Auch in diesem Jahr wird es von meiner Seite eine Anzahl von Rezensionen und Artikeln geben. Den Anfang macht das neueste Werk vom sympathischen IM Frank Zeller, dessen letztes Werk "Einblicke in die Meisterpraxis" einen sehr positiven Eindruck hinterlassen hat. Bevor er den in seinem Interview angekündigten Igel 2 veröffentlicht, hat der Sizilianisch-Experte eine Abhandlung zur Bekämpfung des gerade bei Klubspielern sehr beliebten 2. c3 (Anti-Sizilianisch) veröffentlicht.
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Autor: Frank Zeller
Titel: Anti-Anti-Sizilianisch 1. e4 c5 2. c3 b6
ISBN 3-931192-31-8
Kania Verlag, 191 Seiten
deutsch, kartoniert und gebunden
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]





Insbesondere viele Klubspieler, welche den kompromisslosen Kampf mit den schwarzen Steinen mit Sizilianisch suchen sind enttäuscht oder gar frustriert, wenn der Weißspieler mit dem geschlossenen Sizilianer oder 2. c3 dem offenen Kampf ausweicht. Dem ein oder anderen hat dieser Umstand die ohnehin schon sehr theorielastige Sizilianische Verteidigung vermiest. IM Frank Zeller möchte Alapins Zug (2. c3) mit einem subversiven Aufbau entkräften und versucht in dem vorliegenden Werk die dahintersteckende Philosophie zu erläutern. Wer nähere Informationen zum Autor wünscht, dem empfehle ich das in der Einleitung angesprochene Interview.

Die Sizilianisch-Spezialisten Kasparow und Topalow haben 2. c3 in den meisten Fällen mit 2... d5 oder 2... e6 beantwortet und eine positive Ausbeute zu verzeichnen (Quelle: chessgames.com), wobei Kasparows Niederlage gegen Deep Blue am ehesten bekannt sein dürfte. Die Variante 2. c3 b6 hat laut Mega Database 2005 eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 47% und mit Miles, Rogers, Epishin namhafte Vertreter. Zeller selbst schreibt in seinem Vorwort: "Ich war zunächst kritisch und traute als großer Verfechter des starken Zentrums der Variante keine theoretische Korrektheit zu. Aber der praktische Erfolg stand in keinem Verhältnis zu meinem Argwohn! Ich punktete damit, und was fast wichtiger war: Es entstanden fast immer ... ungewöhnliche und inhaltsreiche Stellungsbilder, die mir Kreativität abrangen und schöpferische Befriedigung gaben."

Bereits 1996 hat der Buch-Autor in der mittlerweile wieder erscheinenden Zeitschrift Randspringer einen 30-seitigen Artikel mit seinen Erkenntnisse dieser Variante veröffentlicht. 9 Jahre später (das vorliegende Buch ist 2005 erschienen) wird dieser Artikel Basis des längst vergriffenen - aber oft gefragten - Artikels.

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Das Buch gliedert sich nach einer kurzen Einleitung in die folgenden Kapitel:

I Hinter dem Schutzschild 4. f3
II Weiß sichert sich Raum 4. d5
III 4. Ld3 Sf6 5. De2 - Zentrum versus Läuferpaar
IV Weißt deckt mit dem Springer - 5. Sd2 cxd4 6. cxd4 Sc6 7. Sgf3
V Die Hauptvariante 5. Sd2 cxd4 6. cxd4 Sc6 7. Se2
VI Diverses ohne 3. d4

Frank Zeller muss sich an seiner eigenen Fragestellung "Was nutzen Schachbücher, die rein mathematisch-informativen Charakter haben, bei denen es von Variablen, Gleichungen und Zugfolgen wimmelt?" in Bezug auf die Vermittlung der Materie messen lassen. Dies gelingt aus meiner Sicht in den meisten Fällen recht gut. Jedes Kapitel wird durch eine verbale Einleitung, welche sich mit den Stellungscharateristika befasst eröffnet, um - im klassischen Sinne - mit Partiebeispielen eine Betrachtung durchzuführen, welche in einem knappen Fazit enden. So erfährt der Leser in Kapitel I einiges zu möglichen Zugumstellungen, die in französische, spanische, benoniartige oder offene Stellungstypen münden können. Das dritte Kapitel beinhaltet interessante Betrachtungen zur Thematik "Zentrum versus Läuferpaar": man darf hier keine mittelspiel-monographischen Inhalte erwarten, aber die Beispiele sind eine (allgemeine) Betrachtung wert. Hierzu ist auch eine Leseprobe verfügbar: Leseprobe Inhalt, Vorwort und Kapitel III.

Als Hauptabspiel wird die Variante 1. e4 c5 2. c3 b6 3. d4 Lb7 4. Ld3 Sf6 5. Sd2 cxd4 6. cxd4 Sc6 7. Se2! angesehen, in welche 52 Seiten investiert werden. Mega Database 2005 gibt die Fortsetzungen 7... e5 (42%), 7... g6 (43%), 7... Sb4 (33%) und 7... e6 (10%) an. chesslive.de bietet die jüngste Partie aus dem Jahre 2002! Ausgehend von Kharlow - Minasjan, Herson 1991 favorisiert der Autor den aktiven Zug 7... e5 ein wenig und versucht die Masstäbe der Stellungen zu ergründen, vernachlässigt die anderen Fortsetzungen aber nicht! Abschließend noch ein paar Anregungen für den Fall, dass Weiß d4 unterlässt.

Alapin mit 2... b6 zu beantworten ist bisher von der mir bekannten Sizilianisch-Literatur stiefmütterlich behandelt worden, sodass Zellers Werk Referenz und Anreiz zugleich darstellt. Die dem Weißspieler zumeist bekannten Pfade nach 2... d5 oder 2... Sf6 werden verlassen und zwingen ihn sich mit anderen Stellungstypen auseinanderzusetzen. Der Grundgedanke der schwarzen Strategie lautet: "Der Raumnachteil muß durch taktische Pointen und damit durch aktives Spiel kompensiert werden", will er nicht in gedrängten Positionen landen. (Zeller) Dem Autor gelingen in dem Werk betrachtenswerte Alternativen zu den Alapin-Hauptvarianten. Weder der Käufer noch der Autor sollten bei den angestrebten Stellungen eine Sieggarantie oder dergleichen erwarten. Pro und Contra werden aus meiner Sicht gut abgewogen und auch unter dem Aspekt der Praxis betrachtet. Quellenverzeichnis, Spielerverzeichnis und Variantenindex (in Inhaltsform) vervollständigen das Buch, wobei mir ein tabellarischen Variantenindex prinzipiell angenehmer ist.

(C) 2006, Frank Große