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Autor: Tom Standage
DER TÜRKE
Die Geschichte des ersten Schachautomaten
und seiner abenteuerlichen Reise um die Welt

Aus dem Englischen von Thomas Merk und Thomas Wollermann.
Campus Verlag Frankfurt / New York 2002. 
224 Seiten, 21,5 x 14 cm; 25 S/W-Abbildungen, gebunden.
ISBN 3-593-36677-0.
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Die Kaiserin hat sich amüsiert.

Ihr gefielen die Zaubereien, chemischen Experimente und physikalischen Tricks — nicht aber dem 35jährigen ungarischen Landadeligen. Er hatte seiner Regentin während der Vorführung laufend erklären müssen, warum es knallt und wie es kommt, dass die magnetisierten Eisenspäne sich so regelmäßig ausrichten.

Es ist Sommer 1769, wir sind im Schloss Schönbrunn vor Wien. Die Kaiserin ist Maria Theresia, Österreich-ungarische Herrscherin von Schwaben bis zum Schwarzen Meer. Ihr fachkundiger Berater ist der Mechaniker, Erfinder und Naturwissenschaftler Wolfgang von Kempelen. Solche Vorführungen traditioneller Zauberei, vermischt mit Experimenten, waren damals beliebt beim Adel und wohlhabenden Bürgertum — und bei Maria Theresia ganz besonders: Die volkstümliche Herrscherin und Mutter von 16 Kindern hatte gerade einen der Hexerei angeklagten Untertanen vom Schafott gerettet (»der Mann kann nicht hexen — so wenig wie ich es kann!«). Sie verbot die Folter, ließ ihre Kinder mutig gegen die Pocken impfen und förderte die Naturwissenschaften nach Kräften.

Der sonst zurückhaltende Kempelen äußerte sich enttäuscht über die Vorführung des »Magiers« von der Pariser Akademie der Wissenschaften — und verkündet vor dem versammeltem Hofstaat, er könne in wenigen Monaten eine Maschine bauen, die sehr viel spektakulärer sei als alles, was sie gesehen hatten. Solch großspurige Ankündigung konnte die Kaiserin nicht einfach ignorieren — es ging um die Ehre der Nation. Andererseits war Kempelen ein Experte mit profunder Kenntnis in Physik, Mechanik und Hydraulik. Also entband sie den Mann für ein halbes Jahr von seinen Pflichten ... 


3593366770.03.lzzzzzzz.jpg Im Frühjahr 1770 kam der Deutsch-Ungar zurück nach Wien, mit dem Schachautomaten im Gepäck, im Buch wird er »der Türke« genannt. Als Maria Theresia das Zeichen gab, schob Kempelen seinen Automaten in den Saal. Hinter dem Holzkasten (ca. 120 x 85 x 90 cm) saß eine Puppe in Gestalt eines Orientalen. Alles Türkische war damals populär: der Adel trank den gleichnamigen Mokka und kleidete seine Dienerschaft orientalisch. Der Holzkasten mit dem großen Schachbrett oben drauf, samt Türke dahinter war auf Messingrollen beweglich: das Ganze wurde gedreht und die drei Türen hinten und vorn der Reihe nach geöffnet. Dann leuchtete Kempelen mit einer Kerze hinein: Kaiserin und Gefolge konnten von hinten nach vorn durchsehen und die komplizierte Mechanik mit den vielen Zahnrädern, Nocken, Gestängen und Walzen mit Stiften bestaunen. Dann hob Kempelen den Kaftan des Türken hoch und öffnete zwei Türchen am Rücken der Figur: auch die Puppe war voller Räder und Gestänge.

Mit der kleinen Zeremonie wurde der Schachautomat dann regelmäßig seinem Publikum vorgestellt — 85 Jahre lang, so alt wurde »der Türke«. Und Staatsrat Graf Cobenzl war sein erstes Opfer: Kempelen zog den Türken seitlich am Kasten auf mit einem großen Schlüssel, öffnete ein geheimnisvolles Kästchen, das er immer bei sich trug, und bewegte etwas darin. Ein mechanisches Surren und Rattern begann, ähnlich dem einer alten Uhr vor dem Stunden­schlag: der Türke bewegte seinen linken Arm, griff eine Figur und zog 1. e4 (meist hatte er Weiß). Gelegentlich bewegte die Puppe auch ihren Kopf: zweimal Nicken hieß »Gardez!«, dreimal Nicken meinte »Schach!«. Bei Regelverstößen schüttelte »der Türke« den Kopf, korrigierte den Zug und zog selber, wodurch der Gegner einen Zug verlor. Überlegte ein Mensch zu lange, konnte der Türke auch schon mal wild mit den Augen rollen oder ungeduldig mit dem rechten Arm auf den Kasten klopfen.

Die erste Partie dauerte keine halbe Stunde und Graf Cobenzl war mattgesetzt — die Sensation perfekt! Der Automat wurde zum Tagesgespräch, erst in Wien, dann auch im Ausland. Sein Siegeszug begann.

Erst reiste Kempelen als Präsentator mit seinem Türken durch Europa, zum Ruhme der Donaumonarchie. Später wechselte der Automat mehrfach die Besitzer. Schließlich kaufte Johann Nepomuk Mälzel, ein Regensburger Klavierlehrer, Mechaniker und Ingenieur, die Wundermaschine dem Sohn Kempelens ab. Er tingelte als geschickter Entertainer mit dem Türken und einigen anderen mechanischen Automaten erst durch Europa, dann in Übersee von Kanada bis Kuba. Inzwischen konnte der Türke sogar ein paar Worte künstlich sprechen, in Berlin »Schach!« rufen und »Check!« in Boston. Als Zugabe bot der Automat auch einige Schachkunststücke, die kaum ein Mensch heute beherrscht: den klassischen Rösselsprung. Das Publikum gab dem Springer ein Startfeld vor; anschließend spielte »der Türke« den Springer über das Brett, jedes Feld genau einmal berührend, um am Ende wieder auf dem Ausgangsfeld zu landen. Die Aufgabe ist überaus kompliziert, die Literatur dazu umfangreich.

Augenzeugen berichten, dass der Türke schnell und aggressiv spielte, seinen Gegnern meist keine Chance ließ. Seine berühmteste Partie spielte der Automat 1809 in Schönbrunn gegen Napoleon Bonaparte. Autor Standage zitiert den Bericht von Napoleons Diener Constant: »...der Automat grüßte und lud den Kaiser mit einer Handbewegung ein, den ersten Zug zu machen.« Im Spielverlauf machte Napoleon, der sich für einen guten Spieler hielt (aber nicht war), absichtlich regelwidrige Züge: Erst konfiszierte der Türke eine Figur, beim dritten Mal  »... schüttelte der Automat den Kopf und wischte mit einer Handbewegung die Figuren vom Brett. Der Kaiser sprach daraufhin dem Mechanikus höchstes Lob aus.«

Andere prominente Gegner des Türken waren Benjamin Franklin, der amerikanische Politiker, Naturwissenschaftler und Schriftsteller, Katharina die Große in Sankt Petersburg, der Schriftsteller Edgar Allen Poe und natürlich Philidor, der beste Schachspieler jener Zeit. Gegen ihn verlor der Automat ziemlich schnell, gegen die zahlenden Adeligen und Amateure aber gab »der Türke« selten Punkte ab, auch wenn er Vorgaben machte: Im Jahr 1819/20 gastierte Mälzel mit dem Türken in London. Von den über 300 Partien jener Saison, in denen der Automat immer den ersten Zug und einen Bauern vorgab, soll er nur sechs verloren haben.
Später kam der schlaue Mälzel auf die Idee, aus Zeitgründen, wie er vorgab, nicht mehr Partien sondern spezielle Stellungen ausspielen zu lassen. Die Gegner durften eine Position aussuchen aus Mälzels Grünem Buch und auch die Farbe bestimmen, mit der sie gegen den Automaten spielen wollten. Meist wählten die Leute die Farbe mit den meisten Figuren oder der vordergründig besseren Stellung. Aber der Türke hatte den ersten Zug. Hier ein Diagramm aus Mälzels Trickkiste:

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Wegen des Freibauern g3 entschieden sich die meisten Gegner für Weiß. Am Zug, gewann der Türke jetzt schnell mit 1..Lb1! Wählte der Mensch aber Schwarz, dann hielt Kempelens Maschine mit 1.Dd4 mindestens Remis.

Autor der Geschichte vom ersten Schachautomaten ist der Engländer Tom Standage, ein studierter Maschinenbauer und Computerwissenschaftler [www.tomstandage.com]. Er arbeitet als Wissenschaftskorrespondent und Technologieexperte für die BBC. Herausgegeben wird die deutsche Ausgabe vom Campus Verlag, dessen Buchprogramm die Sparten Wirtschaft, Politik und populärwissenschaftliche Literatur bedient — kein Schachbuchverlag also. Tom Standage wendet sich an eine breite Leserschaft mit Interesse an Kultur- und Technikgeschichte und an Fragen der künstlichen Intelligenz. Wir Schachfreunde kommen manchmal etwas kurz weg: das Buch enthält nicht eine komplette Partie vom »Türken«. Dann wieder schreibt Standage ein ganzes Kapitel zur Entwicklung des Computerschachs (»Der Türke gegen Deep Blue«). Dieses Schlusskapitel über Schachcomputer, und die Frage, ob Supercomputer wie Deep Blue denken oder das Schachspiel überhaupt verstehen können, gehört zum Besten, was darüber bisher geschrieben wurde.

Nun sind Sie neugierig geworden? Sie meinen, ich möge dem Bluff ein Ende machen und endlich sagen, wer der zwergenhafte Mensch war, der in der Kiste gesteckt haben muss?

Die Sache ist so einfach nicht! — und die Finessen der Konstruktion will ich nicht verraten: dem Buchleser soll die Spannung erhalten bleiben, die Tom Standage geschickt aufbaut.

Auch kann von ‚Zwergen´ nicht die Rede sein: Kleinwüchsige Spieler der Meisterklasse gab es damals vermutlich kaum.

Immerhin tappten auch die vielen Augenzeugen der Türken-Show jahrzehnte­lang im Dunkeln, munkelten von hauchdünnen Fäden an den Armen der Puppe, mutmaßten geheime magnetische Kräfte zwischen Vorführer und dem Türken oder spekulierten auf Falltüren unter dem Kasten.

Natürlich war ein Mensch im Kasten! Den Patzer Napoleon I. setzte vermutlich Johann Baptist Allgaier matt (1763-1823), der deutsch-österreichische Meister. Nach ihm ist das Allgaier-Gambit im Königsgambit benannt. Aber wo war er versteckt? Alle Türen wurde anfangs geöffnet, die Kammern demonstrativ mit einer Kerze ausgeleuchtet. Und wie hätte der Spieler in seinem Versteck etwas sehen können? Der Kasten war verschlossen und elektrische Beleuchtung kannte man noch nicht. Wenn der Spieler aber eine Kerze im Kasten brennen ließ, zum Beispiel, um die Stellung von oben auf sein Analysebrett zu übertragen, dann brauchte er Licht und Sauerstoff — für sich und für die Kerze o.ä. Aber dann hätte Rauch aufsteigen müssen aus dem Kasten, was schnell bemerkt worden wäre.

Manche Partien dauerten mehr als zwei Stunden: Was, wenn der im Kasten kauernde Spieler husten musste oder niesen? Wie war es überhaupt möglich, viele Jahrzehnte hinweg das Geheimnis um den Türken zu wahren? Von Kempelen und später Mälzel mussten ja immer wieder neue Spieler der Meisterklasse finden — und einweihen.

Das Buch beschreibt, spannend wie ein Krimi, die oft abstrusen Theorien, die Zeitgenossen über den Türken aufstellten. Der deutsche Freiherr J. F. zu Racknitz ließ gar Modelle anfertigen um hinter das Geheimnis des Türken zu kommen. 1789 schrieb er ein Buch über seine Erkenntnisse — und doch durchschaute weder er noch viele Leute nach ihm alle Tricks des Konstrukteurs W. v. Kempelen. 1854 dann ließ »der Türke« in Philadelphia bei einem Museumsbrand sein mechanisches Leben.

Genau genommen wurden die letzten Rätsel um den Automaten erst 200 Jahre nach Rackwitz gelöst: 1989 war ein voll funktionsfähiger Nachbau des Türken fertig, er spielte in Los Angeles auf einer Konferenz zur Geschichte der Magie’. 

Wer meint, die Story um den Schachautomaten sei zwar ganz nett, habe aber mit unserer Moderne nichts zu tun, dem gibt Tom Standage zu bedenken: »Automaten sind die vergessenen Urahnen der modernen Technik. Fast alle unsere heutigen Maschinen, vom Computer bis zum DVD-Spieler, von der Lokomotive bis zum Roboter, haben ihren Ursprung in den ausgeklügelten mechanischen Spielzeugen, die im 18. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebten«.

FAZIT

Geschickt spannt der Autor den Bogen vom Türken zu Deep Blue, von Kempelen zu aktuellen Fragen künstlicher Intelligenz, von Philidor zu Kasparow.
Ein ebenso unterhaltsames wie informatives Buch zur Technikgeschichte der letzten 250 Jahre am Beispiel des »Türken«, des ersten Schachautomaten   —   und seinem abenteuerlichen Leben.

© Dr. Erik Rausch, Berlin