Frank Zeller, Jahrgang 69 ist seit 2001 Internationaler Meister, seit 1996 beständig über 2400 ELO und derzeit mit 2439 ELO geführt zeichnet sich als Autor verantwortlich für die Bücher "Einblicke in die Meisterpraxis", "Anti-Anti-Sizilianisch 1. e4 c5 2. c3 b6!", "Sizialinisch im Geiste des Igels", "Das Tübinger Meisterturnier 2001" und zahlreiche Artikel in den Zeitschriften "Schach", "Rochade Europa" u.ä. war bereit unsere Fragen in einem E-Mail-Interview zu beantworten.

freechess: Guten Tag Herr Zeller, ich platze einmal frei heraus: Wer wird Ihrer meiner Meinung nach Weltmeister?

Zeller: Vor Turnierbeginn hätte ich gesagt: "Wahrscheinlich Anand, da er für die konstantesten Ergebnisse bürgt." Als Geheimfavorit hätte ich Peter Swidler genannt, da er jeden schlagen kann und nicht so unter dem Druck wie die großen Drei (Anand, Topalow, Leko) steht. Jetzt, da der erste Rundgang bereits beendet ist und ein Überflieger sich herauskristallisiert hat, sollte Topalow sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen lassen.

freechess: ... und wem hätten Sie es gegönnt?

Zeller: Topalow! er spielt meines Erachtens das attraktivste und beste Schach von allen! Er hat in letzter Zeit einen unglaublichen Sprung nach vorne gemacht, wahrscheinlich auch mental, und überzeugt mit frischen und außergewöhnlichen Ideen. Auch spielt er immer auf Sieg, was ich besonders an ihm schätze. Vor ungefähr ein, zwei Jahren drohte dem Spitzenschach der Remistot. Nur noch Sweschnikow und Russisch und Computervarianten, die sich gegenseitig neutralisierten. Topalow hat dem Spitzenschach wieder Hoffnung, Kampf und Phantasie zurückgegeben und dafür hätte er den WM-Titel mehr als verdient!

freechess: Sie selbst haben mit 18 Jahren nach ihrem großen Erfolg des Turniers in Altensteig beschlossen Schach als "Eckpfeiler" in Ihrem Leben werden zu lassen. Dabei können Sie auf eine ansehnliche Karriere zurückblicken, in der Sie sich als Autor und Trainer betätigen. Welche "Eckpfeiler" auf dem Weg zur Säule sind Ihnen hierbei besonders in Erinnerung geblieben?

Zeller: Nun ja, ob diese so ansehnlich ist... (Anm. freechess: Für den Großteil der Amateure schon ...) Als Schachspieler habe ich bestimmt einige ganz nette Erfolge und Ergebnisse gehabt, aber nie so große, daß ich aus der Masse hervorgetreten und überregional oder gar international Schlagzeilen gemacht hätte. Meine Erfolge blieben regional, auf Württemberg, begrenzt. Ich drang nie richtig in die "Elite" vor, was ich schon etwas bedauere.

zeller2.jpgIn der Jugend war ich zwar talentiert und machte stetig Fortschritte, war aber nie anerkanntes "Wunderkind", gehörte keinem Kader an und wurde nie gefordert. Alles dauerte etwas länger. Gern wollte ich den IM-Titel erreichen, war aber unentschlossen im Spannungsfeld Schach und/oder Beruf.
 
Ich konnte das Schach nicht lassen, war aber nicht entschlossen oder verrückt genug, nur auf Schach zu setzen. Als junger Student blieb ich jahrelang auf einer Spielstärke von ungefähr 2300 und spielte launisch. Gute und schlechte Turniere wechselten sich ab. Das änderte sich mit Mitte 25, als ich das Studium (Geschichte/Philosophie) auf Eis legte, mal eine Weile professionell am Schach arbeiten und langsam an Familiengründung wollte: mit 27 (anno 1996) wurde ich Vater - und mit dem Verantwortungsgefühl stieg auch mein Schachgefühl; die vielen einsamen Analysestunden trugen plötzlich Früchte: Ich wurde 9. bei der Deutschen Meisterschaft in Dudweiler, erfüllte dort meine erste IM-Norm, gewann zu der Zeit auch (für meine bescheidenen Verhältnisse!) viel Preisgeld in Turnieren, wurde 1997 zum ersten mal Württembergischer Meister. Ungefähr zeitgleich schrieb ich meine ersten Schachartikel für Periodika wie den Randspringer.
 
Schreibend Geld zu verdienen war immer schon ein Traum, und so erwuchs die Idee: ich hatte Talent im Schach und beim Schreiben. Aber ich sah mich weder als genialen Schachspieler noch als überragenden Schriftsteller. Dagegen: über Schach schreiben - das können nicht viele besser als ich! Die Idee zu einem "größeren Werk", das Eindruck in der Schachwelt machen sollte, kam mir Ende 97. Thema sollte meine Lieblingsspielweise, der Igel, sein. Ich schrieb über ein Jahr am Buch; meistens betreute ich halbtags unseren kleinen Sohn und schrieb die andere Hälfte am Igelbuch. Zuweilen kam das Projekt ins Stocken.

Ich mußte feststellen, daß Schreiben der Spielstärke eher hinderlich ist. Im Laufe von 1998 verzeichnete ich Rückschläge. Dem heißbegehrten IM-Titel kam ich nicht näher, und den Druck, ein Turnier gewinnen zu müssen, weil man das Geld benötigt, verspürte ich zusehends als belastend für die Nerven. Im Herbst 1999 war das Igelbuch für mich endlich fertig, leider dauerte es noch ein halbes Jahr wegen diverser technischer Probleme, bis der Wälzer fertig auf dem Tisch lag.
 
Das war ein erhabenes Gefühl, endlich das in der Hand zu halten, was man schon zwei Jahr in und vor sich her trug!

Nun macht Bücherschreiben nicht reich und nach so langer einseitiger Betätigung hat man auch die Schnauze voll. Ich suchte mir eine Alternative zu Schach und ging wieder zur Uni. Schach war wieder Freizeit, Zeitvertreib und ohne den Druck ging es tatsächlich besser! In der 2. Bundesliga erzielte ich anno 2000 die zweite Norm und durch einen Kraftakt Tübinger Schachenthusiasten konnte ich meine letzte Norm zuhause, beim Tübinger IM-Turnier 2001 erzielen. Eine große Last fiel von mir. Ich spielte daraufhin mit neuem Schwung und es zeichnete sich verstärkt ab, daß ich das Schach doch allen anderen Berufsmöglichkeiten würde vorziehen wollen.

Meine Trainertätigkeiten verstärkten sich seit dieser Zeit. In der Tat hat sich die Arbeit am Igelbuch doch ausbezahlt, denn ich machte mir damit als Autor einen Namen, und der brachte wiederum Kunden, sprich Schüler zu mir! Parallel dazu schrieb ich vermehrt in Schachzeitschriften. Mit dem Schreiben, den Trainertätigkeiten, dem Mannschaftsbetrieb und Einnahmen von Turnieren sammelten sich meine Verdienstmöglichkeiten - ich konnte tatsächlich mit und von Schach leben. Seit rund drei Jahren steht die Säule Schach fest und unverrückbar.
 
Fast mehr Zeit investiere ich momentan aber für die Familie; meine Frau hat feste Arbeitszeiten und einer muß für die Kinder da sein. So bleibt mir vor allem zum Bücher schreiben wenig Raum. Das neue große Projekt "Igel 2" schiebe ich seit Jahren vor mir her. Wenn die Kleine nächstes Jahr in den Kindergarten gehen wird soll es endlich in die Tat umgesetzt werden!

freechess: Christopher Lutz hat in einem Interview einmal verlauten lassen, dass er obwohl er schon Großmeister war sein Schachverständnis noch gewisse Lücken hatte und weiter "Als Autodidakt herrschte bei mir ein gewisser Wildwuchs: manche Bereiche beherrschte ich ganz gut, andere wiederum gar nicht.". Wie sehen Sie sich?

Zeller: Da spricht er mir aus der Seele. Auch ich war immer Autodidakt, wahrscheinlich noch mehr als Lutz, der immerhin frühzeitig mit und gegen Großmeister spielen durfte. Ich habe z.B. immer die Bereiche vertieft, die mir Spaß bereitet haben; hauptsächlich Eröffnungen analysiert, und da meist scharfe Varianten. Endspiele habe ich vermieden, deshalb sind meine Kenntnisse da sehr lückenhaft. Auch konnte ich nie auf Ausgleich oder auf Remis spielen. Mit vielen Stellungstypen habe ich mich nicht befaßt, weil sie mir zu langweilig erschienen! Meine Technik lahmte immer meinem Schachverständnis hinterher.

freechess: Sie sind auch Vater von zwei Kindern. Sind diese bereits ebenfalls von der "Schachsirene" angesteckt?

Zeller: Nein, sind sie nicht und werden es auch hoffentlich nie werden, ein Schachspieler in der Familie genügt vollauf!

Ich kann sie nicht davon abhalten, daß sie sich ans Brett setzen und spielen wollen. Es steht ja immer eines herum - sie wachsen damit auf. Aber zum einen spiele ich ungern mit Anfängern, was meine Kinder ja sind. Ich hätte nichts dagegen, ihnen was beizubringen, wenn sie sich bereits eine gewisse Vereinsspielstärke erworben hätten!

Wenn sie Schach spielen wollen und mit Freude und eigenen Eifer dabei sein würde, würde ich das auch gutheißen. Aber mir wäre es fast lieber, wenn sie nie in einem Verein spielen möchten! Ich hasse es, wenn Schachspieler oder auch nichtschachspielende Eltern ihre Kinder ans Brett treiben und die Eltern meist ehrgeiziger als die Kinder sind. Schach ist ein tolles Spiel und es macht viel Freude. Aber heutzutage ist man nur auf die DWZ-Zahl aus. In Jugendturnieren bereiten Trainer die Kinder mit dem Computer auf ihre Konkurrenten vor - und das bei Wertungszahlen umd die 1500. Das ist pervers!

Erwachsenenturniere kann man Kindern aber auch nur eingeschränkt empfehlen. Ich habe sehr viele Freunde in Schachkreisen und es gibt dort viele feine und sympathische Menschen. Leider zieht die demokratische Sportart Schach, die allen sozialen Schichten und Altersklassen das Dabeisein ermöglicht, auch Gestalten an, die dem Bild von Schach in der Öffentlichkeit nicht gerade förderlich sind: ungepflegte Einzelgänger mit bedenklichem sozialen Vehalten. Leute, die einem ungesunden Lebenswandel fröhnen: Alkohol, Zigarrettenkonsum usw.. Das sind für Kinder keine Vorbilder - es hat eher etwas Deprimierendes. Es wundert mich mittlerweile nicht mehr, daß Schach als Event so wenig Sponsoren für sich gewinnen kann.

freechess: Sie spielten bereits erfolgreich erste und zweite Bundesliga für Tübingen, Sindelfingen und Stuttgart. Mittlerweile sind Sie am ersten Brett bei der "SG Schwäb.Gmünd 1872 e.V" in der Oberliga aktiv, welcher letzte Saison den Abstieg aus Liga 2 in Kauf nehmen musste. Wie kam der Wechsel und welche Ambitionen verfolgt Ihr Team?

Zeller: Die Bundesliga ist zu anstrengend und vor allem wenig familienkompatibel. Wenn ich drei Tage übers Wochenende weg sein möchte revoltiert vor allem meine Frau. Auch bin ich für die Bundesliga in einer schwierigen Spielstärke: Die Vereine, die Geld haben, holen sich gleich richtig gute, hundertprozentig aktive Spieler. Und die, die wenig Geld zur Verfügung haben, setzen entweder auf hauseigene Kräfte oder würden sich für mich nicht finanziell lohnen.

Außerdem habe ich dieses Legionärstum satt. Alle paar Jahre habe ich den Verein gewechselt und es entstanden meistens wenig Bindungen zu den Kollegen. Oft kommt noch Rivalität dazu: wer spielt an welchem Brett, wird streng nach Elo aufgestellt oder wie sonst? Werde ich noch im Team bleiben, wenn ich meine Leistung nicht bringe? Ich habe unter Druck meist schlecht gespielt. Ein altes Problem wohl von mir. Besser läuft es, wenn ich Sicherheit empfinde und die Mannschaftskollegen hinter mir stehen.
 
Die Jungs von Schwäbisch Gmünd kenne ich bereits aus der Jugendzeit; mit manchen bin ich schon bald 20 Jahre befreundet. Es ist eine sympathische Mannschaft, mit der ich mich auch identifizieren kann. Und Oberliga oder 2.Liga ist für mich gerade richtig. Am ersten Brett habe ich auch gute Gegner. Morgens frühstücke ich mit der Familie, fahre zur Mannschaftspartie und bin abends wieder zurück. Damit sind alle zufrieden!

Wir sind in der letzten Saison denkbar unglücklich abgestiegen. Die Mannschaft ist aber zusammen geblieben, hat sich sogar noch an ein, zwei Brettern verstärkt. Diese Kontinuität ist unsere Stärke. So sind wir nun der große Favorit auf den direkten Wiederaufstieg, was, ganz klar, unser Ziel ist. Größere Ambitionen hegt der Verein allerdings nicht. Wir müssen uns nicht in der 2.Liga etablieren und der Stamm der Mannschaft wird über Jahre der Gleiche bleiben. Wenn die Gmünder bereit sind, mir weiterhin etwas Geld zu bezahlen (Internetberichte und Unterricht gehören noch zu meinen Aufgaben) werde ich es dort lange aushalten... 

freechess: An Ihnen hat der Abstieg mit Sicherheit aber nicht gelegen, denn Sie haben mit einer ELO-Performance von 2531 eine vorzeigenswerte Saison gespielt. Haben Sie auch ein ganz persönliches Ziel für die neue Saison?

Zeller: Auf jeden Fall ein Elo-Zugewinn. Eigentlich visiere ich insgeheim doch noch einen Angriff auf den GM-Titel an, für die Zeit, wenn die Kinder "aus dem Gröbsten heraus sind". Doch nach meinem letzten Einbruch (auch zahlenmäßig) geht es erstmal wieder um Schadensbegrenzung!

freechess: In der starken Bundesliga dominieren ausländische Spieler die Besetzung an den Brettern. Ihr letzter Auftritt war in der Saion 2002/2003 mit dem SSF Stuttgart. Welchen Chancen räumen Sie einem IM heutzutage ein in der Bundesliga spielen zu können und würden Sie sich - entsprechende Offerte vorausgesetzt - diesem Erlebnis/Abenteuer aussetzen?

Zeller: Wie oben bereits angedeutet: für einen Spieler in meiner Spielstärke bzw. Alter glaube ich nicht an eine gute Offerte. Dazu müßte man schon über 2500 ELO, Jugend und Steigerungsmöglichkeiten nach oben verfügen. Im Moment verspüre ich keine Lust nach der Bundesliga - ich schreibe lieber über sie (in der Rochade)! Ich wünschte mir aber mehr Vereine in meiner Nähe in der Bundesliga, damit ich öfters zuschauen könnte.

freechess: In den Open-Turnieren verlief das bisherige Jahr als ein Auf- und Ab. Herausragend der Gewinn des 11. Reutlinger Opens und für Sie sicherlich enttäuschend der Einbruch in den letzten 3 Runden bei den Württembergischen Einzelmeisterschaften, dessen Meister Sie bereits 4 mal waren. "Nicht den Kopf hängen lassen, wenn das Wasser bis zum Hals steht", lautet eine alte Weisheit. Ich denke, dass Sie zur nächsten Württembergischen ganz besonders motiviert antreten?

Zeller: Das können Sie sich vorstellen! Das Turnier war wohl mein schlimmstes Desaster seit Jahrzehnten! Mir ist es selbst auch ein Rätsel, denn die Voraussetzungen waren eigentlich gut, ich hatte zuletzt das Gefühl, in Form zu sein, und freute mich außerordentlich auf das Turnier. Aber ich kam gar nicht in Fahrt.
Das Bild wird dadurch verzerrt, daß ich völlig eingebrochen bin nach zwischenzeitlich 4 aus 6 und nach dem Verlust in der siebten Runde völlig demotiviert das Spielen scheinbar "verlernte". In diesem Fall wäre es "vernünftig" gewesen, das Turnier abzubrechen, das hätte mir viele Punkte erspart. Aber das wäre ganz schlechter Stil, und ich hätte auch nie gedacht, daß ich - wenngleich motivationslos und gefrustet - SO schlecht spielen kann!

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Das Erstaunlichste war in meiner "Schachkarriere" schon immer, daß mich Niederlagen nie abschreckten, sondern eher für einen Motivationsschub sorgten nach dem Motto: "Jetzt erst recht". Rückschläge gab es viele und die meisten hätten wahrscheinlich mal die Konsequenz ergriffen und sich gesagt: "es reicht. Schachspielen bringt nix!" Bei mir hat stets die Liebe zum Spiel über die Vernunft gesiegt...

freechess: Mutig behaupten Sie "Die korrekteste Verteidigung gegen 1. d4 ist die Nimzoindische Verteidigung" - davon bin ich überzeugt!" Worauf beruht diese Überzeugung und wird es ein Buch zu Ihren Erkenntnissen mit Nimzoindisch geben?

Zeller: Vielleicht ist das etwas überspitzt formuliert, aber im Prinzip ist das vollkommen richtig. Nimzoindisch ist positionell äußerst gesund, hat dabei viele dynamische Komponenten, spielt nicht nur auf Ausgleich, läßt dem Schwarzen viele Wahlmöglichkeiten hinsichtlich seiner strategischen Pläne und ist nicht zuletzt ästhetisch anzusehen! Sicher sind andere Eröffnungen, gut gespielt, genau so einsatzfähig. Aber es gibt diese Gruppe der Damengambite, die eher klassisch positionell den soliden Ausgleich anstreben (vereinfacht gesagt, es gibt da natürlich einige Ausnahmen, wie Im Meraner oder Botwinnik-System, wo sogleich ein taktisches Gemetzel ansteht), und dann gibt es die "unsoliden" Eröffnungen mit strategischen Bedenken: Königsindisch, wo Schwarz freiwillig Raum und Zentrum hergibt, Benoni mit dem schwachen Bauer d6 bei weißer Zentrumslawine, Holländisch (eine mir unverständliche Eröffnung). Schwarz schafft ein Ungleichgewicht und hofft auf taktische Möglichkeiten, aber "gesund" ist das nicht wirklich...

Nimzoindisch vereint alle Kriterien. Hier lassen sich auch alle klassischen Stellungsbilder beobachten, die Weiß oder Schwarz wahlweise ansteuern können: Geschlossene Zentrumsformationen, Doppelbauern, Isolani-Strukturen oder hängende Mittelbauern. Dazu das große Thema Läuferpaar gegen Entwicklung/strukurelle Vorteile. Die ganze Dialektik im Schach ist in dieser Eröffnung enthalten.
 
Es ist kein Wunder, daß alle Großen Nimzoindisch im Repertoire haben und die Weißen verstärkt "ausweichen": Nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 spielen mehr als die Hälfte der Weißen (vielleicht gar zwei Drittel) 3.Sf3, ein bis zwei weitere Zehntel verlegen sich mit 3.g3 auf katalanische Gefilde - aber nur zehn bis zwanzig Prozent "erlauben" mit 3.Sc3 das göttliche und korrekte Nimzoindisch! Gern würde ich auch ein Buch über Nimzoindich schreiben, aber das wäre eine zu umfassende Arbeit, die würde wahrscheinlich Jahre an Lebenszeit kosten! Aber in Igel 2, sodenn es mal fertig werden sollte, behandele ich die Möglichkeiten, als Schwarzer mit Nimzoindisch eine Igelstellung aufs Brett zu bekommen, z.B. über 3. ...Lb4 4.Dc2 c5!

freechess: In Ihrem lesenwerten Buch "Einblicke in die Meisterpraxis" haben Sie bereits viele Partien von sich ausführlich kommentiert. Haben Sie eine aktuelle Partie mit einer Kurzanalyse für die Leser dieses Interviews parat? (Anm.: Evtl. ein Nimzoinder?)

A. Engelhart - F. Zeller [E38]
Württemb. Meisterschaft, Unterkochen 2003

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Db3 c5 5. dxc5 Sa6 6. a3 Lxc3+ 7. Dxc3 Sxc5 {Mit Zugumstellung ist eine spannungsreiche Stellung aus dem System 4. Dc2 entstanden.} 8. f3 (!) {wohl der beste Versuch, Vorteil aus der Eroeffnung zu holen. Weiss hat die zwei Laeufer, will mit e4 Zentrumsbeherrschung erreichen und droht, mit b4 dem Sc5 ans Leder zu gehen. Schwarz hat ein großes Plus - seinen Entwicklungsvorsprung. Er muss deshalb energisch handeln und darf vor Bauernpfer nicht zuruckschrecken:} d5 !? 9. cxd5 b6 ! {9... Dxd5 10.e4 führt, seit Rubinstein-Johner, Karlsbad 1929 bekannt, zu weißem Vorteil.} 10. e4 ?! {verwechselt etwas die Varianten. Besser 10. b4 Sa4 11. Db3 b5 und jetzt 12. e4, wonach Schwarz erst mit 12...a6 ein Tempo investieren muss. Jetzt spielt Weiss schon um den Ausgleich!} exd5 11. Lb5+ {der Abtausch kommt eher Schwarz zugute.} Ld7 12. Lxd7+ {12. De5+ Kf8! 13. Be2 dxe4 =/+} Dxd7 13. e5 ?! {13. b4!?; 13. Bg5 dxe4 14. Lxf6 gxf6 15. Dxf6 Tg8 16. Td1 gab noch Ausgleichsmöglichkeiten.} d4 !
14. Dc4

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14... Qd5 !
{Eine überraschende Wendung: Schwarz bietet Damentausch an! Aber das ist durchaus logisch: die Dame ist die einzige entwickelte Figur des Weissen und sie verteidigt die wichtigen Punkte b3 + d3.} 15. Dxd5 Sxd5 16. Se2 Sb3 {Eine Genugtuung fur Schwarz: mit a3 hat Weiss in der Eroeffnung das Laeuferpaar erobert - und nun nistet sich der gegnerische Springer dort ein!} 17. Tb1 Tc8 18. Kd1 {In schlechten Stellungen begeht man gerne Fehler. Nötig war 18. Sf4. Nach Sxf4! 19. Lxf4 Ke7 20.0-0 Ke6 beherrscht Schwarz alle wichtigen Punkte und kann auf c2 eindringen. Das Endspiel sollte gewonnen sein.} d3 19. Sc3 {Schade. ich wollte gern sehen 19. Sf4 Txc1+! 20. Txc1 Se3+ (naturlich nicht 20...Sxf4?? 21. Tc8++-) 21. Ke1 d2+ 22. Ke2 dxc1D} ... Txc3

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freechess: Deutet man Ihr Credo von oben erwähntem Buch, so sollen Computer rechnen und prüfen und Menschen textual erläutern vermitteln. Welche Rolle spielt der Computer in Ihrer schachlichen Arbeit?

Zeller:
Schon eine sehr große. Alle Analysen werden durch den Computer abgestützt. Schachprogramme sind einfach viel schneller und fehlerfreier beim Berechnen! Man muß allerdings ihre Grenzen kennen und ich erlaube mir dann schon mal, die Programme im positionellen Urteil zu überstimmen. Viel arbeite ich mit Datenbänken. Man kommt einfach und schnell an viel "Material" zu einem Thema ran. Leider ist das Material derzeit schon zu überbordend geworden, bei mehr als drei Millionen gespeicherten Partien verliert man leicht den Überblick. Da ist es wichtig, sich zu begrenzen bei der Auswahl. Ich fürchte schon die Materialschlacht im Hinblick auf das neue Igelbuchprojekt. Aus Tausenden von Partien und Bergen von Analysen soll das Wesentliche herausgefiltert werden. Da habe ich schlimme Angst, mich unterwegs zu verzetteln ... Es ist eigentlich schade, daß man nicht mehr "unvoreingenommen" ans Brett sitzen kann. Die eigene Kreativität leidet etwas darunter.

freechess:
In der aktuellen WM in San Luis sind erwartungsgemäss viele Sizilianisch-Partien Grundlage der Kämpfe, doch noch kein Igel - für den Sie Experte sind. Was halten Sie vom bisherigen Verlauf der WM und welche Partie (Stand: nach der 8. Runde) hat Sie am meisten beeindruckt?

Zeller:
Ein unglaubliches Turnier mit phantastischen Partien. Alle spielen mit offenem Visier. Man hätte sich kaum eine bessere Werbung fürs Schach vorstellen können. Es gab schon sehr viele beeindruckende Partien; viele Qualitäten wurden in einigen Partien geopfert. Lange Zeit war die Kompensation nicht klar, aber dann... Ich denke z.B. an Topalow-Anand oder Morosewitsch-Anand.

freechess:
Sind Sie froh, dass das schachpolitische Gezerre einem möglichen Ende entgegen sieht?

Zeller:
Auf jeden Fall bin ich froh darüber, daß überhaupt mal so ein Turnier mit bis auf Kramnik wirklich die besten der Welt zustande gekommen ist und darüber hinaus bin ich sehr erfreut über die Qualität und den Kampfgeist der Partien. Kaum Remisen, alle spielen mit Leidenschaft. Ein wirklich tolles Turnier, das sicherlich seinen Platz in der Schachgeschichte erhalten wird.
 
Die letzten Jahre sah man sehr viele gutbesetzte Turniere. Fast schon zu viele. Einige davon waren langweilig. Zudem sind sie irgendwie austauschbar. Linares 2002, Dortmund 2003, Wijk 2004, dies und das - wer kennt noch die Ergebnisse? Aber AVRO 1938, das kennt jeder (hoffe ich mal!). Von daher wurde mal wieder ein historischer Grundstock gelegt, auf dem man aufbauen kann. San Luis 2005 wird ein Begriff sein. Der neue Weltmeister (wohl Topalow) wird auch als Champ anerkannt werden. Ich hoffe, daß Kramnik zur Vernunft kommt. Seit er Weltmeister ist, hat er enttäuscht - menschlich wie schachlich. Wie oft bei Weltmeistern typisch sitzt er gluckenhaft auf seinem Titel. Aber der ist bald nichts mehr wert. Ich glaube nicht an einen "Einigunsgkampf", außer die Sponsoren würden Millionen rüberschießen. Beide, Kramnik und Topalow, würden den Titel für sich reklamieren. Im Falle eines unentschiedenen Wettkampfes würden sich bestimmt beide als Sieger sehen wollen. Das ist ein Dilemma. Kramnik müßte sich jetzt bewegen, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er über seinen Schatten springen kann. Immerhin, die Ankündigung eines neuen WM-Zyklusses mit Zweikämpfen nach klassischer alter Art macht Hoffnung. Nach dem Rücktritt von Kasparow vom Schach dachte ich schon: das Ende ist nahe! Jetzt haben wir Topalow, einen Hoffnungsträger, der in die Fußstapfen Kasparows treten könnte (was mehr das Charismatische als die Spielstärke meint) und einen neuen WM-Zykluss. Was will man mehr?
  
freechess: Ihnen für das Interview danken und alles Gute im privaten Bereich, sowie viel Glück und Erfolg beim Wiederaufstieg und bei den nächsten Wettkämpfen zu wünschen!

(C) Frank Große, 2005