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Autor: Jonathan Rowson
Die sieben Todsünden des Schachspielers
Schottlands jüngster Schachgroßmeister untersucht die häufigsten Ursachen für verhängnisvolle Fehlentscheidungen beim Schachspiel

Aus dem Englischen übertragen von Hans-Peter Remmler.

Gambit Publications Ltd London, 2003.
240 Seiten im Format 24,8 x 17,2 cm; kartoniert. ISBN 1-904600-05-0.

Bezugsquelle u. a.: Schach E. Niggemann, Postfach 1238, 46356 Heiden
amazon-ChessShop bei freechess.de (nur noch engl. lieferbar)

Todsünden, und davon gleich sieben?
Im Dogma der mittelalterlichen Kirche meinte eine Todsünde die freiwillige, absichtsvolle und schwerwiegende Übertretung göttlicher Gebote. Damit die Abkehr von Gott als Grund­entscheidung, also das Schlimmste, was dem Christenmenschen in den Sinn kommen konnte.
Am Ende der ersten Seite kriegt der Autor zum Glück die Kurve in seiner Schach-Theologie, eingeleitet durch die Fürbitte der Heiligen Theresia von Avila: Zwar können wir niemals ganz frei von Sünde sein; aber gib, dass wir wenigsten nicht immer die gleichen Sünden begehen.
Es geht also um schachliche Sünden, von denen es etliche gibt — und die wir, wenn wir sie schon nicht vermeiden können, wenigstens nicht zwanghaft wiederholen sollten.

Der schottische Großmeister Jonathan Rowson, er ist erst 28, provoziert gern ‚auf Teufel komm raus’. Sünden im Schach werden für Rowson immer dann begangen, wenn wir die schachliche Wirklichkeit verkennen wegen ‚moralischer’ Schwächen. Seine sieben Todsünden sind die häufigsten Typen solcher Fehlwahrnehmungen — mit weiteren Partiefehlern als Folge.

Die erste Sünde heißt Denken — die nächste Provokation. Damit meint der Autor das bürokratische, schablonenhafte Abspulen von Gelerntem, zu viel Rationalität. Besser seien Intuition und Einfühlen in die Stellung, mehr seinem Unter­bewussten vertrauen, geistig flexibel bleiben. Zum Einstieg ins intuitive Spielen rät der junge Schotte, mit den Figuren zu sprechen, nach ‚Omen’ Ausschau zu halten, generell das Schauen zu lernen. Rowson zitiert A. de Groot, den Vater der Schachpsychologie: Der Meister rechnet nicht mehr als der Experte. Er sieht mehr, und vor allem, er sieht die wichtigeren Dinge. Auch Humor und Lust gehören für den jungen Schotten zum rechten Denken am Brett: Wir sollten immer auch witzige Züge und skurrile Varianten im Auge haben, beim Schachspielen die Lust pflegen — und dessen komische Seiten.

Blinzeln (engl. blinking) ist die zweite Sünde. Wer ‚blinzelt’, verpasst den günstigen Moment in der Partie, erkennt nicht den Wendepunkt, hört nicht die Signale. Beim Blinzeln sehen wir Stellungen, wo wir Trends erkennen sollten oder bemerken den Trend, nicht aber den kritischen Moment. Als Gegenmittel verordnet Rowson Sensibilität. Wenn zum Beispiel Initiative notwendig ist, sich einem negativen Trend entgegen zu stemmen, dann muss sie auch kommen! Passend dazu philosophiert der römische Dichter Seneca: Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig. Offensichtlich hat Jonathan eine Schwäche für Sprich­wörter und Lebens­­weis­heiten, von Karl Marx über Picasso bis zu Bruce Lee — das Panoptikum ist groß.

Die dritte Sünde ist das Wollen (engl. wanting). Rowson meint damit zuviel Verbissenheit oder überzogene Erwartungen, auch Sorglosigkeit mit vorzeitigem ‚inneren Abhaken’ des Gewinnes. Dagegen helfen die rechte Motivation, Mut und Entschlossenheit bis zum Partieende. Im englischen Original heißt das Gegenmittel ‚Gumption’. Es ist ein altes schottisches Wort aus dem 18. Jahrhundert und bedeutet etwa, entschlossen und zuversichtlich eine Aufgabe anzugehen. Über­setzer Hans-Peter Remmler kommentiert ‚Gumption’ in einer längeren Fußnote — er hatte keinen leichten Job mit Rowsons Englisch, dessen Sprachwitz und Wortschatz.

Eine weit verbreitete Schachsünde ist der Materialismus: das Material werde über- und die dynamischen Faktoren der Stellung unterschätzt. Im Kapitel kümmert sich der Autor auch detailliert um die Kraft der einzelnen Figuren. Wissen Sie, in welcher Eigenschaft sich der Turm von allen anderen Figuren grundsätzlich unterscheidet? Alle Figuren nehmen zum Zentrum hin zu an Dynamik (= Felderkontrolle) — nicht aber der Turm. Ob zentriert oder am Rand, er beherrscht immer 14 Felder. Rowson jedenfalls sei diese Eigenheit des T erst klar geworden, als er schon GM war.

Die Sünde nächst dem Materialismus ist der Egoismus. Dem Egoisten mangelt es an Objektivität, ihn behindern Überheblichkeit oder Ängste, Selbstzweifel oder das hohe Rating seines Gegners, manchmal auch die Zuschauer. Oft will er alles — und zwar sofort, dem Gegner Zu­geständ­nisse machen ist nicht seine Sache. Geschlagen ist vor allem der Amateur mit dieser Sünde, weil er regelmäßig sein Gegen­über und dessen Möglich­keiten schlicht vergesse. Bemerkt der Amateur dann, was ihm droht, reagiert er wieder egozentrisch: mit Selbstvorwürfen, Angst oder Konfusion. Gegen Egoismus im Sinn von Rowson helfen stete Wachsamkeit aus psychologischer Sicht (Verantwortung) und positioneller Sicht (Prophylaxe).

Eng verwandt dem Egoismus ist der Perfektionismus — betroffene Spieler können „den Hals nicht voll kriegen“. ‚Perfektion’ kann auch als Lähmung buchstabiert werden (Winston Churchill) — und die Gelähmten im Schach das sind die Zeitnot-Süchtigen. Eingehend widmet sich Rowson dieser Sucht, seine Analyse ist so originell wie gnadenlos, er nennt 18 Ursachen — und was man dagegen tun kann. Unter den Perfektionisten finden sich auch die „Abkupferer“, sie kopieren Varianten ohne das dafür notwendige Verständnis, und werden prompt abgestraft. Dann sind da auch die „Moralisierer“, die gern den Ober­lehrer geben und den Gegner ‚bestrafen’ wollen für dessen schachliche Frechheiten. Das Heil­mittel gegen den Drang zum Perfektionismus lautet: mehr Selbstvertrauen!

Die letzte Sünde heißt in der deutschen Fassung Fahrigkeit (engl. looseness) — so umschreibt der Schotte ein breites Spektrum gedanklicher Nachlässig­keiten. Das reicht von zu wenig Konzentration über das Gefühl, den ‚Faden verloren’ zu haben bis zum lähmenden Entsetzen. Ursachen sind das Abdriften der Gedanken, zum Beispiel wenn wir verpassten Chancen nachtrauern, oder auch Nervosität bis blanke Panik, wenn eine vermeintlich ruhige Stellung plötzlich aus den Fugen gerät. Rowson nennt den Extremfall ‚Neuronales Kidnapping’: Der Spieler wird so heftig von seinen Gefühlen überwältigt, dass er nicht mehr klar denken kann, buchstäblich nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Dem könne vorgebeugt werden: „Erwarten Sie immer das Unerwartete — oder richten Sie sich darauf ein!“.

Interessant auch die Überlegungen zum „Spannungstransfer“: Objektiv wäre es oft besser, die Spannung im Zentrum aufrecht zu halten und abzuwarten. Die andauernde Unge­wissheit belastet den (fahrigen) Spieler bei jeder Zugwahl stark. Das hält er nicht lange aus: er löst die Spannung auf, selbst wenn das für ihn nachteilig ist. Schachliche Meisterschaft besteht nach Jonathan Rowson auch darin, solche inneren Kämpfe erfolgreich zu bestehen und die Kontrolle über eigene Entscheidungen und die Gefühle dahinter zu behalten. ‚Fahrigkeit’ soll durch Konzentration verhindert werden.

Alle Sünden erläutert Rowson mit Partien und Fragmenten, darunter Klassikern, Bei­spielen aus der jüngeren Vergangenheit und eigenem Material. Dabei geht der junge GM humor­voll zur Sache, eigene Partien kommentiert er selbstkritisch, offen schildert er seine Gefühle, das Ganze würzt er mit feiner Selbstironie. Rowson kommentiert wortreich, wie überhaupt das Buch viel Text enthält — sicher hätte er manches kürzen können. Mehr stören die seichten Exkurse in die Philosophie und das Gebräu aus Taoismus, Zen, New Age und Trivial­psychologie, das in einigen Kapiteln angerührt wird. Sogar Anleihen an die Spezielle Relativitätstheorie macht der Autor. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Zum Glück besinnt sich der Rowson immer wieder auf sein Anliegen: die mentalen Probleme am Brett — und findet zurück zum Schach. Dann ist sein Buch lehrreich, anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich.

FAZIT

„Die Sieben Todsünden" wenden sich an den Turnierspieler, der den Willen und die Fähigkeit zur Selbstreflexion aufbringt:
Wer bereit ist, sein Denken und Handeln am Brett auf fast psychoanalytische Weise zu erforschen auf typische Mängel hin, dem hilft der junge Großmeister, die Wechsel­wirkung zwischen Gefühlen und schachlichen Ent­scheidungen besser zu verstehen — und Lehren zu ziehen. Ein sehr originelles Buch.

© Dr. Erik Rausch, 10/2005