gelfand_cover.jpgEin ganz "Großer" aus den Turnierarenen der 90er Jahre stellt seine besten Partien vor: Boris Gelfand.

Autor: Boris Gelfand
Titel: Meine besten Partien
1. Auflage, 2005
ISBN 3-283-00452-8
Edition Olms, 272 Seiten
broschiert, deutsch
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]




Autor und "Hauptdarsteller"

gelfand1.jpgBoris Gelfand wurde 1968 in Weißrussland geboren. Heute lebt er in Israel und vertritt auch dessen Flagge. Seit 1989 Großmeister qualifizierte er sich mehrfach für die Weltmeisterschaft über Kandidatenkämpfe und nahm einige Male bei den K.O.-Weltmeisterschaften der FIDE teil, ohne den ganz "großen Wurf" zu erreichen.

Zu seinen größten Turniererfolgen zählen die Gewinne Interzonenturnier Manila 1990, Interzonenturnier Biel 1993, Dos Hermanas 1994, Belgrad 1995, Wien 1996, Cannes 2002 und Bermuda 2005. Bei FIDE-K.O.-WM 1997 schied er im Halbfinale gegen Anand aus.

Das Buch

Wladimir Kramnik
, welcher im Viertelfinale der Kanditatenkämpfe 1994 eine für ihn enttäuschende Niederlage gegen Gelfand einstecken musste, zollt mit dem Vorwort seiner "Lektion" Tribut, worauf Dirk Poldauf durch eine flüssig zu lesende Kurzbiographie den gelungenen Rahmen für das Buch bietet.

Auf ganzen 32 Seiten und innerhalb von 7 Partien lässt Gelfand seiner grünfeldindischen Lieblingsvariante 1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 d5 4. Sf3 Lg7 5. cxd5 Sxd5 6. e4 Sxc3 7. bxc3 c5 8. Tb1 (D85) allen Platz, den diese benötigt. Da der Autor zu einem der anerkanntesten Experten im Bereich Grünfeld zählt, lohnt für Interessenten dieser Verteidigung eventuell schon allein wegen dem Kapitel der Kauf des Buches.

Den Hauptteil des Buches machen die "restlichen" 44 Partien aus, welche in chronologischer Reihenfolge angeordnet und mit den Partiehintergründen gespickt sind. Dabei bildet die Partie Waleri Loginow - Gelfand, Swerdlosk 1987 den Anfang und Gelfand - Alexander Grischuk, Dagomys 2004 das Ende. Gelfand hat für die Analyse Schachsoftware hinzugezogen, sich aber bemüht, "die Hilfe der Computer nicht zu missbrauchen", um die emotionalen Gefühle während der Partie nicht zu überschatten. Eine kleine Kostprobe (inklusive der an den entsprechenden Passagen gedruckten Diagramme):

Partie 24

Boris Gelfand - Viswanathan Anand
Interzonenturnier Biel 1993
Halbslawische Verteidigung [D47]

Das Interzonenturnier in Biel war einer der größten Erfolge meiner Karriere. Ich spielte eine Reihe von spannenden Partien und hatte das Glück, meinem Erfolg von Manila 1990 diesen Sieg hinzuzufügen, womit ich die vermutlich letzten zwei Interzonenturniere der Schachgeschichte gewann.

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sc3 Sf6 4. e3 e6 5. Sf3 Sbd7 6. Ld3 dxc4 7. Lxc4 b5
 
Noch eine Erfindung von einem meiner Lieblingsspieler Akiba Rubinstein, die er das erste Mal 1926
in Meran einführte, was ihr den Namen Meraner Variante gab. Mir gefallen die entstehenden Stellungen, und ich habe diese Variante mit beiden Farben mehrmals gespielt. Viele Jahre lang war sie auch eine der Hauptbestandteile von Vishys Repertoire.

8. Ld3 Lb7 9. a3

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Diese harmlos aussehende Idee habe ich mehrmals erfolgreich eingesetzt.
 
9 ...b4 10. Se4
 
10. axb4 Lxb4 11. O-O ist nicht gefährlich, wie sich in folgender Partie zeigte: c5 12. Sa2 a5 13.
Sxb4 axb4 14. Txa8 Dxa8 15. Le2 O-O 16. dxc5 Sxc5 17. Dd4 La6 18. Lxa6 Sxa6 19. Ld2 Td8 20. Dc4 Se4 21. Lxb4 1/2-1/2 (Gelfand - Schirow, UdSST-Meisterschaft, Erste Liga, Klaipeda 1988)

10... Sxe4
 
10... c5 ist zu ehrgeizig, da in der schwarzen Stellung zu viele Schwächen entstehen: 11. Sxf6+ gxf6 12. O-O Tg8 ?! 13. De2 Db6 14. axb4 cxd4 15. exd4 Dc6 16. Kh1 Lxb4 17. Lf4 Tg4 18. Lg3 Txd4 19. Tg1 ?! Te4 20. Lxe4 Dxe4 21. Dxe4 Lxe4 22. Tgc1 +/- (1/2-1/2 Gelfand - Schirow, Melody Amber, Schnellschach, Monaco 2002)

11. Lxe4 Dc7
 
Heutzutage gilt 11... bxa3 als Stärkstes: 12. O-O Le7 13. Dc2 Dc7 14. bxa3 c5 15. Tb1 Lxe4 16. Dxe4 O-O 17. Tb7 Dc8 = (Gelfand - Larejew, Tussland - Test der Welt, Schnellschach, Moskau 2002)
 
12. axb4! N

Nichts erreichte ich nach 12. O-O bxa3 13. bxa3 Ld6 14. Tb1 O-O 15. Dc2 h6 16. Ld2 Tab8 17. Lb4 c5 18. dxc5 Lxe4 19. Dxe4 Sxc5 20. Dg4 Sd3 (Gelfand - Larejew, Linares 1993)
 
12... Lxb4+ 13. Ld2 Lxd2+

13... c5 14. Lxb4 cxb4 15. Tc1 +/= und Weiß behält Vorteil.}

14. Sxd2 c5 15. Dc2! Db6 16. dxc5
 
16. Lxb7 Dxb7 17. dxc5 Dxg2 18. O-O-O !? unklar führt zu scharfem Spiel (falls 18. De4 Dxe4 19. Sxe4 f5 mit Gegenspiel).

16... Dxc5

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Nach} 16... Sxc5 ? 17. Lxb7 Sxb7 18. Da4+ muss der König ziehen, und Weiß bekommt Angriffschancen.
 
17. Da4

Ein Versuch, den schwarzen König im Zentrum zu halten. Doch nach dem einfachen 17. Dxc5
Sxc5 18. Lxb7 Sxb7 19. Ke2 musste Schwarz in Larejew - Kramnik, (Linares 1994) noch leiden, um Temis zu erreichen. Tb8 {Die einzige Verteidigung.} 17... Dc7 sieht verlockend aus, aber dann stellt 18. Da3 ! (18. O-O Lxe4 19. Tac1 Db7 20. Sxe4 O-O 21. Sd6 Sb6 führt zu einer fast ausgeglichenen Stellung) ernsthafte Probleme auf: 18... Sf6 19. Lxb7 Dxb7 20. Sc4 ! (20. O-O De7 =) 20... Dxg2 21. Sd6+, und nun:
 
A) 21... Kf8 ?? führt zu einem erstickten Matt nach 22. Sf5+ Kg8 23. Se7+ Kf8 24. Sg6+ Kg8 25. Df8+ Txf8 26. Se7#

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B) 21... Kd7 22. O-O-O ! mit entscheidendem Angriff, zum Beispiel 22... Sd5 (22... Dc6+ 23. Kb1 Sd5 24. Sxf7 +-) 23. e4 Thc8+ 24. Kb1 ! (aber nicht 24. Sxc8 Txc8+ 25. Kb1 Dxe4+ unklar) 24... Tc6 25. exd5 Dg6+ 26. Ka1 Txd6 (26... exd5 27. Sb7 +-) 27. dxe6+ Dxe6 28. Da4+ Kc7 29. Txd6 Kxd6 30. Db4+ Kc7 31. Tc1+ Kd8 32. Df8+ De8 33. Td1+ Kc7 34. Dd6+ Kb7 35. Db4+ Kc7 36. Tc1+ Kd8 37. Da5+ mit Gewinn.

18. O-O
 
Keine der anderen weißen Optionen erreicht etwas: 18. Dxa7 Lxe4 19. Sxe4 Db4+ 20. Sd2 O-O (und falls 21. Dxd7, so 21. Tfd8) 18. Sb3 Db6, oder 18. Td1 Lxe4 19. Sxe4 Db4+=
 
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18... O-O!

Wieder die beste, wenn nicht die einzige Antwort. Das Endspiel nach 18... Lxe4 19. Sxe4 Db4 20. Dxb4 Txb4 21. Txa7 ist sehr schwer, wenn nicht gar verloren. Nun hatte ich eine Reihe von Alternativen, und ich verbrauchte recht viel Zeit für ihre Berechnung.
 
19. Dxd7
 
Nach 19. Tac1 Dd6 20. Sc4 De7 = wäre die weiße Initiative verflogen, aber ich konnte auch 19. Lxh7+ Kxh7 20. Dxd7 versuchen:
A) 20...Lxg2 ? 21. Kxg2 Tbd8 22. Se4 Df5 23. Da4;
B) 20... Tfd8 21. Dxf7 Txd2 22. Ta4 +- führt zur Partiefortsetzung;
C) 20... Dd5 21. Dxd5 Lxd5 22. e4 Txb2 !? 23. exd5 Txd2 24. dxe6 fxe6 25. Txa7 Tc8 +/= und Weiß hat einen Mehrbauern, aber das wahrscheinlichste Ergebnis ist Remis;
D) 20... Dg5 !? 21. Dd3+ +/= (21. g3 Tfd8 22. Dxf7 Dd5!), wonach Schwarz etwas Kompensation hat, aber ich bin nicht sicher, ob sie ausreicht;
E) 20... Ld5 ! und Weiß kann nicht mehr als ein Endspiel mit 4 gegen 3 Lauern erreichen,
das remis sein sollte.

19... Tfd8
 
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20. Lxh7+!
 
Das ist die letzte weiße Chance. Schwarz hält die Stellung sowohl nach 20. Tac1 Db4 ! (der einzige Zug), und falls 21. Tc4 Dxc4 22. Dxd8+ Txd8 23. Lxh7+ Kxh7 24. Sxc4 La6 25. b3 Tb8, als auch nach 20. b4 Db6 (der einzige Zug) 21. Sc4 (21. De7 Txd2 22. Lxb7 Dxb7 23. Txa7 Dxe7 24. Txe7 Tb2 =) 21... Txd7 22. Sxb6 axb6 23. Lxb7 Tdxb7 =.

20... Kxh7?
 
Vishy nahm den Läufer sofort und fiel damit in eine Falle. Die berühmte Spielgeschwindigkeit des FIDE-Weltmeisters von 2000 hat sich manches Mal in seiner Karriere gegen ihn gewendet. Nach dem einfachen 20... Kf8 ! 21. Da4 Txd2 22. Le4 (22. Tac1 Dd5 ! 23. e4 Dd4) 22... Lxe4 23. Dxe4 g6 hätte Weiß nur einen symbolischen Vorteil.
 
21. Dxf7 Txd2?

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Dieser Zug erfolgte ebenfalls sehr schnell. 21... Dd5 ? war hoffnungslos wegen 22. Sf3 Tf8 23. Dc7 (oder 23. Dxe6 +-) 23... Txf3 24. Dxb8 Txe3 25. f3 +-, aber wie mir Anand am nächsten Tag zeigte, war 21... Lxg2 die hartnäckigste Verteidigung: 22. Kxg2 (22. Txa7 ?? Dg5 -+; 22.Ta4 ?! Dg5 +/=) 22... Txd2 (die Einschaltung von 22... Dg5+ 23. Kh1 Txd2 verliert nach 24. Tg1 Dd5+ 25. f3 De5 26. Tg3 Txh2+ 27. Kxh2 Dxb2+ 28. Kh3 Dxa1 29. Kg4! +-), und nun:
A) 23. Ta4 sieht wie ein Einsteller aus, aber nach 23... Tb4 ! (23... Dc6+ 24. Kh3 Dxa4 25. Tg1, und das Matt ist unvermeidlich) 24. Txb4 Dxb4 25. Dxe6 Dxb2 sind die weißen Gewinnchancen ungefähr so groß wie schwarzen Chancen auf ein Remis;
B) 23. Txa7 Dg5+ 24. Kh1 Dd5+ +/= {25. f3? Dg5};
C) 23. Dxe6 Tbxb2 (23... Tb6 24. De4+ Tg6+ 25. Kh1 +-; 23... Dg5+ 24. Kh1 +-) 24. De4+ (24. Ta4 Txf2+) 24... Kg8 25. Kg1, und die Chancen von Gewinn bzw. Temis sind wieder "fifty-fifty"
 
22. Ta4 ! Dg5 23. g3 ! +-
 
Diesen Bauernzug, der den weißen König verteidigt und unwiderstehliche Drohungen gegen seinen
schwarzen Kollegen aufstellt, hatte mein Gegner übersehen. Allerdings hatten ihn auch einige der anderen Spitzenspieler übersehen, die - wie sie mir nach der Partie erzählten - dachten, ich würde verlieren. Nun ist alles vorbei.
 
23. ... e5 24. Th4+ Dxh4 25. gxh4 Td6 26. h5 Le4 27. De7 Tbb6 28. Dxe5 Te6 29. Df4

Schwarz gab auf.

Wie man schnell erkennt, liegt das Hauptaugenmerk auf der Veröffentlichung von Kernvarianten - konkrete Pläne etc. werden eher selten erläutert. In den Analysen referiert Gelfand oft auch andere eigene Partien (diese sind ebenfalls im Parienverzeichnis im Anhang wiederzufinden!), sodass der Titel "Meine besten Partien" treffend erscheint und mehr als im Inhalt angezeigten Partien von ihm zum Vorschein kommen. Die angegebenen Varianten sind zwar meist etwas länger, aber nicht extrem verschachtelt. Die Anzahl der Diagramme reicht aber nicht zu einem Lesen auf Reisen aus.
Auf 16 bzw. 13 Seiten hat Boris Gelfand noch seine "besten" Kombinationen und Endspiele herausgesucht, um diese zu präsentieren. Auch diese werden mit einer Analyse angegeben. Von meiner Seite aus hätten hier noch mehr Beispiele ihren Platz finden können.

Fazit

Als Band 55 der Reihe Praxisschach 'betreten' diese Seiten die Bücherläden. Leider nicht gebunden und kartoniert, aber dennoch eine gelungene Partiensammlung. Ein paar mehr Fotos hätten dem anspruchsvollen Inhalt nicht geschadet! Schriftsatz, Zweispaltendruck und Diagramme lassen keine Kritik übrig und ein Personen-, Partien- und Eröffnungsverzeichnis ermöglichen das schnelle Auffinden der gesuchten Passagen. Insgesamt für Freunde von Schach-Biographien mit dem Hauptaugenmerk auf den Partien ein Kauf, der lohnt, da einige der Partie-Leckerbissen das Nachspielen auf jeden Fall lohnen.

(C) Frank Große, 2005