Vor knapp anderthalb Jahren machte ein neuer Schachverlag mit der Herausgabe eines Buches, welches diverse Hauptvarianten der sizilianischen Verteidigung von verschiedenen Autoren untersuchen sollte von sich reden: "Experts versus the Sicilian" von Quality Chessbooks. Seit kurzer Zeit ist die deutsche, aktualisierte (!) Übersetzung verfügbar, welche ich in dieser Rezension betrachten möchte.

expertenvssiz.jpgHerausgeber: Jacob Aagaard And John Shaw
Titel: Experten Vs. Sizilianisch
ISBN 91-975244-1-7
Quality Chess, 241 Seiten   
deutsch, gebunden
Entstehung und Herausgeber

Bücher über die sizilianische Verteidigung haben in den meisten Fällen einen eindeutigen Tenor: entweder sie wollen beweisen wie selbstsicher man damit gewinnen kann oder im Gegenteil wie schnell die schwarze Stellung den Bach runtergeht. "Experts vs. the Sicilian" hat den Anspruch eines Repertoirebuchs gegen den Sizilianer und war Grundlage für die Gründung des "Quality Chess"-Verlags. Da dies bei der Unmenge an Spielsystemen im Sizilianer sehr schnell ausufern kann und sich die meisten Topspieler auf bestimmte Varianten konzentrieren sind die beiden Herausgeber den Weg gegangen, starke Spieler mit speziellen Kenntnissen zu kontaktieren und deren Finessen "abzufragen". Als Ergebnis ist ein Buch entstanden, welches durch viele Autoren, deren Schreibstil und Herangehensweise an bestimmte Abspiele gekennzeichnet ist.

Jacob Aagaard ist IM welcher 2004 drei GM-Normen erspielte und welchem zur Verleihung des GM-Titels noch die ELO-Schallmauer von 2500 fehlt. Der Däne hat sich in letzter Zeit als fleissiger Buch-Autor und Produzent einiger Chessbase-DVDs in der schreibenden Zunft einen Namen gemacht. Sein Buch "Excelling at Chess" war 2002 Buch des Jahres auf chesscafe.com.

John Shaw ist schottischer IM und Nationalspieler, welcher bisher als Autor von zwei Büchern in Erscheinung getreten ist. Nach meinen Recherchen hat er bereits zwei Großmeisternormen in der Tasche und versucht die dritte zu erreichen. Ari Ziegler ist ebenfalls IM, welcher sich neben seinem Schachladen und der Herausgabe des Magazins "Schacknytt" auch als Schach-Lehrer und Turnierorganisatior einen Namen macht ist Mitbegründer des "Quality Chess"-Verlags.

Das Najdorf-System 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 a6

Mit dem aktuellen und dreifachen Deutschen Meister Thomas Luther hat man einen Neuling als Autor gewonnen, der bislang "nur" auf den Media-DVDs von Chessbase zu erleben war. Da man Kasparow in Sachen Bücher ja meist seine eigene Projekt verfolgt war der Oberguru dieses Abspieles wohl nicht zu gewinnen ;), aber Luther spielt Najdorf schon seit über 20 Jahren und ist wohl nicht die schlechteste Wahl. Bei der im Februar zu Ende gegangenen Deutschen Meisterschaft in Osterburg hat er zwar keine neuen Najdorf-Partien beigesteuert, aber in der Megabase 2006 sind 78 Partien Luthers gegen Najdorf zu finden (von denen er nur 6 verloren hat bei 33 Siegen!), wobei das historische Fundstück sein Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Topalow  aus dem Jahre 1989 stammt.

najdorf.jpgAuf 25 Seiten betrachtet Luther ausnahmslos den Zug 6. Lg5 (und gibt dem Weißspieler eine Alternativvorgabe zum populären 6. Le3) und analysiert Partien von namhaften Spielern (z.B. Anand, Gelfand, Timman usw.), um sich den primär wichtigen Motiven zu widmen, z.B. dem Opfer auf b5. Zur nach 6... e6 7. f4 Db6 entstehenden Bauernraubvariante wird leider nur eine Partie untersucht (Short - Kasparow, Riga 1995), in welcher Kasparow am Rande einer Niederlage stand. Luther handelt dieses Kapitel systematisch ab und weist auf seine Computerprüfungen hin, gibt aber auch den Ratschlag dies eigenständig ebenfalls zu tun.

Das Drachensystem 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 g6

Neben Chris Ward und Edward Dearing (welcher mit "Play The Sicilan Dragon" die wohl aktuelle Drachen-Bibel geschrieben hat) ist Michail Golubev als Verfasser viele theoretischer Beiträge der New In Chess-Jahrbücher und seinem damals beachteten Band "Easy Guide To The Dragon" ein Autor, dem dieses Kapitel auf den Leib geschnitten ist. Er spielt dieses System sowohl als Weißer als auch (zwangsläufig) als Schwarzer und kennt somit das System aus beiden Sichtweisen.
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Sehr tiefgründige Analysen vom bekannten Großmeister befassen sich ausschließlich mit der Variante 9. 0-0-0, welche er als leichter zu erlernende Variante im Vergleich zum Jugoslawischen Angriff (9. Lc4) ansieht. Nach der Untersuchung der Nebenvarianten und 9... Sxd4 widmet er sich der aktuellen Hauptvariante 9... d5 und wirft allein in der Stammpartie Ehlvest - Martin, Calcutta 1997 auf 9 Seiten einen gewaltigen Blick auf dieses System, wobei er sehr aus meiner Sicht sehr objektiv herangeht und nicht auf Krampf Ausgleich oder gewaltigen Vorteil für eine Seite sucht.

Die Svesnikov-Verteidigung 1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 e5 6. Sdb5

Der Herausgeber als Mitautor. Die Variante, die ebenfalls wie Najdorf und Drachen mittlerweile ein wahres Theoriemonster geworden ist, wird hier auf nur 18 Seiten abgehandelt! Das überrascht und als Stammpartie wird das Duell Hector - Carlsen, Malmö 2004 abgehandelt und hier allerdings erst ab dem 20. Zug von Weiß. Spieler, die noch keine Erfahrung gegen dieses System haben sind hier aus meiner Sicht mit einer einführenden Sekundärliteratur gut beraten, da dieses Kapitel sich klar an höheren Sphären orientiert.

Das klassische System 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 Sc6
Bedeutend umfangreicher und detaillierter von den Grundzügen an behandelt GM Peter Wells den Richter-Rauzer-Angriff (6. Lg5) gegen das klassische System. Er möchte in diesem Kapitel seine Erfahrungen mit diesem System in kompromierter Form an den Leser weiterreichen und hofft "ein innerlich schlüssiges Repertoire aus der Sicht des Weißen" anzubieten. Der starke englische Großmeister, welcher u.a. für die Ausgaben des Chessbase Magazins regelmässig Strategie-Beiträge verfasst und selbst Autor eines Buches zu diesem Thema ist geht akribisch und systematisch an die Betrachtungen zu diesem System heran. Insbesondere die Elastizität der schwarzen Möglichkeiten werden untersucht und auf die Zugfeinheiten intensiv hingearbeitet. Durch die entstandene Mittelspielstellung der Beispielpartie Iordachescu - Campos Moreno, Linares 2000 möchte der Autor den "forcierten Charakter und die zugrunde liegende Logik des Spiels" dem Leser als Gedächtnisstütze anbieten. Dies gelingt ihm - wie der Rest des Kapitels - aus meiner Sicht recht gut, wobei seine sehr umfangreichen Textkommentare sehr dienlich sind. Vielleicht der Abschnitt mit den meisten Formulierungen.

Das Kan- und Taimanow-System 1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 4. Sxd4

Das Abspiel 4... a6 wird als Kan-System bezeichnet, welches hierzulande als Paulsenvariante bekannt ist und unter 4... Sc6 wird die Taimanow-Variante in diesem Kapitel besprochen. Beides sind sehr flexible Systeme und Sune Berg Hansen, der starke dänische Großmeister, möchte in diesem Kapitel ein positionell-solides Fundament geben, auf dessen sich ein Repertoire aufbauen lässt, ohne, dass günstige Varianten des Scheveninger Systems entstehen können. Hierzu vergleicht er zu den Beginn die charakteristischen Eigenschaften beider Systeme und erläutert diese ausführlich und löblich.
sizilianisch_e6.jpg Auf Folgeseiten reihen sich Partien aus dem Zeitraum der letzten 6 Jahre an, wobei Adams - Kasimdzhanov, FIDE-WM Tripolis 2004 wohl die bekannteste ist. In seinen Bemerkungen verzweigt der Autor auch zu den Nebenabspielen und gibt in der Tat dem Weißspieler ein Fundament, auf welchem er aufbauen kann. Wie Sune Berg Hansen in seiner Einleitung schreibt wird eine gewinnbringende Idee im Computerzeitalter nur einmal einen Punkt sichern, da die mannigfaltigen schwarzen Möglichkeiten das rasche Auffinden einer Verbesserung garantieren.

Der beschleunigte Drachen 1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 g6 5. c4

ELO-technisch gesehen ist der Däne Peter Heine Nielsen, welcher derzeit für den OSC Baden Baden in der Bundesliga spielt, der stärkste Autor, welcher einen Beitrag geliefert hat. Nielsen, welcher den beschleunigten Drachen in seinem Schwarzrepertoire hat (und diese dabei sehr erfolgreich anwendet!) - wie mir die aktuelle Mega Database verrät - empfiehlt den Maroczy-Aufbau. Ausgehend vom Stellungstyp, welchen der Weißspieler auf keinen Fall erreichen soll zeigt und erläutert Nielsen die "richtige" weiße Strategie, u.a. mit der Partie Aronian - Vorobiov, Aeroflot Open 2004. Leider ist das Kapitel mit 10 Seiten etwas kurz geraten, sodass auch für das interessante Abspiel Tiviakovs 5... Lh6 kein Platz zur Analyse war.

Das Scheveninger System 1. e4 c5 2. Sf3 d6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 e6

GM Viktor Gawrikow, der sich immer wieder als Autor theoretischer Artikel auszeichnet, hat ein Rezept gegen diesen Aufbau: den Keres-Angriff 6. g4. Auf 15 Buchseiten wird in klassischer Theoriebuchschreibweise dieser Angriff untersucht. Die textlichen Kommentare hätten aus meiner Sicht etwas ausführlicher ausfallen können.

Das Kalashnikov System 1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 e5 5. Sb5 d6

Dem Kenner fällt sofort die enge Verwandtschaft zum Sveshnikov-System auf, welcher auch an der Entstehung dieses Systems mitgewerkelt hat. Der polnische IM Jan Pinski, welcher als Journalist laut Editorial u.a. damit beschäftigt ist Korruption in seinem Heimatland aufzudecken, hat sich in diesem Kapitel das Ziel gesetzt das schwarze System zu kompromittieren. Er versucht dies, indem er von der theoretischen Hauptvariante 6. c4 abweicht und dem Leser die Feinheiten von 6. S1c3 anhand von 3 analysierten Beispielpartien aufzeigt. Die Analyse zur Partie Anand - Shirov, Linares 2002 ist dabei besonders aufschlussreich.

Das sizilianische Vierspringerspiel 1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 e6 6. Sdb5 Lf4

IM Alexander Raetsky hat 2002 das Buch "Meeting 1. e4" (also ein Repertoirebuch aus schwarzer Sicht!) geschrieben, in welchem er diese Variante dem Schwarzspieler empfiehlt. Wie kann es sein, dass diese Variante nun für Weiß empfohlen wird? Raetsky gibt die Antwort selbst: "... nur unter der Bedingung, daß meine Witze nicht aus dem Manuskript gestrichen werden." Ob die Herausgeber alle spitzfindigen Kommentare im Buch gelassen haben ist mir nicht bekannt, aber folgenden Kommentar in der Partie Karjakin - Raetsky, Biel 2003 nach dem 19. Zug von Weiß möchte ich wiedergeben: "Sehr fein gespielt von Karjakin, der erst kürzlich äußerte, seine größte Angst sei es, nicht Weltmeister zu werden. Wenn er sich seinen Freund Ponomarjow mal etwas näher betrachtet, sollte er sich vielleicht eher davor fürchten, den Titel zu holen!? Eine Widerlegung des Systems kann auf 6 Seiten natürlich nicht erwartet werden, aber immerhin der Einblick eines Experten, der dieses System selbst sehr häufig anwendet.

Die abschließenden Kapitel beinhalten seltener gespielte schwarze Systeme, die aber auch aus beiden Sichten einen Blick wert sind und insgesamt 43 Seiten des Buches einnehmen:

Die Fesselvariante 1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 Lb4 (untersucht von Aagaard)
Die Nimzowitsch-Variante 1. e4 c5 2. Sf3 Sf6 (untersucht von Aagaard)
Nebenvarianten (untersucht von Shaw)
Schwarze Alternativen im 5. Zug (untersucht von Aagaard)
Den Abschluss bildet ein nach Kapiteln sortiertes Eröffnungsverzeichnis und das Partienverzeichnis.

Fazit

Mit der englischen Erstausgabe hatte ich nur in Bezug auf die etwas "steife" Bindung Probleme, da das Buch nicht aufgeklappt neben einem liegen bleiben wollte. Dieser Mangel ist in der deutschen Ausgabe korrigiert (auch wenn das Buch dennoch manchmal zuklappt ) und aufgrund des größeren Formats sind es weniger Seiten geworden. Leider hat man es versäumt die Namen der Spieler, Varianten etc. mit "einzudeutschen", sodass ich in der Rezension auch die im Buch verwendeten Bezeichungen verwendet habe. Dies sollte bei möglichen weiteren Übersetzungen aus meiner Sicht durchgeführt werden. Die Neuerungen sind nicht gewaltig und beziehen sich primär auf die Korrektur von Beispielen und das Hinzufügen aktueller Partien. Die englische Erstausgabe ist allerdings auch noch nicht so alt und Oktober 2004 datiert, sodass die Bewertung auch für diese Ausgabe uneingeschränkt gilt.

Weiße "Anti"-Abspiele, wie z.B. der Grand Prix Angriff, Systeme mit 2. c3, Lb5-Sizilianer oder Königsindisch im Anzug sind hier nicht zu finden, sodass der Leser selbst entscheiden kann, ob er diese nach seinen Vorlieben weiterhin einsetzen möchte, oder ob er in den Experten-Ratschlägen dieses gelungenen Buches gegen den "offenen" Sizilianer fündig und erfolgreich sein wird.

Ob die Autoren nun alle "Berufsgeheimnisse" ausgeplaudert haben kann ich nicht einschätzen, aber ich bin von dem Material beeindruckt und gerade auch der (Schwarz)-Sizilianisch-Spieler sollte die Angaben in diesem Buch studieren: verraten Sie doch Schwachstellen und somit Verbesserungsmöglichkeiten, was bedeutet die Gilde der "Pro-Sizilianisch-Autoren" ist wieder am Zug ...

(C) Frank Große, 2006