schachautomat_roman.jpg"Wien, 1770. In Schloß Schönbrunn findet eine selbst zur Zeit der Aufklärung aufsehenerregende Premiere statt: Hofrat Wolfgang von Kempelen präsentiert vor den Augen Kaiserin Maria Theresias seine neueste Erfindung, einen Schach spielenden Automaten. Schon bald wird die von da an in Preßburg ausgestellte Sensation zum beliebtesten Schauobjekt im ungarischen Königreich ..."

Autor: Robert Löhr
Titel: Der Schachautomat
ISBN 3-492-04796-3
Piper Verlag, 2005, 407 Seiten   
deutsch, gebunden und mit Schutzumschlag
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]

schachautomat_von_kempelen.jpgÜber das Objekt des Interesses

Im letzten Jahr sorgte der "Türke" (nicht abwertend tituliert) häufiger für Aufsehen in den Medien. So sind zum Beispiel die umstrittenen Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU Dauergespräch in Nachrichten und Wahlkampf gewesen und auch die historischen Nachforschungen zum "Schach-Türken" des Erfinders Wolfgang von Kempelen (1734-1804) sorgten für mediales Interesse. So erschien von Tom Standage unter dem Titel "Der Türke" ein historisch fundiertes Buch mit technischen Hintergründen, welches den Bogen bis zu "Deep Blue" spannte. Rein technisch betrachtet war der Schachautomat ein Meisterwerk für damalige Verhältnisse, aber es handelte sich dennoch um einen "Taschenspielentrick" (Löhr), welchen von Kempelen immer als "Täuschung" titulierte.
E.A. Poe hat sich intensive Gedanken zum Automaten gemacht und Napoleon soll den Türken gar in Rage gebracht haben, sodass dieser alle Figuren vom Brett fegte. Ein voll funktionstüchtiger Nachbau des 1854 verbrannten Automaten wird seit 2004 im Paderborner Heinz Nixdorf Museum ausgestellt. Bis heute hat sich die Redewendung "getürkt" in unserem Sprachschatz etabliert, welche auf Kempelens Schachtürken zurückgeht.

Über den Autor

Hier bin ich so frei und gebe den Info-Klappentext wieder:
"Robert Löhr, Jahrgang 1973, wuchs in Berlin, Bremen und Santa Barbara auf. Er war Journalist, bis er sich dem fiktionalen Schreiben zuwandte. Inzwischen hat er zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Bühnenstücke verfaßt. Er lebt in Berlin und arbeitet neben dem Schreiben als Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler. "Der Schachautomat" ist sein erster Roman."

Die Geschichte

Löhr spinnt sich seine eigene Version über die schlecht dokumentierten Anfänge der "Wundermaschine" und baut diese kombiniert mit einem Schuss adliger Dekadenz, Intrigensucht und Glaubensfragen zu einem spannenden Kriminalroman mit historischem Hintergrund. Ein Teil der Hauptdarsteller werden dabei aus dem damaligen Adelsstamm entlehnt und um erdichtete Figuren, wie z.B. den Zwerg Tibor - der erste Spieler im Türken - oder die Freudensdame Elise ergänzt.

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Ein zwergwüchsiger Italiener (Tibor), welcher sich als schachspielender "Gnom" in Tavernen durchs Leben schlägt gerät durch einen venezianischen Kaufmann - welcher ihn betrügt - in eine prekäre Lage. Der Erfinder von Kempelen, welcher eine Wette mit der Kaiserin abgeschlossen ab, bietet ihm einen fairen Kontrakt an, bei welchem sich "nur" die Art des Gefängnisses wandelt. Im Hause von Kempelens wird der Leser nun Zeuge vom Entstehen des Schachautomaten und erhält nebenbei Einblick in die adlige Gesellschaft. Jakob, ein Jude, und der Gehilfe von Kempelens nimmt den Zwerg von Anfang an aufs Korn und spielt sein "eigenes Spiel", indem er auch seinen Meister trügt, sich aber zusehends als des Zwerges Freund entpuppt. Verflochten wird die Lage durch einen Friedrich Knau - einen Rivalen von Kempelens -, welcher alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzt, um hinter das Geheimnis der schachspielenden Mechanink zu kommen ...

Die Figuren drehen sich innerhalb ihrer Handlungen auch um die Zentralthemen Glaube/Betrug, welcher sich auch in kirchlich-jüdische Betrachtungen ausweitet (ohne dabei weder tiefgründig noch wertend zu sein) und mich hierbei kurze Zeit an den zeitweilig herrschenden Tenor von Remarques "Der schwarze Obelisk" erinnert hat (am ehesten lässt sich das Gesamtwerk wohl aber mit "Der Medicus" von Noah Gordon vergleichen). Die vom Autor vermittelte Atmosphäre wirkt authentisch, lässt aber auch noch genug Spielraum für die eigene Fantasie übrig.

Weiter möchte ich den Inhalt für den interessierten Leser nicht verraten, um nicht die Spannung vorneweg zu nehmen, doch die Spannung steigt - wie es sich für einen spannenden Roman gehört - zum Ende, und ich als Leser wollte wissen, wann möglicherweise das Geheimnis entdeckt wird und welchen Ausgang die Beziehung zwischen Tibor, Jakob und von Kempelen nimmt.

Fazit

Die nasskalten Winternachmittage sind noch nicht vorbei, sodass ein Griff zum Roman nicht abwegig ist - warum nicht auch mal einen, welcher sich historisch-fiktional und nur am Rande mit Schach auseinandersetzt? Hohes Lesevergnügen für alle, die an spannenden Historienromanen mit ausgeprägten Charakteren gefallen finden.

(C) Frank Große, 2006