freechess: In diesem Jahr begeht der Hamburger Schachklub sein 175-jähriges Jubiläum und feiert dieses entsprechend medienwirksam. Was viele nicht wissen, es gibt noch einen älteren Verein in Deutschland: Die Berliner Schachgesellschaft von 1827, welche vor drei Jahren das Jubiläum des HSK hatte. Freechess.info fragte beim ältesten Verein einmal nach ...

eckbauer:
Wir haben vor 3 Jahren unser 175-jähriges Jubiläum mit einem Schnellturnier eher im bescheidenen Rahmen gefeiert. Die große Party steigt erst in 22 Jahren...

freechess:
Die "Berliner Schachgesellschaft 1827 Eckbauer" steht in Tradition dem Hamburger Schachklub nichts nach. Dennoch gilt der HSK mit über 400 Mitgliedern als größter Schachverein in Deutschland. Wieviel Mitglieder hat die Berliner Schachgesellschaft derzeit und gibt es Möglichkeiten/Bestrebungen den Berliner Verein eine ebensolche Popularität zu erreichen? Mit welchem Problemen hat der Klub heute zu kämpfen?

eckbauer:
Vor ungefähr hundert Jahren war die Schachgesellschaft ähnlich groß, wie es der HSK heute ist. Die Berliner Schachgesellschaft 1827 Eckbauer hat heute knapp 60 Mitglieder und zählt damit zu den größeren Schachvereinen in Berlin. Diese Zahl war in den letzten Jahrzehnten in etwa konstant, aber Mitgliederschwund und fehlender Nachwuchs bereitet vielen Vereinen Sorgen. Es wird immer schwerer Spieler zu finden, die bereit sind, freie Zeit zu opfern, um sich zum Beispiel intensiv um Jugendarbeit zu kümmern. Auch wir haben damit zu kämpfen.

freechess:
Welche schachliche Einzel- und Mannschafts-Ziele verfolgt der "Eckbauer" heute? Welche Erfolge gab es in der Vergangenheit zu feiern?

eckbauer:
Als reiner Amateur-Klub können wir natürlich nicht mit den Profi-Vereinen messen. Gerade haben wir mit der ersten Mannschaft die Aufstieg in die Landesliga geschafft - und dort möchten wir gerne ein Weilchen verbleiben. Zu den größten Erfolgen der letzten 50 Jahre gehört sicherlich der Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft in den Jahren 1957 und 1961.

freechess:
Der "Berliner Schachgesellschaft" gehörten u.a. Paul Rudolph von Bilguer, Tassilo von Heydebrand und der Lasa, Adolf Anderssen, Johannes Hermann Zukertort und der ehemalige Weltmeister Emanuel Lasker an. Die beiden erstgenannten gelten als Begründer der "Berliner Schachschule". Was ist heute davon noch übrig? Welche schach-historischen Ereignisse hat die Schachgesellschaft miterlebt und geprägt (evtl. können Sie uns einen kleinen Abriss seit der Gründung bis heute mitteilen)?

eckbauer:
Die Berliner Schule oder das Berliner Siebengestirn lebt auch heute noch in den Werken dieser Schachmeister weiter. Wer kennt denn nicht die Deutsche Schachzeitung des "Plejaden" Ludwig Bledow oder den Klassiker der Theorie der Schacheröffnungen des Paul Rudolph von Bilguer? Angefangen hat alles mit einer Schachrunde von 12 Spielern im Jahre 1827 unter der Verwaltung von Dr. Hermann Reinganum. Man spielte regelmäßig einmal pro Woche und hielt halbjährlich Generalversammlungen ab. Auf der Versammlung am 2. April 1829 einigte man sich schließlich auf den Namen "Schachgesellschaft". 1891 trat der Student Emanuel Lasker dem Klub bei und blieb sein ganzes Leben lang dort Mitglied. Emuanuel Lasker war von 1894 bis 1921 Weltmeister.

Am 3.7.1949 wurde die Schachgesellschaft Eckbauer gegründet und zwar als Zusammenschluß der Schachgesellschaft von 1827 und des Schachklubs Eckbauer von 1925. 1953 erhielt der Name die jetzige Form: "Berliner Schachgesellschaft 1827 Eckbauer e.V." Beinahe schon legendär sind die Europatourneen, die unter der Leitung von Alfred Kinzel in den 50er Jahren unternommen wurden - ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wenn man die politischen Umstände dieser Zeit betrachtet.

freechess:
Der HSK kann auch heute noch auf die ein oder andere Persönlichkeit im Schach zurückgreifen. Gibt es namhafte Symphatisanten oder (Ehren)mitglieder bei der "Berliner Schachgesellschaft"?

eckbauer:
Sie meinen noch lebende Personen? Dann lautet die Antwort: nein... Die letzte namhafte Persönlichkeit war unser Ehrenmitglied Alfred Kinzel, der im vergangenen Jahr leider verstorben ist.

freechess:
1846 brachten einige Mitglieder die "Deutsche Schachzeitung" heraus, welche 1988 in "Schach Report" integriert worde und somit faktisch aufhörte zu existieren. Aber auch heute brauchen sich die Schriftführer des Verein nicht zu verstecken, denn mit dem Magazin "Der Eckbauer" erscheint vierteljährlich ein Magazin (welches auch online verfügbar ist! Download), dass das Leben im Verein dokumentiert. Eine Institution, um die Sie sicher- lich von vielen Vereinen beneidet werden. Können Sie hierzu anderen Vereinen Empfehlungen aussprechen?

eckbauer:
Regelmäßige schriftliche Dokumentationen, die das aktuelle Vereinsleben widerspiegeln, halte ich schon um der Historie willen für sinnvoll. Sie bringen so etwas wie Beständigkeit in einer Ära, in der dank Internet Informationen genauso schnell erzeugt wie vernichtet werden. Ich selber habe schon so manche Stunde mit Schmökern in alten Aufzeichnungen verbracht, aber mich auch oft geärgert, wenn keine mehr existierten. Wer weiß denn heute noch, wer vor 30 Jahren Klubmeister war, oder wann die Meisterschaft xyz gewonnen wurde? Regelmäßiges Erscheinen einer Klubzeitung kostet zwar viel Schweiß und Zeit, aber die Nachfolger werden es danken.

freechess:
Wie sieht sich Deutschlands ältester Verein heute innerhalb Berlins und der Landesgrenzen?

eckbauer:
Auch wenn wir heute stärkemäßig nicht an der Spitze stehen, so zehren wir immer noch ein wenig von der Dominanz im letzten Jahrhundert, den vielen berühmten Meistern, und natürlich von der Tatsache, ältester Schachverein Deutschlands zu sein. Der Name Berliner Schachgesellschaft ist immer noch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. So suchte z.B. 1998 der holländische Schachklub Nijmegen den Kontakt zu uns, um zu ihrem 150-jährigem Jubiläum ein Internetturnier mit uns durchzuführen.

freechess:
In einer Sache steht der Eckbauer wieder "vor" dem HSK da, denn der Verein war kürzlich Ausrichter der Ersten Deutschen Betriebsmeisterschaft im Schach-960. Wie kam es dazu und wie wurde das Turnier angenommen?

eckbauer:
Die Idee kam von Dr. Matthias Kribben, dem Präsident des Berliner Schachverbandes. Zusammen hatten wir im Februar an einem Fischer-Random Turnier teilgenommen. Während er schon einige Erfahrungen in seinem Klub damit gesammelt hatte, war es für mich das erste Turnier dieser Art und ich hatte sehr viel Spaß daran. Als Matthias mir später mitteilte, ein erstes Mannschaftsturnier im Schach-960 organisieren zu wollen, einigten wir uns, das Turnier bei der Schachgesellschaft Eckbauer durchzuführen. Mit 14 Mannschaften und insgesamt 60 Schachfreunden wurde das Turnier gut von den Berliner Schachspielern angenommen. Einer Wiederholung im nächsten Jahr steht nichts im Weg.

freechess:
In den 70er/80er Jahren gab es in ein paar wenigen Klubs das Backgammon-Spiel als Alternative zum Schach. Ist Schach-960 in Ihrem Klub ebenfalls alternativ vertreten bzw. wie sehen Sie die Tendenz und Entwicklung der Spielweise?

eckbauer:
Nach dem Schach-960 Turnier haben wir im Klub spontan einige Partien Fischer-Random gespielt und sogar ein paar Skeptiker überzeugt. Mit kleiner Flamme werden wir Fischer-Random jetzt auch in unserem Spielplan einbauen und sehen, wie es angenommen wird. Ich halte Schach-960 für eine sehr anregende und kreative Alternative, glaube aber nicht, dass die Popularität des gewöhnliches Schach dadurch gemindert wird.

freechess:
Vielen Dank für das Interview und viele Erfolge mit ihrem traditionsreichen Verein!

eckbauer:
Vielen Dank.

Die Fragen beantwortete Reinhard Baier, Vorsitzender des Vereins.

(C) Frank Große, 2005