"Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht im mechanischen Behalten der Eröffnungsdaten, sondern im Aneignen des geistigen Reichtums des Schachspiels, im Wachsen der Schachkultur.", verkündigt das Werk im Vorwort. Die Rezension verrät, wie die Autoren den Weg zum Schlüssel vermitteln.

Titel: Effektives Eröffnungstraining für Fortgeschrittene
Untertitel: Geheimnisse und Tipps aus einer neuen Schachschule
Autor: Artut Jussupow, Mark Dworezki
ISBN 3-88805-279-3
Beyer Verlag
281 Seiten, kartoniert

Die mir hier vorliegende 4. Auflage eines Klassikers der allgemeinen Eröffnungsliteratur weiß sofort durch den kartonierten Einband zu gefallen - ein positives Kennzeichen für viele Neuauflagen im Beyer Verlag. Das Autorenteam, um den in Deutschland sehr bekannten GM Artur Jussupow und Trainer Mark Dworezki hat sich mit diesem Werk die Aufgabe gestellt Spielern, die über das Einsteiger-Niveau hinausgewachsen sind (wie auch der Zusatz "für Fortgeschrittene" im Titel verrät) einen Ratgeber zur effektiven Eröffnungsbetrachtung zur Seite zu geben.

Vornweg sei gesagt, dass das Buch sich von der herkömmlichen, monographienhaftigen Art der Eröffnungsbücher unterscheidet, in dem es weder eine Monographie darstellt, noch eine "Werbebroschüre" für die 'perfekte' Eröffnung sein möchte. Der Weg für den ambitionierten Spieler zur Horizonterweiterung seines Eröffnungswissens führt über die folgenden Teile des Buches:

I)
Allgemeine Prinzipien des Spiels in der Eröffnung
Logik in der Eröffnung
Überraschungen in der Eröffnungen
Schöpferische Lösung irrationaler Probleme
Praktische Übung

Mit knapp 100 Seiten wird diesem Teil die meiste Aufmerksamkeit geschenkt.

effektives.jpgII)
Formierung des Eröffnungsrepertoires
Vorbereitung auf eine Partie
Sie haben recht, Msr. Labourdonnais!

III)
Wie Eröffnungsneuerungen geboren werden!
"Eröffnungssuche"

IV)
Probleme des Mittelspiels
Verbindung zwischen Eröffnung und Endspiel
Auf den Spuren einer Partie

V)
Über das Schöpfertum unserer Schüler

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Wie die Überschriften verraten, handelt es sich in diesem Werk um eine systematische Sammlung von Vorträgen, die das Trainingskonzept der beiden Autoren im Bereich der Eröffnungen abdecken. Zur Verdeutlichung dienen zahlreiche ausführlich kommentierte Partien (meist mit Beteiligung der Autoren) aus dem Zeitraum der 80er bis Anfang der 90er. Die Kommentare beinhalten selten ellenlange Varianten, sondern versuchen verbal zu erläutern und Alternativen mit kurzen Zugfolgen zu verdeutlichen. Manche Kommentare waren mir zu "prägnant". Aufgrund des Niveaus der (meisterlichen) Partien ist das Werk aus meiner Sicht nicht für Spieler, die gerade die Züge gelernt haben geeignet!

Wer im Buch einen Hinweis á la "Französisch - ein Leben lang" oder derartiges sucht wird nicht fündig, den Eröffnungscharakteristik, eigener Geschmack und persönliche Stärken sollen bei der Wahl des Repertoires in gesundem Verhältnis stehen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Buch ausser zur "Königsindischen Verteidigung im Anzug" kein Augenmerk auf bestimmte Eröffnungen legt. Anzumerken sei noch, dass keine auf Großmeisterebene als 'ungesund' geltende Systeme/Partien Einzug in die Partienauswahl gefunden haben, was wiederum für das Niveau der Kapitel spricht ...

Im Aufsatz zur Formierung des Eröffnungsrepertoires hätte ich mir speziellere Methoden und Herangehensweisen, z.B. zur Erkennung der eigenen Stärken/Schwächen gewünscht ~ hier fehlt mir etwas "Detailtiefe". Dadurch, dass das Buch nicht im Zeitalter der Computer seine erste Auflage erfahren hat, wirkt der Hinweis eine Eröffnungskartei zu führen etwas altbacken. Nicht jeder Spieler ist heutzutage ein perfekter Computeranwender und weiß die Arbeit mittels Datenbanken etc. gewinnbringend einzusetzen. In diesem Punkt muss das Buch entsprechend passen.

Fazit
Insgesamt hat mir das Buch einige Einsichten fernab vom spezifischen Wissen diverser Eröffnungsmonographien vermittelt und versucht eine Lücke zwischen den herkömmlichen Prinzipien der Eröffnung und der Spezialisierung und Arbeit mit dem Beginn der Schachpartie zu schließen, was in vielen Teilen gelingt. Mit dem Werk ist die Thematik aber meiner Meinung nach noch längst nicht erschöpft! Der Leser hat nach der Lektüre aber die analytische Arbeit noch vor sich - die Beiträge haben aber zur Verbesserung des Schachverständnisses beigetragen. Als positiv habe ich auch die "Info-Zeile" am unteren Seitenrand empfunden, welche die aktuell besprochene Partie als Information bereithält. Für Bücher, welche primär die Analyse von Partien zum Inhalt haben eine nachahmenswerte Gestaltungsmethode. Sehr vermisst habe ich Namens-, Partien- und Eröffnungsregister!

Irritiert bin ich vom Copyright aus dem Impressum, welches mit 1964 angegeben wird - einem Jahr, wo Artur Jussupow gerade vier Jahre alt war und bei Bewahrheitung dieser Jahreszahl wohl alle großmeisterlichen Alters-Rekorde inne haben dürfte ... ;)

Interessant ist zu sehen, wo die Zöglinge von 1992, die lt. Vorwort "allein im Jahre 1992 Welt- bzw. Europameister waren" heute stehen: Ilaha Kadimova, Alexey Alexandrov. Zu Inna Raponenko und Wadim Swjaginzew konnte ich leider nichts finden.

(C) Frank Große, 2005