Teil 1 der Repertoire-DVD zur Französischen Verteidigung.

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Autor: Thomas Luther
Titel: Französisch I
ISBN 3-937549-60-9
ChessBase, DVD-ROM
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]



GM Thomas Luther

Wer sich über den Deutschen Meister von 2002 informieren möchte, ist gut beraten seine Homepage zu besuchen und dort ein wenig zu stöbern. Thomas Luther hat im letzten Jahr einige DVDs bei Chessbase veröffentlicht und der Inhalt dieser und der folgenden Software-Rezension wird sich mit den DVDs "Französisch" von GM Thomas Luther befassen. Luther selbst spielt die französische Verteidigung, sodass sich auf der Mega Database 2005 über 300 Spiele vom Author der DVD befinden, bei welchen er in den meisten Fällen die schwarzen Steine führt. Mit den weißen Steinen spielt der Erfurter primär 3. Sc3 und seltener 3. Sd2 bzw. 3. exd5. Somit gilt Luther neben Altmeister Wolfgang Uhlmann als einer der deutschen Experten dieser Verteidigung.

Intro

Französisch gilt als sichere Eröffnung, bei welchem Schwarz mit d7-d5 das Zentrum besetzen möchte. Dafür nimmt er zeitweilig einen kleinen Raumnachteil in Kauf, um im weiteren Spielverlauf Aktionen an den Flanken zu starten. Die Spieler Botwinnik, Petrosjan und Uhlmann wählten diese Verteidigung als ihre Hauptwaffe. Ein historische Partie von Greco (1620) bildet den Einstieg, wobei Schwarz auf den Zug d7-d5 verzichtet und stattdessen mit dem minderwertigen Sf6 fortsetzt. Thomas Luther zeigt anhand des Beispiels kleine taktische Merkmale der falschen Behandlung der französischen Eröffnung auf.

Seltene Systeme

Im ersten Teil der DVD werden die seltenen Systeme, die den Zentrumszug 2. d4 auslassen besprochen und anhand von Lehrbeispielpartien die Strategie beiden Seiten erläutert und dabei zumeist einen soliden schwarzen Aufbau anstrebt:
1. e4 e6 2. De2 Tschigorin - Tarrasch, Sankt Petersburg 1893
1. e4 e6 2. f4 McDonnell - De Labourdonnais, Match 1834
1. e4 e6 2. b3 Papaioannou - Gurewisch, Korinthos 1998

Insbesondere diese Variante findet Luther selbst unangenehm, da im Normalfall Stellungen entstehen, die nicht den herkömmlichen Plänen in der französischen Verteidigung entsprechen.
Ganze 6 Videos und damit ca. 1,5 Stunden verwendet Luther auf den Königsindischen Angriff, welcher eine universelle Struktur darstellt, die nicht nur gegen Französisch angewendet werden kann. In der ersten Partie Botwinnik - Uhlmann, Aljechin-Memorial 1958 wird der grundlegende Plan des Königsindischen Angriffs erläutert und auch aus weißer Sicht zum Erfolg verwandelt. Eine Verbesserung - aus Sicht der schwarzen Steine - stellt die zweite Partie Gurgenidze - Kortschnoi, Riga 1958 dar, in welcher Strategien für den schwarzen Erfolg erläutert werden. In Capablanca - Grommer, 1913 und Smyslow - Botwinnik, WM-Match 1954 werden weitere Strategien anhand populärer Partien erläutert und bewertet. Die beiden letzten Partien sind neueren Datums: Bologan - Van Wely, Rumänien 2000 und Hall - Akopian, Mannschafts-EM 2005 und demonstrieren eindrucksvoll erfolgreiches Spiel von beiden Seiten, wobei der Schwarzsieg Akopians die Aufmerksamkeit von Luther besonders erregte. Insgesamt ist das Kapitel, dass den Königsindischen Angriff behandelt sehr unterhaltsam und nicht nur für Spieler der französischen Verteidigung sehenswert.

Abtauschsystem

lutherfranzoesisch3.jpgDas nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. exd5 exd5 wird seiner Meinung nach zu wenig Beachtung in der Theorie geschenkt und in 7 Videos (Spielzeit: ca. 1:45 h) versucht Luther Werbung für diesen System zu machen. Insbesondere Spielern denen das geschlossene System nicht zusagt, legt der Autor dieses System ans Herz. Interessanteweise stellt der Angriffsspieler Morphy die erste Beispielpartie zur Abtauschvariante (!): Morphy - Löwenthal, 1858. In dieser Einstiegspartie wird ein möglicher weißer Plan sehr klar erkennbar und erläutert. Anderssen - Heral, 1873 vertieft diese Erkenntnisse, bevor Kramnik und Bareev die Klingen kreuzen (Amber-Schnellschach 2002), wobei Alexander Bareev die Oberhand behält. Ein kurzer Exkurs in die Russische Verteidigung, wofür Kramnik ein Spezialist ist, weist auf mögliche Analogien der beiden Systeme hin. In der darauffolgenden Partie (Dos Hermanos 1997) macht es Kramnik besser und gewinnt (wenn auch ebenfalls mit den schwarzen Steinen) gegen Judit Polgar! Die Wahl der Weißspieler in Bezug auf die Abtauschvariante überrascht, denn kein Geringerer als Garry Kasparow (als Weltmeister 1991) demonstriert in der fünften Partie gegen Viktor Kortschnoi einen Sieg mit Weiß. Den Abschluss des Kapitels zum Abtauschsystem bilden die Partien Gurewisch - Short (Interzonenturnier Manila 1990) und Bakre - Atalik in denen wesentliche Merkmale der Abtauschvariante aus der Sicht der schwarzen Farben nochmal deutlich demonstriert werden, aber auch Verbesserungen für Weiß erwähnt werden. Gerade in der letzten Partie wird lehrreich demonstriert, dass ungleichfarbige Läufer nicht immer im Remisergebnis landen müssen. Die vorgestellten Beispiele machen Appetit auf die Abtauschvariante, wobei inbesondere Spieler, welche taktisch-scharfe Varianten meiden wollen profitieren werden.

Vorstossvariante

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Mit über 90 Minuten Lehrvideos widmet sich GM Luther der Vorstossvariante als letzten Abschnitt dieser DVD. Die nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 entstehende festgelegte Bauernstruktur gibt Schwarz konkrete Pläne für sein Gegenspiel, da sich Weiß frühzeitig festlegt. Wie in den vorigen Kapiteln soll ein Klassiker die Entwicklung des Systems dokumentieren und gleichzeitig auf das in der französischen Verteidigung mögliche Motiv des Läuferopfers auf h7 hinweisen: Paulsen - Schwarz, Leipzig 1879. In Bondarewsky - Botwinnik, Moskau 1941 demonstriert der Schwarzspieler, warum er die französische Verteidigung als eine Hauptwaffe gegen e4 verwendet hat, bevor Thomas Luther einen eigenen Schwarzsieg gegen GM Motwani präsentiert. Die Kurzpartie Grischuk - Bareev (EU-Cup 2001) ist ein Beispiel dafür, wie ein Fehler in der Behandlung der Vorstossvariante (Bauernraub) sich zu einem Desaster für den Verteidigenden auswirken kann! Im fünften Beispiel zeigt GM Luther einen weiteren Sieg seiner Laufbahn, diesmal aus dem Jahre 2005 gegen GM Ramirez. Der Sieger zeigt ein Endspiel, wo Schwarz auf beiden Seiten Bauernhebel erfolgreich anwenden kann. Aus dem gleichen Jahr präsentiert Luther danach eine Partie der französischen Liga: Crut - Luther (warum er nur aus der Vorstossvariante eigene Partien präsentiert verwundert etwas). Im letzten Clip werden die weißen Chancen in der Partie der Weltklassespieler Schirow - Kortschnoi, 2004 aufgezeigt. Insgesamt war dieses Kapitel lehrreich für Stellungen mit starrem Zentrum, wobei eventuell der Caro-Kann-Spieler den ein oder anderen Hinweis erfahren kann.

Fazit

Mit einer Gesamtspielzeit von 6 Stunden wird dem Neuling umfangreiches Material ausserhalb den Hauptvarianten 3. Sc3 und 3. Sd2, welche auf der zweiten Französisch-DVD erschienen sind, erläutert. Thomas Luther wendet sich hier klar an den Einstieger dieser Eröffnung (aber nicht des Schachspieles i.A.!) und untersucht die möglichen Stellungstypen. Positiv gefiel mir, dass der Autor desöfteren seine persönlichen Empfehlungen bzw. Abneigungen mitteilt und begründet. Etwas unverständlich ist mir der Fakt, dass der DVD (welche noch über Platzkapazitäten verfügt) keine Französisch-Partien-Datenbank (z.B. extrahiert aus der Mega Database) und kein Eröffnungsbuch beigefügt wurde, welches meiner Meinung nach eine sinnvolle Bereicherung wäre! Ein Beispielclip kann hier angesehen werden.

(C) 2006, Frank Große