Seit einigen Wochen ist die aktuelle Version von Fritz 9 erhältlich, sodass ein genauer Blick auf die Software lohnt.

Titel: Fritz 9
ISBN 3-937549-42-0
ChessBase, DVD
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]

Allgemeines und Systemvoraussetzungen

Ich denke, die meisten Benutzer kennen Fritz und haben bereits eine Version, des Programmes, welches spätestens mit Version 5/5.32 zum großen Siegeszug im Bereich der Computerschachsoftware angesetzt hatte, sodass eine Vorstellung im Prinzip überflüssig ist und ich mich auf die Neuigkeiten konzentrieren möchte.

Als technische Mindestvoraussetzung empfiehlt Chessbase folgende Konfiguration: Pentium II mit 300 MHz, 64 MB RAM, Windows 98 SE, ME, 2000, XP, DVD-ROM und Windows Media Player 9. Unter einem derartigen System macht das Arbeiten und Spielen sicher wenig Spass, sodass die empfohlene Konfiguration eher heranzuziehen ist: Pentium IV mit 2,2 GHz oder besser, 256 MB RAM (für Analysen würde ich hier mindestens 512 MB oder 1024 MB RAM empfehlen), GeForce5 oder vergleichbare Grafikkarte mit 128 MB RAM, Windows XP, eine Direct-X-kompatible Soundkarte, Windows Media Player 9 und ein DVD-ROM-Laufwerk. Der Download von Microsoft's DirectX ist nicht mit ein paar Kilobyte abgetan und wird die Software wird von vielen Anwendern vernächlässigt, sodass die benötigten Installationsroutinen auf der DVD zu finden sind. Ich habe Fritz 9 bei dieser Rezensionen auf einem leistungschwacheren System mit Win2k-SP4 und einem hardwaretechnisch aktuelleren System mit WinXP-SP2 getestet.

Die Computer-Schach-Gemeinde betreibt schon erste Vergleiche um die Stärke von Fritz 9 zu untersuchen und untersucht dabei natürlich auch den Vergleich zum Programm Shredder 9, welches wir hier kürzlich vorgestellt haben (Fritz 9-Ergebnisse im Rahmen der Odenwälder ELO-Liste, Fritz 9 - Shredder, Fritz 9-Tests von Bühler/Utzinger). Der erste Eindruck: es schaut nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Programme aus!

Durchstöbert man die Infobroschüre, so wundert es nicht, dass die Fritz-9-Engine in vielen Punkten auf die gleichen Merkmale Wert legt wie die Shredder-Engine - ein Blick in die dortige Rezension gibt näheren Aufschluss. Kann man den Meinungen in den Foren Glauben schenken, soll die Retro-Analyse von Shredder aber noch ausgereifter als bei Fritz wirken. Unbestrittener Fakt ist aber, dass die Engine stärker als die Vorgängervariante ist! In die Diskussionen um die ELO-Pünktchen möchte ich mich nicht einmischen, zumal die meisten Anwender auch noch ein subjektives Empfinden haben und wohl 99% der Benutzer mit dem Spielstärkelevel heutiger Schachsoftware überfordert sind.

Installation

Der DVD liegt ein kleines 20-seitiges Handbuch bei, welches für Einsteiger die ersten Hilfen bietet, ansonsten aber primär wegen der Seriennummer für schach.de nicht weggeworfen werden sollte. Auf der DVD befinden sich dagegen im Ordner Handbücher 2 PDF-Dokumente, welche ein 137-seitiges Programmhandbuch und ein 72-seitiges Handbuch zu schach.de beinhaltet. Dort werden so ziemlich alle Themen abgehandelt, aber überraschenderweise waren keine Informationen zur Installation beim Besitz von Fritz 8 (was auf viele Anwender zutreffen dürfte) zu finden. Auf dem einen Testsystem habe ich die Fritz 8 (die Vorgängerversion) zuerst über Systemsteuerung - Software deinstalliert und danach die neue Version Fritz 9 problemlos installieren können. Auf dem anderen System habe ich Fritz 9 problemlos synchron neben die bestehende Fritz-8-Installation installieren können. Hierbei empfiehlt es sich, im ChessBase-Ordner einen separaten Ordner zu verwenden, sodass keine Probleme zwischen den Versionen entstehen. Bei vorhandenem aktuellen Direct-X kann die Installation selbiger Software abgebrochen werden, ohne dass die Fritz-Installation abbricht! Bisher läuft das Programm auf beiden Systemen, ohne, dass mir Ungereimtheiten aufgefallen sind. Für User mit Problemen, gibt es auf den Seiten von Chessbase Hinweise ohne den E-Mail-Support in Anspruch nehmen zu müssen: Chessbase-Support für Fritz 9.

Weiterer Inhalt der DVD

Um die DVD noch etwas zu füllen sind ein paar Zugaben gemacht worden, sodass Einsteiger mit einer Datenbank mit über 1 Million Partien datenbanktechnisch einen soliden Grundstein geliefert bekommen - wobei chronologisch mit zwei Analysen (Greco, Philidor) gestartet wird und Partien der spanischen Mannschaftsmeisterschaft (Ende August 2005) abschließen. Desweiteren befinden sich die FIDE-Regeln als PDF-Datei auf dem Datenträger, doch diese hat die Gültigkeit vom 01. Juli 2001, sodass die aktuellen Änderungen nicht enthalten sind, was ein wenig schwach ist. In der mitgelieferten Datenbank "Videoschachtraining" soll Appetit auf die hauseigenen DVDs gemacht werden und im Prinzip zu fast allen derzeit erhältlichen DVDs ist ein Testvideo veröffentlicht, so z.B. von Garry Kasparow, Viktor Kortschnoi, Helmut Pfleger, Thomas Luther, Eva Moser u.v.m. Desweiteren befindet sich eine kompletter Videolehrgang (mit Björn Lengwenus) zur Erlernung der Regeln des Schachspiel auf der DVD. Das Videomaterial beläuft sich insgesamt auf über 1,8 GB Material, was damit etwas mehr als die Hefte des Datenträgers einnimmt.

Fritz 9 lauert mit allen für eine moderen Schach-Software nötigen Funktionen auf und ich werde hier im Grobschnitt auf die wichtigsten Eigenschaften eingehen:

Lernen & Trainieren

Neben dem bereits bekannten Coach (einem virtuellen Trainer, der einen Hinweis in einer Stellung geben kann oder bei groben Fehlern warnt) gibt es noch die Möglichkeit sich alle Züge erklären zu lassen, wobei hier das Augenmerk auf taktische Einschläge gelegt wird. Insbesondere für Anfänger sind die Optionen "Drohung" (Anzeigen des beabsichtigten Zuges, der Seite die nicht am Zug ist) und "Spion", wo das Programm mit seinem soeben getätigten Zug die aktuelle Drohung anzeigt. Neu hinzugekommen ist der "Stellungserklärer", der falls aktiviert mit verbalen Kommentaren die Züge kommentiert. Vom Niveau her ist dieses Feature aus meiner Sicht ausschließlich für Neulinge gedacht.

themablitz.jpg

Individuell einsatzbar sind die weiteren Trainingsmöglichkeiten: Thema-Blitz (Übernahme der aktuellen Brettstellung, um im Blitz gegen die Engine testen zu können), Eröffnungstraining (gezieltes Lernen von Varianten(!)) und Endspieltraining (Lernen elementarer Endspiele). Den Sinn der Module "Angriffstraining" (Figuren markieren, die geschlagen werden können), "Schachtraining" (Figuren markieren, die Schach geben können), "Verteidigungstraining" (Figuren markieren, die ungedeckt sind) habe ich zwar noch verstanden, aber der Nutzen ist mir etwas fragwürdig.

Grafik mit 3D-Animationen

Diesen Punkt kann hier ich leider gar nicht beurteilen, da meine Systeme nicht über eine Grafikkarte mit 128 MB Arbeitsspeicher verfügen. Ich könnte jetzt und hier den Inhalt der Werbebroschüre wiedergeben, aber das liegt mir fern, sodass ich diesen Punkt überspringen muss, aber auch zugebe, dass mich - ungesehen - derartige grafische Spielereien selten bewegen. Eventuell kann ein freechess-User, der schon Erfahrungen mit dem 3D-Design gemacht hat hierzu einen Kommentar abgeben.

Schachvarianten

Seit Fritz 9 ist der Rechenbolide auch in der Lage Schach-960 zu spielen. Damit reagiert das Softwarehaus auf die steigende Popularität dieser Spielvariante, die insbesondere durch die Chess Classics in Mainz einen gewaltigen Schub erhält. Nach der Shredder-Engine dürfte Fritz die zweite kommerzielle Engine sein, die sich dieser Variante annimmt, nachdem mehrere "Amateur"-Programme dieses Feature bereits eine Weile anbieten. In Blitzpartien, die ich in dieser Spielweise testete zeigte Fritz auch hier seine Stärken, wenngleich die Engine mit Sicherheit (noch) nicht Schach-960-optimiert ist. Als zweite Spielweise ist das Räuberschach hinzugekommen: eine Spielart der ich keine Freude abgewinnen kann. Anhänger werden aber wahrscheinlich erfreut sein, auch in diesem Spieltypus ständig einen Gegner zu finden.

schach.de

multibrett.jpg
































Wie auch schon seit der Einführung der Anbindung an den Online-Server schach.de gehört auch zum aktuellen Paket die Spielberechtigung für ein Jahr, sodass hier viele (Online)-Spieler wahrscheinlich automatisch zum Erwerb der Software greifen, da die Zugangsberechtigung stand-alone für 29 EURO zu erwerben ist ... Auch online sind oben erwähnten Spielweise (Schach-960, Räuberschach) jetzt spielbar, wobei auf dem Server noch weitere Spielweisen hinzukommen! Auch hier sind hier neue Spielereien hinzugekommen, die wohl für die meisten Anwender unrelevant sein dürften: Astro-/Wetterdaten oder Smileys im Chat. Der Einbau der Tooltip-Funktion hingegen dürfte in der ein anderen Hinsicht interessant sein: Beim Anklicken oder "Bestreichen" von Funktionen mit der Maus werden nützliche Zusatzinformationen aufgerufen, die man sonst über einen Menüeintrag aktivieren müsste. Als nützlichste Funktion, empfinde ich das Multibrett, mit dem es möglich ist mehrere Partien gleichzeitig auf dem Screen darzustellen und zu verfolgen. Dies ist insbesondere bei Turnierübertragen sehr nützlich und erspart CTRL-TAB-Umschaltorgien. Auf schach.de finden sich viele Veranstaltungen, die teilweise über das dortige Dukaten-System "besucht" werden können oder kostenlos angeboten werden. Übrigens habe ich die Programmoption der Aktualisierung über das Internet jetzt ausschließlich im Interface für schach.de finden können.

Nützliche Features

stellung.jpgDie Suchoptionen innerhalb von Datenbanken sind sehr ausgereift und lassen im Prinzip jegliche Suchmöglichkeit zu. Eine besondere Suchmöglichkeit besteht zum Beispiel darin in Datenbank nach Opferpartien zu suchen, was mittels einem Mausklick (Option) möglich ist und in den Suchergebnissen sofort die Stellung mit der Opferkombination aufzeigt.

Für Freunde eines digitalen Partieformular-Ordners besteht nun die Möglichkeit die Partieformulansicht auch auszudrucken. Als interessantes Feature für Webmaster könnte sich die Funktion "HTML kopieren" darstellen. Damit soll die Partienotation als HTML-Format in die Zwischenablage kopiert werden können und dem Nutzer beim Einfügen mit einem Dialog erfreuen, bei dem das HTML-Format angeboten wird. Leider klappte diese Funktion bei mir nicht (getestete Programme: vim 6.1, phase 5.3)! Würde mich freuen, wenn ein User hier Erfolg vermelden könnte.

Fazit

Schachsoftware anno 2005 sind Programme, die von jedem Anwender bedient werden können, aber dennoch von einer Fülle Anwendungsmöglichkeiten strotzen, die kaum noch in einer einzigsten Betrachtung erfasst werden können. Fritz ist und bleibt ein Tool, welches sowohl dem Profi, als auch dem Amateur vielfältige Möglichkeiten zu elektronischen Verarbeitung von Schachdaten bietet. Alle Funktionen die Hobbyspieler oder ambitionierte Computeranwender in Sachen Schach nutzen möchte bietet das Programm und weiß auch durch Datenbank- und Druckfunktionen zu gefallen. Das Hauptaugenmerk der Software liegt im analytischen bzw. spielerischen Bereich, wobei der Zugang zu schach.de anderen kommerziellen Softwarepaketen mit ähnlichem oder gleichen Funktionsangebot etwas den Rang abläuft. Auch in den Möglichkeiten der Datenbanknutzung hat Fritz m.E. die Nase vorn, sieht man z.B. allein die umfangreichen Suchmöglichkeiten innerhalb von Datenbanken. Im Vergleich zum wohl stärksten Konkurrenzprodukt Shredder 9 hat selbige Software den Rang in Sachen Endspielanalyse und Zugriff auf die Online-Tablebases die Nase vorn.

Engine- und Computerschachfreunde werden wahrscheinlich auch ihre Freude haben, da die Fritz-Engine für derartige Turniere geeignet und die GUI auch andere Engines einbinden kann (wie z.B. Shredder 9 UCI).

(C) Frank Große, 2005