1857443241.03.mzzzzzzz.jpg Autor: Joe Gallagher

play the King’s Indian
a complete repertoire for black in this most dynamic of openings

Everyman Chess, London, 2004. Englisch.
208 Seiten, 23,5 x 15,3cm, kartoniert. ISBN 1-85744-324-1.
Schach E. Niggemann, 46359 Heiden

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Mit Joe Gallagher und Königsindisch (KI) verhält es sich wie mit Wolfgang Uhlmann und Französisch: treu ein Leben lang. Vor zwei Jahren brachte Gallagher seine KI-Einführung heraus („Starting out: The King’s Indian“). Die Kritiker waren begeistert. Nun setzt der 40-jährige Engländer, der in der Schweiz lebt und dort neben Kortschnoi in der Nationalmannschaft spielt, praxisorientiert seinen Unterricht fort. Es gibt zwar Überschneidungen, und oft verweist er auf seine Einführung, aber dies hier ist ein eigenständiges Repertoirebuch für Schwarz, mit klarer Zielgruppe: aktive KI-Spieler, inaktive mit KI-Grundwissen und Wieder-Einsteiger.

FORM
Anhand von 74 Musterpartien bringt Gallagher dem Leser sein ausgefeiltes Repertoire bei. Dass der Autor 29 Lehrpartien selbst spielte, sehe ich eher als Vorteil: Wenn einer seit dem 11. Lebensjahr eine Eröffnung spielt und erforscht, soll er auch zeigen dürfen, was er damit zustande bringt.
In die Partien hat Gallagher alle wichtigen Weiß-Antworten eingeflochten, auch auf naheliegende Fehlgriffe und Fallen geht er ein. Erfreulich oft gibt er Querverweise zu anderen Partien und nennt Zugumstellungen. Auch zur Ideengeschichte der Königsindischen Verteidigung erfährt der Leser einiges, Akteure werden genannt, Moden besprochen und neueste Trends aufgezeigt. Das Buch ist brandaktuell: drei Partien wurden im laufenden Jahr gespielt, und im Vorwort datiert Gallagher den Stand seiner KI-Weisheit auf Mitte 2004.
Wer direkt in eine bestimmte Stellung eintauchen will ohne langes Querlesen, den führt der Variantenbaum im Anhang zur entsprechenden Partie. Im Anhang ist auch der Spielerindex mit den 74 Paarungen gelistet, dazu Ort und Jahr. Eine Bibliographie der zitierten Literatur und Datenbanken gibt es im Vorspann.
Das Buch wurde zweispaltig in kleiner Schrift mit figuriner Notation gesetzt. Die Typografie ist sehr gut gelungen, die Diagramme sind es nicht: zwar groß (45mm), aber die schwarzen Felder mit ihrer derben, holzschnittartigen Schraffur wirken grobschlächtig. Sie sind des (laut Eigenwerbung) bedeutendsten Schachbuchverlages der Welt unwürdig. Andere Verlage liefern seit Jahren Besseres ab, z.B. ‚Chessgate’ und ‚New in Chess’. (Zwischenfrage: Wie ist es möglich, dass die schachferne ‚Frankfurter Allgemeine’ ihren Lesern jeden Freitag ein perfekt gestaltetes Diagramm vorsetzt, in einer Qualität, von der die Käufer der teueren englischen Bücher nur träumen können?)

INHALT
Joe Gallagher stellte ein kampferprobtes Arsenal von Varianten zusammen, neben Bekanntem lehrt er auch frühe Abweichungen. Gegen den Sämisch-Angriff zum Beispiel (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.f3 0–0 6.Le3) rät Gallagher zum scharfen 6..c5. Auch wenn Schwarz damit einen Bauern anbietet und die Damen abgetauscht werden, Schwarz hat Entwicklungsvorsprung und bekommt viel Dynamik: 7.dxc5 dxc5 8.Dxd8 Txd8 9.Lxc5 Sc6 10.La3 10...a5 11.Td1 Le6 12.Sd5 Sb4! 13.Sxe7+ Kh8 14.Txd8 Txd8 15.Sd5 Sc2+! 16.Kf2 Sxa3 17.bxa3 b5 18.Sh3 Tc8 ... (44 Züge, 0–1 (Fritz 6 – Har Zvi, R [2507], ISR-chT, Ramat Aviv 2000). Gallagher erklärt sein c5-System gegen Sämisch auf 26 Seiten, dazu kommentiert er ausführlich 10 Partien.

1857443241.03.lzzzzzzz.jpgGRETCHENFRAGE
Wer heute ein Buch über Königsindisch schreibt, muss die Gretchenfrage beantworten. Im Faust I fragt das unschuldige Gretchen seinen Verführer Heinrich F.: »Nun sag, wie hast du's mit der Religion?«. Ich unschuldiger Rezensent frage den KI-Verführer Gallagher: „Nun sag, wie hast du’s mit der Klassischen Variante?“
Denn nicht wenige Leser werden vor 10 Jahren regelmäßig KI gespielt haben: was Kasparow recht war, sollte Amateuren billig sein. Inzwischen gaben Garri und viele KI-Fans die Eröffnung auf, im WM-Match gegen Kramnik (London 2000) brachte Kasparow seine frühere Hauptwaffe gegen 1.d4 nicht einmal aufs Brett. Schuld ist die ‚Pepsi-Generation’ (zit. Kasparow), mit Kramnik als Anführer. Die Jungs pflanzten sich mittels 9.b4 ein Bajonett auf und massakrierten damit die Schwarzen reihenweise, Garri inklusive: 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0–0 6.Le2 e5 7.0–0 Sc6 8.d5 Se7 9.b4 (Bajonett-Angriff).
Autor Gallagher hat dem gefürchteten Angriff am Damenflügel ein Extrakapitel mit 17 Seiten gewidmet. Er rät, mit 9..Sh5 fortzusetzen, ersatzweise kommt auch 9..a5 in Frage. Wer reinschnuppern will, der spiele Ponomariov - Radjabov, Wijk 2003 nach; das ist eine von den sieben Musterpartien gegen das Bajonett.
Die Hauptvariante im Klassischen Königsindisch (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0–0 6.Le2 e5 7.0–0) läuft über 7..Sc6 und nimmt im Buch, entsprechend ihrer Wertschätzung bei Titelträgern, den größten Raum ein (62 S.). Gallagher unterteilt das Pensum in die ‚Moderne Variante’ mit 8.d5 Se7 9.Se1 Sd7 10.Le3 (26 S.), im nächsten Kapitel stellt er die Abweichungen 9.Se1 Sd7 ohne 10.Le3 vor (14 S.). Dann geht es um den bereits erwähnten Bajonett-Angriff mit 9.b4 (17 S.) und um andere 9. Züge wie 9.Sd2 und 9.Lg5 (12 S.).
Schwarz kann natürlich früher abweichen: Neben dem KI-Urgestein 7..Sc6 rät der Engländer zu 7..Sa6 (17 S.). Besonders jenen legt er 7..Sa6 ans Herz, „denen die Hauptvarianten zu scharf oder zu theoretisch sind“ (z.B. Rogers - Gallagher, BL 1997).
Gegen den Awerbach-Angriff (5.Le2 0-0 6.Lg5) empfiehlt der GM das flexible 6..Sa6. So wird ..e5 vorbereitet, das Feld c7 verteidigt und der Lc8 kann raus. Weiß hat etliche Antworten zur Wahl, alle werden besprochen. Die schärfsten sind 7.f4!? und 7.h4; Gallagher kommentiert dazu S. Mohr – Uhlmann (BL 1994) und Yakovich – Smirin (EUR-ch, Saint Vincent 2000). Auch Uhlmanns Spezialität 7.Dc2 wird behandelt  —  in einer separaten Partie, die Gallagher in der Bundesliga 2003 vom Uhlmann-Kollegen Bönsch vorgesetzt bekam. Das Awerbach-Kapitel referiert er auf 13 Seiten anhand 5 Partien.
Das Fianchetto-System (4.g3 0-0 5.Lg2 d6 6.0-0) hält Gallagher für „extrem gefährlich“ für den typischen KI-Spieler. Dann tröstet er den Leser: hier ist er besonders kompetent, „die Gallagher-Variante“ trägt schließlich seinen Namen. Intensiv bespricht er Vor- und Nachteile seiner Variante. Das Rückgrat gegen das weiße Fianchetto bildet 8..a6, z.B. Hübner-Polzin, BL 2003.
Der 4-Bauern-Angriff wird auf 20 Seiten mit 5 Partien diskutiert: Schwarz soll die Hauptvariante spielen mit 6..c5 und mit 9..Lg4 gegenhalten.
Im Kapitel über frühes h3 (14 S.) rät der Gallagher zum traditionellen ..e5, kombiniert mit dem modernen ..Sa6. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit anderen Systemen: 5.Ld3, 5.Sge2 und frühes Lg5 kombiniert mit e3 statt e4.

MINUSPUNKTE
Im Vorwort schreibt Gallagher stolz, alle Partien bis zum Ende kommentiert zu haben; er hätte besser getan, das Kommentieren ab spätem Mittelspiel bleiben zu lassen: Züge, die aus dem Gewinn ein Remis machen, oder das Remis in eine Verluststellung vergeigen, werden oft übergangen, z. B. Regez - Gallagher, Zürich 2003: der Textzug 52.Lc8 verliert (besser ist Lf3!), 55..Sd4 macht remis (..Se5 gewinnt) und 56.Kg2 verliert (Ld5 nicht). Oder Korniushin - Ozolin, Tomsk 1997: der Textzug 34.Kxf2 verliert, aber nach 34.Lxf2! (34..ef4 35.Ld4!) gleicht Weiß aus. Kein Wort dazu vom Autor. Irritierend sind auch ein paar Fehler in Textzügen und Varianten (z.B. S. 142, 178). Das sind aber alles verzeihliche Nachlässigkeiten angesichts der dicken Pluspunkte des Buches:

PLUSPUNKTE
Play the King’s Indian strotzt nur so vom Fachwissen Gallaghers. Dabei wird er nie überheblich, sein Tonfall ist selbstbewusst, aber auch selbstkritisch, er redet nichts schön für Schwarz. Für uns Amateure besonders nützlich sind seine Tipps zu Plänen, zu Fallstricken. Wenn er aus dem KI-Nähkästchen plaudert, und das macht er gern, sind sogar kleine schachliche Psychotricks für seine Leser dabei, und zwischendurch hat er immer wieder Daumenregeln parat („rule of thumb“). Kurzum: Er gibt reichlich ab von seinem Erfahrungsschatz. Und Gallagher bringt Zugideen und Varianten, die noch nie gespielt wurden! Die Aktualität der Partien und der Theorie erwähnte ich bereits.
Was mich beim Nachspielen faszinierte: Oft hatte ich das Gefühl, der Alte Hase im KI-Geschäft sitzt neben mir und redet väterlich auf mich ein: „Wenn er das macht, warte mit dem und spiele erst jenes, klar? Pass aber auf, wenn er .... Ja, sein Bauernaufmarsch sieht gefährlich aus. Aber keine Panik, du regelst die Sache so, guck mal ... na also. Und vergesse nicht ...“.
So schreibt GM Gallagher natürlich nicht, aber so etwa kamen seine Weisheiten bei mir an. Die 74 Lehrpartien sind also wortreich kommentiert; das Englisch ist etwas anspruchsvoller als sonst in Schachbüchern üblich (Wortschatz, Satzbau).
Am Ende jedes Kapitels wiederholt Gallagher im „Summary“ ganz Wichtiges kurz und bündig. Hier einige Zitate aus seinem Awerbach-Fazit: „1) Spiele nicht 6...e5??. Es verliert. 2) Sei vorsichtig mit dem Springer auf a6, damit er dort nicht aus dem Spiel bleibt [...]. 3) Gerate nicht in Panik, wenn Weiß seine Bauern auf dem Königsflügel nach vorn wirft [...].“  Dann folgen strategische und psychologische Tipps. Gallaghers Summaries sind eine feine Sache  —  ich wünschte, alle Schachautoren würden ihren Lesern solche Spickzettel mitgeben.

FAZIT
Ein exzellentes Buch, deutlich besser als die übliche Eröffnungsliteratur. GM Joe Gallagher, Königsindisch-Theoretiker und -Praktiker zugleich, weiß nämlich nicht nur viel, er kann sein Wissen auch weitergeben. Von der Sprachbarriere mal abgesehen: Gallaghers Lehrbuch ist Pflicht für KI-Spieler  —  eine angenehme Pflicht.

© Dr. Erik Rausch (2005)