Hätte man im Wettbüro (Betsson) eine Wette auf den Ausgang der WM abgeschlossen, so wäre folgender Endstand zustane gekommen: Anand, Topalow, Leko, Swidler, Polgar, Adams, Morosewitsch, Kasimdschanow. Am Ende lautete die Reihenfolge der vom 27. September bis 16. Oktober 2005 in San Luis (Argentinien) stattfindeten FIDE-Weltmeisterschaft ein wenig anders ... Freechess.info bringt ein Resümee und einen kleinen Rückblick zur WM.


FIDE-WM San Luis 2005

In den letzten 3 Wochen war es zur Freude der vielen Schach-Fans möglich die Ereignisse und Ergebnisse rund um die Weltmeisterschaften live! und kommentiert in vielen Berichten zur verfolgen. San Luis liegt fast 600 km landeinwärts von Buenos Aires und ist damit ein ungewöhnlicher Ausrichtungsort für die WM. Kein Fotofinish, wie von den meisten Experten erwartet, hat die WM entscheiden, sondern ein Kurz-Remis des neuen Weltmeisters Topalow gegen das Tabellenschlusslicht Polgar beendete den insbesondere in der ersten Hälfte spannenden Kampf um die Schach-Krone. Etwas überraschend, dass nachdem in der ersten Hälfte 16 von 28 Partien entschieden worden im zweiten Abschnitt nur noch 8 Gewinnpartien zu Buche standen und die Spieler sich scheinbar mit dem Resultat und der Tabelle abgefunden hatten. Nach den furiosen und auch für die Fans "aufregenden" ersten Runden, endeten viele Partien der zweiten Runde im ausgekämpften Remis, sodass insgesamt nur wenige langweilige unausgefochtene Kämpfe zu Buche stehen! Ein großes und würdiges Turnier hat sein Ende gefunden und wird zu Recht in die Geschichte der Weltmeisterschaften eingehen und den Gewinner als solchen auch anerkennen.

Der neue Weltmeister Weselin Topalow

In der erst wenige Tage alten FIDE-ELO-Rangliste vom Oktober 2005 hat Anand 6 ELO-Punkte Vorsprung vor Topalow, doch dies hindert Topalow nicht daran in der ersten Hälfte des WM-Turnieres wie losgelassen zu spielen und einen überraschenden und souveränen Vorsprung einzuspielen. Hatte der neue Champion eine Elo-Performance von 3146 bei der "Halbzeit", so pegelte sich seine Turnierleistung bei der Abschlusstabelle auf nicht minder zu verachtende 2906 Punkte ein.
Insbesondere die erste Hälfte des doppelrundigen Turniers war Garant für den Erfolg des Bulgaren. Hier gelang ihm faktisch alles und kritische Partien (Leko, Swidler) konnten nicht nur gerettet, sondern gar noch in volle Punkte verwandelt werden, sodass der daraus resultierende psychologische Vorteil klar auf seiner Seite lag. Die Schwarzpartien waren prinzipiell der Knackpunkt, denn hier konnte Topalow mit 4 Siegen und 5.5 Punkten mehr als 50% seiner Gesamtpunktzahl erarbeiten! Topalow ist souveräner Weltmeister geworden, dem es gelang KEINE (!) einzige Partie zu verlieren, was man eigentlich keinem Teilnehmer vor dem Turnier in diesem Wettbewerb zugetraut hätte. Etwas überrascht habe ich mich dennoch gezeigt wie scheinbar "leicht" in der Rückrunde die Punktteilungen gegen Leko und Anand zu Stande kamen, wobei Topalow mich dabei ein wenig an Kasparow und sein scheinbar unschlagbares "Eröffnungsbuch" zu besten Zeiten erinnert ...

Der als vor dem Turnier als Favorit gehandelte Inder startete mit 2,5 aus 3 ebenfalls gut ins Turnier und kam durch die Schwarzniederlage in Runde 4 gegen den ELO-schwächsten Teilnehmer Kasimdschanow aus dem Tritt. Die überraschende Niederlage gegen Morosewitsch in Runde 7 lies den Rückstand zu dem Zeitpunkt zum Führenden Topalow phänomenal erscheinen. Der oben angesprochene ELO-Vorsprung dürfte nach diesem Turnier hinfällig sein, sodass Topalow auch in der FIDE-ELO-Liste Spitzenreiter ist.
Die wahrscheinlich letzte Chance für den 35-jährigen nach der Schachkrone zu greifen hatte er in Runde 9 wohl endgültig verspielt, als es ihm nicht gelungen ist Topalow mit den weißen Steinen unter Druck zu setzen und Kapital zu schlagen, sodass der Eindruck entstehen musste, dass der Bulgare "unschlagbar" sei. Insgesamt wirkte der sonst souveräne Anand etwas matt gegen Topalow, dennoch blitzte seine überragende Spielerleistung immer wieder auf, wie z.B. beim Sieg in Runde 12 gegen Peter Leko.

Der Russe spielte ein starkes Turnier und belegt zu Recht den geteilten zweiten Platz mit Anand. Auch Swidler lag nie im negativen Score und hat mit Weiß gegen Topalow seine einzige Niederlage erhalten. Auch ihm gelang es nicht im Rückspiel gegen den neuen Weltmeister einen Vorteil aus der Eröffnung zu holen, sodass die Punkteteilung die logische Konsequenz war. Weder den Lauf noch den Score hätte man dem zurückhaltenden Russen zugetraut, in Betracht der Top-Leistung von Topalow konnte Swidler aber nur im Schatten stehen. Ein paar Remis und die Niederlage gegen Topalow zuviel waren der Faktor für den Rückstand zu selbigem, dennoch hat er sich in der Weltspitze etabliert und keinesfalls enttäuscht, sodass er in nächster Zeit wahrscheinlich viele Turniereinladungen erhalten wird und wir auf seine Resultate gespannt sein dürfen. Und vielleicht ist eines Tages der Schach-960-Weltmeister auch Weltmeister im 'herkömmmlichen' Schach?!

Der kreative Spieler hat einen guten vierten Platz erreicht und eine bessere Platzierung wurde m.M. nach durch die zwei "Nullen" gegen Peter Swidler verhindert. Nach einem kleinen Zwischenspurt von 3 Siegen in Folge (gegen Anand, Kasimdschanow und Leko) konnte er sich gegen Topalow ins Remis retten, diesen aber nicht gefährden. Persönlich überrascht und enttäuscht war ich ein wenig davon, dass Morosewitsch seine Überraschungswaffen in der Eröffnung zu selten eingesetzt hat und via geschickten Zugumstellungen seine Gegner nicht auf eventuell unbekanntes Terrain locken konnte, sodass er eventuell einen psychologischen Vorteil nicht effektiv genug ausgenutzt hat. Denn man darf nicht vergessen, dass es bei einem Turnier dieser Klasse und diesem Umfangs es nicht möglich ist, sich auf alle Gegner "perfekt" vorzubereiten. Insbesondere in der zweiten Hälfte hätte ich hier mehr Mut zum Risiko erwartet, denn "Moro's" Abschneiden war bis dato nicht erwartet gewesen und auch die Top-Spieler können in selbst aussichtslosen Stellungen nicht immer die "big points" einfahren, wie die Partie Topalow - Anand bewies. Dennoch: ein starkes Turnier vom Moskauer, der mit einem ELO-Plus in die Zukunft schauen kann.

Der erste "Verlierer" der WM, der sich von seinen Niederlagen in Runde 1 (Topalow) und 3 (Swidler) nicht wirklich erholen konnte. Insbesondere die erste Partie in welcher er Topalow mit den weißen Steinen klar überspielt hatte dürfte schwer im Magen des Ungarn gelegen haben. Im Prinzip hätte ihm ein Run wie in Dortmund 2002, wo er mit eindrucksvollen 6.5 aus 7 einen Lauf produzierte, benötigt, der auch auf Topalow nachhaltig und beeindruckend gewirkt hätte. Derartiges ist aber nicht auf Bestellung möglich, aber Peter Leko ist ehrgeizig und ihm gelang der letzte Sieg in der WM in der 14. Partie gegen Rustam Kasimdschanow, welchen er damit auf Rang 6 verwiesen hat. Nach der verpassten Chance im vergangenen Jahr gegen Kramnik und dem eher schwachen Abschneiden in San Luis stellt sich mir die Frage, ob der 26-jährige Leko eher in die Fusstapfen von Anand steigen wird oder ob es dem Ungarn in Zukunft doch noch gelingen sollte die WM-Krone zu ergattern.

Der bis vor dem Turnier amtierenden FIDE-Weltmeister hat ein Turnier innerhalb seiner Möglichkeiten gespielt und die nach ihm platzierte Polgar auf einen Punkt Abstand gehalten. Damit hat er weder enttäuscht, noch überrascht. Im Prinzip führte er ein kleines Zusatz-Duell gegen Polgar und Anand, gegen welche er beide 1 Sieg und 1 Niederlage zu Buche stehen hat. Gegen den neuen Weltmeister Topalow, Morosewitsch und Leko schneidet er mit -1 zu seinen Ungunsten ab. Rustam hat nicht enttäuscht und auch in vielen Partien zäh gekämpft, seine vor der WM von Experten bemängelten Eröffnungslücken konnte er wohl größtenteils ausmerzen. Rustam geht sicherlich gestärkt aus dem Wettkampf hervor, da er ein Mithalten auf höchster Ebene bewiesen hat und der ein oder andere Sieg Selbstvertrauen für die Zukunft geben dürfte.

Ohne einen einzigen Sieg vom diesem Turnier nach Hause zu fahren muss eine herbe Enttäuschung für den Engländer sein. Kampfes- und Siegeswille waren definitiv vorhanden, aber Adams ist derzeit ganz klar ausser Form! Eventuell waren schon die zwei Niederlagen gegen die damalige Nr. 1 Kasparow am Jahresanfang in Linares symptomatisch für die Abläufe des zu Ende gehenden Jahres. Nach dem Debakel im Sommer gegen Hydra hatte Adams wohl nicht genügend Selbstvertrauen und psychologische Erfolge für die WM tanken können. Topalow, der gegen Adams einen negativen Score hat, kam ungeschoren davon und für "Mickey" kann das nächste Jahr nur besser werden, denn Chancen bieten seine Partien allemal.

Viel geschrieben und viel spekuliert wurde über die einzige Frau im Felde vor der WM! Am Ende belegt sie abgeschlagen den letzten Platz, welcher nach dem spektakulären Sieg in Runde 3 gegen den amtierenden Weltmeister Kasimdschanow nicht abzusehen war. Doch bereits bei ihrer Auftaktniederlage gegen Anand zeigte sich ihr für dieses Level mangelhafte Eröffnungsrepertoire, welches ihr im ganzen Turnier als Handicap anlastete. Judit spielt teilweise aggressives und "praktisches" Schach, auf Weltspitzen-Niveau reicht dies aber heute nicht aus. Die zur Weltmeisterin fehlenden Eigenschaften räumt sie in einem Interview selbst ein. Man darf gespannt sein ob Judit, die ohnehin wenig Top-Turniere mitspielt, sich in Zukunft wieder intensiver dem Schach widmet oder doch den Mutterfreuden den Vorzug gibt.

Abschlusstabelle San Luis 2005
Ausführliche Statistiken auf ligainfo.de zum Nachlesen.

 1  Weselin Topalow  10 
 2 Vishwanathan Anand 8.5
  Peter Swidler 8.5
 4 Alexander Morosewitsch   7
 5 Peter Leko 6.5
 6 Rustam Kasimdschanow 5.5 
  Michael Adams 5.5
 8 Judit Polgar 4.5 

Das einzige und für mich 'beeindrucktendste' Bild in diesem Artikel stammt von der Eröffnungsveranstaltung, wo ich bis heute im unklaren bin ob das "Schachbrett" links unten eine 'verkürzte' Form des Schachspiels darstellt oder doch nur ein Kuchen wiedergibt ;)

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Die Weltmeisterschaft ist vorbei und ich hoffe, wir steuern nicht einem neuen Weltmeister-Strudel entgegen, denn immerhin hat diesen Monat auch Iebe Rubingh ein Schach-Weltmeistertitel erringen können, wenn auch "nur" im Schachboxen ...

(C) Frank Große, 2005