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Autor: John Watson
Schachstrategie in Aktion

Aus dem Englischen übertragen von Hans-Peter Hansen.
Gambit Publications Ltd, London 2004

336 S. im Großformat 24,8x17,3cm, kartoniert.
ISBN 1-904-600-12-3.
amazon-ChessShop bei freechess.de

Nachdem Aaron Nimzowitsch 1925/26 sein bahnbrechendes Strategiebuch „Mein System“ veröffentlicht hatte, legte er bald nach mit „Die Praxis meines Systems“. Der kali­fornische IM John Watson macht es genauso: zuerst gelang ihm der große Wurf mit dem preisgekrönten „Secrets of Modern Chess Strategy“ (1998)  —  inzwischen auch auf Deutsch zu haben als „Geheim­nisse der modernen Schachstrategie“ (2002). Im Folgeband nun be­schränkt Watson das schachliche Philosophieren auf die Einführung, jetzt konzentriert er sich ganz auf die groß­meisterliche Praxis. Daran will er deutlich machen, wie dramatisch sich das Spitzen­schach in den letzten zwei Jahrzehnten gewandelt hat. Zur Einstimmung hier ein typisches Beispiel, die ersten 5 Züge werden täglich weltweit zigtausend mal gespielt: 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6.
Was halten Sie nun von 6.Tg1 ?

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Spielten nur Patzer 6.Tg1, bliebe die Welt für uns Amateure heil. Den Zug machte aber ein Super-GM, und das beim Prestige-Kampf ‚Russland gegen den Rest der Welt’ (Iwantschuk – Kasparow, Moskau 2002; Schnellpartie). Dazu meint Watson ein wenig fassungslos:   

Wer hätte sich vor ein paar Jahrzehnten träumen lassen, dass eine Partie zwischen zwei der weltbesten Spieler so beginnen würde? Der weiße Zug ist in einem so frühen Partiestadium unglaublich ver­pflichtend. Wie so oft  sehen wir eine Entschlossenheit, ohne Rücksicht auf Verluste g4 zu spielen. Dieser spezielle Fall ist umso bemerkenswerter, als der Turm auf eine geschlossene Linie „entwickelt“ wird, bevor einer der beiden Läufer gezogen hat! (S.113).

Der Leser ahnt die Pointe  — Iwantschuk gewann: 6...g6 7.g4 Lg7 8.Le3 Sc6 9.f3 e5!? 10.Sxc6 bxc6 11.Dd2 Le6 12.0–0–0 Lf8 13.Sa4 h5 14.h3 Sd7 15.Dc3 hxg4 16.hxg4 d5! 17.Dxc6 d4 18.Ld2! Tc8 19.Db7!? Tb8 20.Dxa6 Ta8 21.Db5 Lxa2 22.Lc4!? Lxc4 23.Dxc4 Df6?! 24.g5! Dd6 25.Kb1 Th3 26.Tgf1 Le7 27.b3 Da3 28.Lc1 Db4 29.Dxb4 Lxb4 30.f4 Th4 31.Th1 Txh1 32.Txh1 Ke7 33.f5 Ta6 34.Th7 Sc5 35.Ld2 Txa4 36.fxg6 Lxd2 37.Txf7+ Ke6 38.Tf6+ Ke7 39.bxa4 Sxe4 40.Tf5 1–0

Das Fazit des Autors: 6.Tg1 war wohl kaum die Ursache für dieses Ergebnis, erscheint aber durchaus lebensfähig!

Das Diagramm illustriert gut eine der zentralen Thesen des Buches: Solche ungewöhnlichen Stellungen und Zugideen nehmen seit ein paar Jahren extrem zu. Watson: Nicht selten wird heute als „wenigstens zufrieden­stellend“ bewertet, was früher (oder noch vor kurzem) als „lächerlich, hässlich und/oder undenkbar“ galt.

Die zitierte Partie ist eines von 22 Beispielen aus dem Unterkapitel “Die Flügelbauern melden sich zu Wort”. Im neuen Umgang mit Rand- und Flügelbauern sieht der amerikanische IM die größte Veränderung der Schachstrategie der letzten Jahre. Hatte er noch in seinem ersten Buch vorsichtig „die neue Beziehung zwischen Flügel und Zentrum diskutiert“, müsse er nun, fünf Jahre später, feststellen, dass er damit arg untertrieb! Ob Fügelangriffe bei beweglichem Zentrum, isolierte Doppelbauern, Randspringer oder die frühe Ent­wicklung der Dame, das alles sei alltäglich geworden im Spitzenschach. Während den Amateuren noch immer die alten Dogmen einge­trichtert würden, kümmerten sich die GM längst nicht mehr darum: das Zentrum zum Beispiel sei eben „kein geheiligtes Territorium mit an­geblichem Vorzug gegenüber anderen Brettbereichen“.

Wenn aber die alten Regeln nicht mehr gelten, was gilt dann? „Dynamik und die konkrete Stellung!“, antwortet Watson. Aus der Arbeit mit GM wisse er [...] dass das Denken der Großmeister sich so gut wie nie um Regeln und Ausnahmen dreht. Dann zitiert der Autor die bekannte Studie der Uni Konstanz zur unter­schiedlichen Hirnaktivität von Amateuren und Meistern, und er erwähnt die geschätzten 100.000 Muster, auf die ein GM in seinem Langzeit-Gedächtnis zugreifen könne. Kombiniert mit großer Rechenkraft machten sie den Unterscheid aus zwischen Meister und Amateur.

Ich gebe zu bedenken: Muster allein sind wertlos. Es müssen auch die dazu passenden und erfolgreichen(!) Lösungsverfahren gespeichert worden sein. Also geht es doch nicht ohne „Regeln“, auch wenn sich Meisterspieler dieser Regeln oft nicht bewusst sind, sie scheinbar intuitiv anwenden.
 

INHALT

In Teil I („Die Vereinigung von Theorie und Praxis“) behandelt Watson auf 235 Seiten die Theorie, das macht er am Beispiel von Partien (davon gibt jetzt mehr als im ersten Band) und Fragmenten, meistens nach 1990 gespielt.

Die Überschriften sind Thesen und Programm zugleich:
1.1 Die Aufgabe des Zentrums. Hier zeigt der Autor Beispiele aus Offenen Spielen, aus der Königsindischen und der Franz. Verteidigung.
1.2 Raum, Zeit und Abtauschen aus Prinzip,
mit Beispielen vom Damen­gambit und Igel.
1.3 Die Entwicklung der Entwicklung.
Hier geht es um extravagante Eröffnungszüge wie das erwähnte 6.Tg1 und strategische Frechheiten, bei denen man unwillkürlich an das Spiel blutiger Amateure denken muss, obwohl wir es hier mit sehr starken Meistern zu tun haben. Hier stellt Watson wilde Sachen vor, z. B. L.Aronjan – Sulskis, Cappelle 2002 (1.Sf3 d5 2.g3 c6 3.Lg2 Lg4 4.0-0 h5!? 5.Ld3 h4!!? ...). Der Abschnitt hat Unterhaltungswert, nicht umsonst trägt er den Titel „Erst das Vergnügen, dann die Arbeit!“ Unser Autor sorgt also auch dafür, dass wir Leser über die 336 großformatigen Seiten hinweg bei Laune bleiben. Das gefällt mir.
Ein anderer Abschnitt behandelt den modernen Umgang mit Bauern­ketten; auch hier mündet Watsons Analyse in seine Generalthese: Um das Spiel moderner GM zu verstehen, muss man die traditionelle Sichtweise der Ent­wicklung über Bord werfen und sie durch einen flexibleren und pragmatischeren Ansatz ersetzen.


Im Kapitel 2 geht es um moderne Bauernführung:
2.1 Die Flügelbauern melden sich zu Wort
2.2 Doppelbauern in Aktion
2.3 Das positionelle Bauernopfer
2.4 Majoritäten und Minoritäten im Widerstreit.
 

Kapitel 3 behandelt modernes Figurenspiel:
3.1 Schindmähren und Arbeitspferde (ein Lob dem Randspringer!)
3.2 Das Los der Läufer (gute, schlechte und rastlose Läufer)
3.3 Leichtfiguren auf Konfrontationskurs (Konflikt L versus S; das Läuferpaar)
3.4 Die Dame als Abenteuerin (ihr relativer Wert, frühe Ausflüge).

In TEIL II (86 Seiten) zeigt Watson 35 „Moderne Partien und ihre Interpretation“. Die Partien sind gut gewählt, nur zwei bis drei strategische Themen werden jeweils behandelt, damit der Leser das Wesentliche erkennt. Und weil er sich in den Fußstapfen von Nimzowitsch sieht, Watson nennt ihn „das große Genie der Mittelspielstrategie“, schließt der amerikanische IM seine „Schachstrategie in Aktion“ auch mit einer von Nimzowitschs Lieblingspartien: N-Olson, Kopenhagen 1924. Zwar keine wirklich große Partie, aber doch sehr modern gespielt, meint der Autor.

Manche hielten Watsons umstürzlerische Thesen zum modernen GM-Schach für überzogen, als er sie 1998 ver­öffentlichte. Mit dem Nachfolgeband weist der Autor nun an vielen Beispielen nach, dass ihm der Trend seither recht gibt. Nun ist er von unseren modernen Schachzeiten mit ihrer Fülle an neuen Ideen und interessanten Partien ganz begeistert: „Wir leben in einer schachlich so reichen Zeit, dass die Auswahl aus diesen Beispielen und selbst aus den Themen letztendlich fast willkürlich schien.“ Daher sollte, fährt er fort, für jeden Spieler und jeden Stil genug Interessantes dabei sein in seinem neuen Buch.

Der Anhang ist vorbildlich komplett: es gibt Verzeichnisse für Quellen, Spieler und Eröffnungen. Die Übertragung ins Deutsche ist an einigen Stellen (Kap. 1.3) auffallend holprig geraten  — so, als hätte hier ein anderer Übersetzer gearbeitet.
 

FAZIT


Ein pointierter Blick auf die moderne Schachstrategie. Zugleich eine unter­haltsam kommentierte Sammlung spektakulärer Partien und Fragmente mit oft diabolischer Dynamik. Für Turnierspieler und Schachphilosophen  —  und für alle, die meinen, im Schach gäbe es nichts Neues mehr.


© Dr. Erik Rausch
    Rochade Europa 3/2005