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Autor: Jerzy Konikowski
Titel: Schnellkurs der Schacheröffnungen - Theorie
ISBN 3-88805-293-9
Beyer Verlag, 301 Seiten
3. Auflage 2005
deutsch, kartoniert und gebunden
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]



konikowski.jpgJerzy Konikowski ist FIDE-Meister mit einer ELO von 2325, wobei seit mindestens Oktober 2001 keine Partien ausgewertet wurden. Er ist Autor von unzähligen Schachbüchern (mindestens 30). Im Geleitwort schreibt Anatoli Karpow "Ohne überzeugendes Spiel in der Eröffnung wird man also im Schach keinen Erfolg haben." und Konikowski fügt im Vorwort hinzu: "Über den Erfolg in einer Schachbegegnung entscheidet darum in erster Stelle, wie verständig ein Spieler das Anfangsstadium einer Partie meistert, ob er sich der Konsequenzen der von ihm gewählten Figurenentwicklung bzw. Eröffnung bewusst ist, ob er die bewährten Pläne kennt und ob es ihm letztlich gelingt, in einem frühen und günstigen Augenblick die Initiative zu ergreifen."

Verglichen mit diesen Worten messe ich derzeit Bücher, welche sich nicht auf ein Eröffnungssystem spezialisieren mit dem Repertoire-Buch von IM Larry Kaufman "The Chess Advantage in Black and White", welches zumeist positive Kritiken erhalten hat und in welchem der Autor versucht ein positionell-solides Repertoire aufzustellen. Konikowski hegt laut seinen Worten im Vorwort einen nicht ganz so hohen Anspruch und möchte einen "Überblick in vertretbarer Zeit vermitteln" und "dem Leser eine Stoffsammlung in die Hand geben, die ihn in die Lage versetzt, persönliche Neigungen hinsichtlich der Partieanlage auszuloten und am Ende auf dem Gebiet der spezielleren Eröffnungstheorie eigenständig weiter zu arbeiten".

Nach einer kurzen Erläuterung der Unterschiede zwischen offenen, halboffenen und geschlossenen Spielen geht es ans Eingemachte, d.h. 51 (!) Kapitel. Leider sind die Kapitelbezeichnungen im Inhaltsverzeichnis auch die einzigste Inhaltsübersicht und sind Grundlage für den Aufbau des Buches. Eröffnung für Eröffnung wird nun angerissen und bei weniger gebräuchlichen Systemen bis zum ca. 10. Zug vorgestellt. Häufiger anzutreffende Systeme, wie z.B. Spanisch, Sizilianisch etc. werden in einzelnen Unterkapiteln (= Abpsielen) in der Zugfolge etwas tiefer abgebildet.

Offene Spiele

System für System wird vorgestellt, aber mir fehlen die konkreten Pläne. Ein Beispiel:

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Nordisches Gambit nach den Zügen 1. e4 e5 2. d4 exd4 3. c3 dxc3 4. Lc4!? cxb2 5. Lxb2

Konikowski erläutert: "Bereits nach fünf Zügen haben wir die kritische Stellung des Nordischen Gambits erreicht. Für die geopferten Bauern hat Weiß einen immensen Entwicklungsvorsprung erhalten. Schwarz sollte sich nun tunlichst nicht an den Materialgewinn klammern, sondern die Beute bei geeigneter Gelegenheit zurückgeben. Nur so gelingt es ihm, seinen König zu sichern und die Entwicklung seiner Figuren zu beenden."

Soweit so gut und richtig, aber für den Lernenden oder Amateur ist das zu wenig, denn dieser ist im Normalfall auf das Aufzeigen klarer Ideen, Motive und Konzepte angewiesen. Diese folgen leider nicht! Überrascht hat mich, dass z.B. die Wiener Partie ebenfalls mit 4 Seiten wie die Russische Verteidigung bedacht wird. Schottisch und das Schottische Gambit kommen auf denselben Umfang. Aus meiner Sicht haben diese Eröffnungen als Alternative zu Spanisch derzeit einen guten Ruf und hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. Als Vergleich: der Marschall-Angriff im Spanier greift auf 3 Seiten zurück ...

Halboffene Spiele

Größte Aufmerksamkeit geniesst hier (natürlich) die Sizilianische Verteidigung. Aber diese Betrachtung wirkt, wie das ganze Kapitel, recht lieblos. Gegen den Drachen wird der zweischneidige "Jugoslawische Angriff" als einzigstes skizziert. Eine richtige Überraschung stellt aber stiefmütterliche Behandlung der Abtausch- und Vorstossvariante im Franzosen dar. Caro-Kann ("Eröffnung der Weltmeister") setzt dem ganzen aber noch die Krone auf, die komplette Eröffnungsübersicht wird auf 5 (!) Seiten abgehandelt! Dafür ist aber Platz für zum Beispiel "Das System 1... a6" vorhanden.

Geschlossene Spiele

Damengambit-Slawisch ist ein großer Komplex (39 Seiten). Die bei Klubspielern beliebten Damenbauernspiele werden ausschließlich auf den Trompowsky-Angriff beschränkt (kein Colle, London-System etc.) und die derzeit renommierten Spielweisen der Damen- und Nimzoindischen Verteidigung werden viel zu kurz behandelt (insgesamt 14 Seiten). Königsindisch wird mittels Fianchettosystem, Sämisch und Vierbauernangriff vorgestellt. Neben Gründfeldindisch, Holländisch, Wolgagambit etc. werden hier noch die Flankenspiele wie z.B. Larsen, Bird, Orang-Utan skizziert.

Fazit

89 Seiten offene Spiele, 63 Seiten halboffene Spiele und 133 Seiten geschlossene Spiele (wobei hier auch die Flankeneröffnungen hineingezählt werden) kann das Buch bieten. Doch von größeren Erläuterungen der Pläne ist nichts zu finden, die Erläuterungen sind viel zu pauschal und Empfehlungen fehlen leider ganz. Normalerweise kaufen sich Amateure derartige Bücher und sind auf die Schematisierung der Standardpläne etc. dringend angewiesen. Die zeitnahe Aktualität der Vorstellungen ist nicht unbedingt gegeben, die aktuellsten Beispiele datieren um die Jahrtausendwende. Den Vergleich mit dem Kaufman-Buch verliert "Schnellkurs der Schacheröffnungen - Theorie" ganz und somit ist die Chance vertan wurden ein deutschsprachiges Gegenstück zu präsentieren. Möchte der geneigte Spieler heutzutage weitestgehend unkommentiert durch die Theorie 'blättern', so greift er im Normalfall zu einer Datenbank.

(C) Frank Große, 2006