feldern und dem Grundmotiv zum jeweiligen Problem hilft beim Lösen.

 Nach 64 Tagen sollen die 1000 Taktikaufgaben im ersten Durchgang bewältigt sein, 16 täglich. Im nächsten Schritt werden die Lösungsmuster im Langzeit-Gedächtnis verankert: der Spieler soll später blitzartig auf die gespeicherten Muster zugreifen können, falls ähnliche taktische Motive aufs Brett kommen. Also werden die 1000 Aufgaben sechsmal wiederholt: Den zweiten Durchgang machen Sie in 32 Tagen, dann in 16, in 8, 4, 2 und im letzten Durchgang furios: Alle 1000 Tests an einem Tag!

Danach haben Sie 7000 mal Taktik trainiert, alles Stellungen aus gespielten Partien: Sie sind zum taktischen Riesen mutiert. Darauf sollten Sie Ihr Spiel nun ausrichten, meint De la Maza: Offene Eröffnungen wählen, geschlossene Stellungen meiden, eher Bauern als Figuren tauschen, die Damen möglichst lang im Spiel halten.

 Im hinteren Teil des Buches gibt der Autor Hinweise zur Denk-Ökonomie am Brett (»How to think«), wie der Leser auf simple Weise ein solides Eröffnungsrepertoire aufbaut und wie man sich am Brett verhalten sollte. Anhand eigener Turnierpartien erklärt er, wie er das macht. Es folgen 42 Taktikaufgaben aus typischen Amateurpartien, eine Sammlung von Leser-Zuschriften, die dank des Autors scharfem Trainingsplan deutlich erfolgreicher spielen.

Das Schlußkapitel sagt dem Leser, der inzwischen alle Hausaufgaben gemacht hat und jetzt dabei ist, die magische 2000-USCF-Marke zu knacken, wie es weitergehen könnte, vom »Expert« auf dem Weg zum »National Master«.

 Sie sind skeptisch, ob reiner Taktik-Drill so viel bringt? Der Autor verweist Sie auf Buch­seite 63: Ein Foto zeigt den 31-Jährigen konzentriert am Brett sitzen beim World Open 2001, dem größten US-Open für Amateure. Er gewann den ungeteilten 1. Preis der Rating-Gruppe U2000: 10.000 Dollar.

Wer neugierig wurde und Zugang zum Internet hat, der lese zur Einführung den zweiteiligen Artikel des Autors: 400 Points in 400 Days: http://www.chesscafe.com/text/skittles148.pdf  (Teil 2:  .../skittles150.pdf).


FAZIT

Der US-Amateur Michael de la Maza stellt seinen Trainingsplan für Erwachsene mit DWZ 1100 bis 1900 vor. Oberstes Ziel des Autors: Mehr Rating — aber schnell!

Seine Drill-Methode ist durchdacht, erfolgreich  —  und knallhart. Sie verspricht +200 Pkt. in 12 Monaten. Das Buch ist aber nur Einstieg und Begleiter. Ein PC und spezielle Schach-Software sind auch notwendig — dazu viel Zeit und Energie.
Tipp für Interessierte: Zuerst den Internet-Artikel des Autors lesen und einige Übungen absolvieren. Wer danach mehr will, bekommt mit dem Buch einen effizienten »Drill-Coach« an die Hand.

 

© Dr. Erik Rausch
Rochade Europa 7/2002