Eines der besten Programme seit vielen Jahren ist Shredder. In diesem Test werden die aktuellen Versionen Shredder 9 UCI Windows und Shredder 9 Linux (brandaktuell) getestet und verglichen.


Allgemeines zu Shredder

Das Programm Shredder ist seit Jahren einer der Marktführer auf dem Sektor der Schach-Software. Dazu zählt auch das Erreichen von 10 (!) Weltmeisterschaftstiteln, wobei in diesem Jahr in Reykjavik der Titel "Computerschach Blitzweltmeister" hinzugekommen ist. Seit Anfang des Jahres gibt es bereits Shredder 9 UCI für Windows und seit Anfang des Monats Oktober ist auch eine Linux-Variante und Mac-Variante erhältlich. Letztere wird diesem Test nicht unterzogen. In der letzten mir bekannten SSDF-Liste belegt Shredder mit seinen letzten drei Versionen (!) eben diese Ränge: SSDF-Liste 29.07.2005. Aber auch in anderen Computerschach-Ranglisten belegen die Shredder-Programme vordere Plätze.
 
Das Programm Shredder ist auch in der Lage Schach-960 zu spielen, sodass Interessenten dieser Spielweise hier einen starken Partner erhalten. Die Software ist entweder bei http://www.shredderchess.de direkt zu erwerben und kann dort heruntergeladen, bzw. bei diversen Fachhändlern auf dem Postweg geordert werden. In diesem Testbericht möchte ich weniger auf Computerschach-Spezifika eingehen - dazu gibt es die einschlägigen Computerschach-Foren -, sondern mich primär auf die Anwendung der beiden aktuellen Versionen für Windows und Linux konzentrieren.

Shredder 9.1 UCI Windows

Der Zusatz UCI ist die Abkürzung für Universal Chess Interface, was soviel bedeutet, dass die Engine auch in anderen grafischen Oberflächen, wie z.B. Fritz oder ChessBase genutzt werden kann. Die Implementierung erfolgt einfach und problemlos. Natürlich ist Shredder auch in der Lage andere Engines zu installieren, aber in diesem Test beschränke ich mich aber auf die Shredder-eigene Oberfläche und Engine!

Der Download des Installers benötigt gerade einmal knapp 6 MB und ist bei heutigen Bandbreiten kein Problem. Das Eröffnungsbuch kommt mit über 17 MB etwas größer daher, dürfte für die meisten User aber dennoch kein größeres Hindernis ergeben. Als drittes Download-Feature kommt das Handbuch im PDF-Format daher, welches aber auch im Programm als integrierte Hilfe vorhanden ist. Die Installation von Software und Eröffnungsbuch (welches von Sandro Necchi erstellt wurde) ist ein Kinderspiel, sodass keine Probleme auftreten sollten.

Nach einem ersten Start des Programmes gefällt die intuitive Oberfläche sofort! Einfache Menüführung (keine überlasteten und verschachtelte {Unter}menüs) und sauberes 'Look&Feel'. Die Ansicht gliedert sich in die für Schachprogramme übliche Darstellung mehrere Fenster. Innerhalb der jeweiligen Fenster bietet die "rechte Maustaste" ein kontextbezogenes Menü mit den wichtigsten Informationen. Das Outfit von Shredder lässt sich beliebig modifizieren und bietet bis zum 3-D-Schachbrett alles notwendige. Die Outfits lassen sich auch speichern, sodass man nicht bei jedem Programmneustart die Einstellungen tätigen muss. Ich werde hier nicht alle Menüfunktion referenzieren, das Handbuch oder die Hilfe gibt Antworten auf mögliche Fragen. Sollte dennoch in einem Punkt Unklarheit bestehen, so ist der Autor Stefan Meyer-Kahlen bereit Anfragen via E-Mail in kurzer Reaktionszeit zu beantworten.

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Shredder 9.1 UCI
verfügt über alle Funktionen, die ein modernes Schachprogramm benötigt, auch der einfache Umgang mit Datenbanken (Partien speichern etc.) stellt kein Problem dar. Dabei ersetzt das Programm keineswegs alle Funktionen einer wie einer professionellen Datenbank-Software á la ChessBase, was aber m.E. auch nicht die Intention der Software ist. Das Laden-/Speichern von Stellungsbildern erfolgt via EPD. Auch beim Spiel mit dem menschlichen Partner lassen sich alle denkbaren Zeitmodi einstellen und je nach Bedarf die Spielstärke der Shredder-Engine beschränken.

In der Analyse wird über die Option "Hauptvariante vorspielen" ein kleines separates Brett geöffnet, welches es erlaubt die momentan berechnete Hauptvariante nachzuspielen. Dies kann auch automatisch geschehen. Leider lässt sich dieses Brett nicht direkt in die Shredder-Oberfläche integrieren. Die Hauptvariante kann via Menüpunkt sofort in die Notation eingefügt werden - alternativ kann aber auch "nur" der beste Zug hinzugefügt werden. Eine Möglichkeit der verbesserten Analyse stellt "Triple Brain" dar. Diese Option ist für leistungsstarke Rechner eine Möglichkeit mehrere Engines analysieren zu lassen, während die Entscheidungs-Engine "Triple Brain" bestimmt welcher Zug die beste Alternative darstellt. Auch das automatische Analysieren von Partien oder gar Stellungen (hier könnte z.B. eine Datenbank mit vielen Stellungen geladen und automatisch überprüft werden) ist möglich. Um in diesen Modus zu gelangen, darf allerdings nur eine Engine aktiv geladen sein! Insgesamt ist Shredder im Analyse-Modus in der Lage mit 10 gleichzeitigen Engines zu arbeiten. Um hier effektiven Nutzen zu erhalten ist ein sehr leistungsstarker Rechner vonnöten und aus meiner Sicht ist die Analyse mit 2-3 Engines zur gleichen Zeit mehr aus ausreichend.

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Die mitgelieferte Engine kann natürlich weiter modifiziert und den Bedürfnisse angepasst werden. Standardmässig sind zwar Einstellungen wie "Shredder Gambit" oder "Shredder Solid" schon verfügbar, das soll den Computerschachenthuiasten aber nicht daran hindern seine eigene Engine-Kreation zu entwerfen. Auf folgende Punkte ist hierbei auf jeden Fall achtzugeben:

Königssicherheit/Königsangriff


Ersteres behandelt nach diversen Testberichten Shredder sehr exakt und das Programm ist dabei in der Lage mögliche Verteidigungsressourcen besser auszuloten. Die Erfolge scheinen dem Recht zu geben. Je geringer dieser Wert eingestellt ist, um so leichter würde es den König evtl. in ein Mattnetz zu locken. Eine aggressive Einstellung bzgl. des Königsangriffsverhaltens kann neben dem Überrennen des Gegners auch in verlustreichen Kontern enden.

Zentrumskontrolle

Frei nach Artur Jussupow "Man kann aber nicht genug betonen, dass das Zentrum der wichtigste strategische Faktor ist. Wer das Zentrum kontrolliert, bestimmt das ganze Spiel. Man muss das Zentrum wie eine strategische Kommandohöhe verstehen. Nur mit der Kontrolle im Zentrum kann man in der Regel ein Angriff erfolgreich durchführen." ist demzufolge Beachtung zu schenken. In dem Zusammenhang können durchaus die Faktoren "Bauernstruktur" und "Zentrumskontrolle" erwähnt werden.

Ganz wichtig ist dabei zwischen dem Mittelspiel und dem Endspiel zu unterscheiden, da hierbei strategische Faktoren oft eine Umbewertung erhalten. Eine vom Eröffnungsbuch-Autor Sandro Necchi erstellte Einstellung namens "Columbus Egg" kann hier nachvollzogen werden.

Ich möchte noch einmal ein Auge auf die Analyse-Funktionen von Shredder 9 UCI werfen: Analysiert man eine Partie im Analysemodus, so rechnet die Engine wie erwartet permanent im Hintergrund. Durch das Vor- und Zurücknehmen von Varianten speichert die Engine die Varianten und kann bei der Analyse so effizienter in den Variantenbaum eindringen. Dazu empfiehlt es sich beim "Springen" zwischen den Varianten selbige zugweise vor- und zurückzuspielen. Bei der Analyse in jedem Fall hilfreich ist das Variantenbrett, welches sich mittels F11 hinzuholen lässt.

Das mitgelieferte Eröffnungsbuch ist mit entpackten 95 MB nicht übermässig groß ausgefallen, aber es ist jederzeit möglich Partien in dieses Eröffnungsbuch zu importieren, wovon ich aber abrate, da ich denke, dass das Buch speziell für Shredder geschrieben und bearbeitet wurde. Alternativ kann man natürlich weitere Eröffnungsbücher anlegen und pflegen ...

Thema Endspieldatenbanken:
Natürlich erlaubt es Shredder 9 UCI Pfade zur Angabe der Tablebases zu tätigen und greift auf die dort gespeicherten Erkenntnisse sowohl während der Engine-Phase, als auch bei der Partieangabe zu. Das Highlight schlechtin ergibt sich aber für mich dadurch, dass Shredder beim Erkennen einer Endspielstellung, welche in den aktuellen Tablebases von Robert Hyatt verfügbar ist, diese per Knopfdruck online abfragen kann. Dies gilt auch für die datentechnisch umfangreichen 6-Steiner! Bei meiner Internetverbindung (2 MBit/s Downstream) war der Zugriff auf die Datenbanken sehr schnell, wie das bei geringerem Volumen aussieht konnte ich leider nicht prüfen. Prinzipiell: Eine derartige Funktion ist mir momentan von keinem weiteren Programm bekannt.

Ein weiteres nützliches Feature zur Thematik Endspiel ist die "Joker-Analyse". Ein Blick auf die nachfolgende Grafik soll das Prinzip erklären. Ich habe hier bewusst eine einfache Diagrammstellung ausgewählt, sodass die Funktion einfach zu erläutern ist.

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Das hier vorliegenden Bauernendspiel habe ich aus Sicht des schwarzen Königs einer "Joker-Analyse" unterzogen. Die Ziffern auf den Feldern zeigen an, auf welchen Feldern der schwarze König Remis halten kann bzw. verlieren würde. Die "Joker-Analyse" basiert auf den Tablebases und greift hier bei Bedarf auch auf die Online-Datenbanken zu und dauerte bei mir nur wenige Sekunden. Für das prinzipielle Verstehen und zum Training von Endspielen ist diese Funktion sehr nützlich. Zu beachten ist, dass bei der Joker-Analyse die aktuelle Partie gelöscht wird, sodass ein voriges Speichern notwendig wird. Ein Warnfenster vor Benutzen der Joker-Analyse wäre wünschenswert!

Abgerundet wird das Programm durch Druckfunktionen, Auto-232-Player-Verfügbarkeit, die Möglichkeit Engine-Wettkämpfe auszutragen und ein externes Brett anzuschliessen. Eine Trainerfunktion, welches sich (de)aktivieren lässt macht auf Fehler aufmerksam. Die Aktualität des Programmes wird über eine automatische Update-Funktion gepflegt! Als kleine Zugabe gibt es zum Programm eine Datenbank mit allen Weltmeisterschaftspartien bis Ende 2004. Alles in allem hat das Programm keine Wünsche offen gelassen, wobei mir persönlich insbesondere die Möglichkeiten zur Analyse des Endspiels am besten gefallen haben.

Shredder 9 Linux

Seit wenigen Tagen erhältlich: Shredder 9 für Linux! Die erste kommerzielle Engine für Linux möchte nun dem Wunsch vieler User entsprechend auch auf dieser Plattform Hochleistungsschach anbieten. Ich habe das Programm sowohl unter SuSE 9.3 mit JRE 1.4.2_06, als auch unter Debian Sarge 3.1 mit JRE 1.5_05 erfolgreich installieren und testen können. Natürlich wird für die Ausführung ein grafisches X-Frontend benötigt. Unter SuSE habe ich KDE3 und unter Debian GNOME als X-Server im Einsatz gehabt. Weitere Pakete werden bei einer Standardinstallation der genannten Betriebssysteme nicht benötigt. Nach der einzigen Anpassung im Konfigurationsfile "Shredder.sh" und der dortigen Pfad-Definition der Umgebungsvariable 'JAVA' kann das Programm schon gestartet werden. Zu bemängeln gilt es, dass derzeit noch kein Handbuch für die Linux-Installation auf der Homepage verfügbar ist, sodass Linux-Einsteiger eventuell vor Probleme stehen. Ein Punkt ist, dass Shredder mit der unter Windows üblichen Groß-/Kleinschreibung bei Dateinamen arbeitet, sodass Anfänger nicht genug Aufmerksamkeit auf diesen Fakt legen und dort schon Probleme haben. Empfehlenswert wäre die unter Linux übliche Kleinschreibung insbesondere für Skript-Files etc. Nach dem ersten Start wird nach der gewünschten Sprache gefragt und diese Einstellung auch gespeichert. Ein weiterer Start brachte die Shredder-Linux-Oberfläche!

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Der erste Blick macht einen optisch einwandfreien Eindruck, aber die Linux-GUI ist im Umfang geringer als das Windows-Äquivalent! Eröffnungsbuch und die Möglichkeit der Analyse sind gegeben, auch die Engine kann konfiguriert werden und weitere Engines können hinzugeladen werden. Ich vermute, dass es sich dabei aber am Java-Applets handeln muss und mir war kein weiteres Java-Engine-Applet unter Linux bekannt. Die unter Windows vielfältigen Analyse-Möglichkeiten (z.B. Triple-Brain, Engine-Matches) sind hier leider nicht verfügbar.

Wahrscheinlich aufgrund der Implementierung in Java wirken Engine und Spielen zäh. Eine Zeitüberschreitung beim Blitz wurde vom Programm nicht moniert, es wurde einfach weitergespielt. In diversen anderen ersten Tests wird berichtet, dass ab und an Figuren vom Brett verschwinden. Dies konnte ich nicht nachvollziehen, dafür war es ab und an nicht möglich eine Partie aus der hier ebenfalls mitgelieferten PGN-Datenbank zu laden, da das Datenbank-Fenster verschwand und das Programm einfror. Nur die Androhung die X-Session abzumelden brachte das entsprechende Fenster zum Vorschein. Ein optischer Fehler ist auch, das inkorrekte Anzeigen von Umlauten etc. in den Fenstern, z.B. "Buchzüge". Dem Programmierer Stefan Meyer-Kahlen sind ein Großteil der Handicaps bekannt und ein kostenloser Patch soll demnächst auf der Shredder-Homepage erscheinen.

Die großen Vorzüge der Tablebases und der Endspielmöglichkeiten (kein Zugriff auf die Tablebases!) der Win-Variante gibt es unter Linux leider nicht, sodass Shredder 9 Linux als reine Engine mit rudimentären Datenbank-Optionen angesehen werden kann. Druckfunktionen fehlen ganz! Ich würde mir weiterhin auch wünschen, dass es eine kommandozeilenorientierte Engine gibt, die man dann evtl. ressourcenschonend gegen andere Engines oder zur Analyse einsetzen kann, aber das ist wohl noch ferne Utopie, wenn überhaupt möglich!

Fazit

Während Shredder für Windows alle Vorzüge einer computergestützten Analyse + der Möglichkeit Partien auszutragen bietet steckt Shredder Linux wohl noch in den Kinderschuhen und hat einige Defizite aufzuholen. Auf das erste Update darf man getrost gespannt sein! Insbesondere die fehlende Druckfunktionen und die Zähflüssigkeit machen keinen guten Eindruck. Damit Shredder unter Linux den Status erreicht, den es im Windows-Sektor bereits hat ist noch einiges an Arbeit nötig - ein Unterfangen, dass dem zielstrebigen Programmierer durchaus zuzutrauen ist! Ob sich dies für ein kommerzielles Produkt innerhalb der OpenSource-Community lohnt kann ich nicht einschätzen.

(C) Frank Große, 2005