Laut Pressemitteilung ist das Anliegen des Buches "Zum taktischen Sehvermögen" von Wolfgang Daniel 'eine Weiterentwicklung der Anschauungen zur Schachtaktik von Tarrasch und Nimzowitsch'. In der hier vorliegenden Rezension versuchen wir festzustellen, welcher Art diese Entwicklung ist.

Autor: Wolfgang Daniel
Titel: Zum Taktischen Sehvermögen
ISBN 393904010X
Schneidewind Verlag, 80 Seiten   
deutsch, broschürt

Über den Autor Wolfgang Daniel (1939 geboren) kann ich nur den Klappentext zitieren, da er nicht mehr in den DWZ-Listen des DSB geführt wird. Bei den Deutschen Senioren-Einzelmeisterschaften 2003 war er aber noch mit 2133 geführt, während er 6 Monate später bei den Senioren-Weltmeisterschaften 2003 in Bad Zwischenahn mit einer Wertzahl von 1907 geführt wird. Wolfgang Daniel "war mit der Mannschaft von Chemie Lützkendorf 1967 und 1975 DDR-Pokalsieger. Der ehemalige Lehrer und langjährige Übungsleiter beschäftigt sich seit 5 Jahren intensiv mit dem Thema Schachtaktik."
Ausgehend von der für eine Stellung typische Vorgehensweise "Analyse, Urteil, Plan" möchte der Autor einen wissenschaftlichen Weg gehen, dem Spieler analytisches Rüstzeug zur Hand zu geben, welches sein taktisches Sehvermögen steigern soll. Dazu werden aber nicht wie in z.B. "Die Zauberwelt der Kombination" (Neistadt) oder aktuelleren Büchern, die sich mit der Thematik befassen die Standard-Motive erläutert und geübt, sondern Definitionen von Richter, Nimzowitsch und Tarrasch zusammengetragen, um danach in einer akademischen Tabelle den "Zusammenhang von Stellungsanalyse und Stellungsbereich im Bereich der Schachtaktik" gegenüberzustellen. Hinzu kommen Ausdrücke wie z.B. "Feldbandfiguren", die das Aufnehmen der Materie erschweren. Derartige Tabellen tauchen mehrfach im Buch auf und erscheinen mir persönlich in dieser Verarbeitung schwer für die praktische Spielstärkesteigerung einsetzbar.

Ausgehend von o.g. Pressemitteilung lässt der Autor doch einige Zusammenhänge offen, den während z.B. Nimzowitsch in "Mein System" die Fesselung über 14 (kleingedruckte) Seiten abhandelt, muss der Lesende sich hier mit 4 Seiten und gerade einmal 3 Diagrammen zufrieden geben. Mit kurzen Erläuterungen werden auch die nachfolgenden Themen, wie der Mattangriff, der Figurenangriff, der Verwandlungsangriff und der Gabelangriff erläutert. Über die Erläuterungen zum Bindungsangriff, Angriff auf der vorletzten Reihe, Grundreihenmatt und Fesselungsangriff gelangt der Leser zur Aufzählung der taktischen Mittel.
Abschließend werden einige Bemerkungen zur Erhöhung des taktischen Sehvermögens getätigt, die aber nicht als konkrete Merksätze wie z.B. hier verstanden werden dürfen, sondern sich eher allgemein halten und zu einer abschließenden tabellarischen Übersicht gelangen.

Fazit

Ausgehend von den selbst gestellten didaktischen Prinzipien "Vom Bekannten zum Unbekannten" und "Vom Einfachen zum Komplizierten" bleibt der Autor den Nachweis schuldig, denn zu wenig Diagramme verdeutlichen die gewöhnungsbedürftige Didaktik. Insgesamt 89 Diagramme sind für den Bereich der Schachtaktik nicht gerade üppig und ich sehe das Buch als eine Art wissenschaftliche Ausarbeitung und Begriffssammelsorium. Zu Trainingszwecken oder Steigerung der eigenen Spielstärke ist das Buch m.E. nicht geeignet, es lässt sich aber bequem ohne Brett lesen!

(C) Frank Große, 2005