write_move.jpgDer unermüdliche Tim Harding hat im vergangenen Jahr in "The Write Move" innerhalb von 20 Artikeln den Versuch einer Anthology der Fernschachliteratur unternommen.


Autor: Tim Harding
Titel: The Write Move
ISBN 0-9538536-8-3
Chess Mail, 2005, 160 Seiten   
englisch, Taschenbuch
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]
Tim Harding, u.a. Herausgaber und Editor des Chess-Mail-Magazines hat in Sachen Fernschach einen klangvollen Namen. Nach der Veröffentlichung und kürzlich besprochenen Ausgabe "50 Golden Chess Games", in welcher die schachlichen Meisterstücke des Fernschach unter die Lupe genommen wurden legt er hier ein Buch vor, welches ein Stück Zeitgeschichte beleuchtet. Beginnend im frühen 19. Jahrhundert und begrenzt durch das letzte Finale der Weltmeisterschaften, bei welchem Spieler ihre Züge per Postkarte übermitteln können wirft Harding einen Blick auf den Charme des Fernschachs, welcher sich mit Beginn des Internetzeitalters geändert hat und ändern wird.

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Ich möchte mein Fazit gleich vornweg nehmen und Idee und Inhalt des Buches loben, zumal mir in deutscher Sprache kein Äquivalent bekannt ist. Ursprünglich wollte Harding diese Edition "Best of Chess Mail" taufen und bis dato unveröffentlichte Artikel zuzüglich "Klassikern" in Buchform herausgeben, aber Nostalgie und historische Neugier durchstreifen die Artikel, beim einem Spiel, welches "thousands of chess-players in the 19th and 20th centuries, playing chess by post" als den 'richtigen Zug' (right move) empfanden.
 
Den Anfang macht FS-Ikone Gennady Nesis, welcher in seinem 19-seitigen Artikel eine persönliche Sicht auf seine Karriere wirft. Interessant zu sehen, dass er seine Partien als Repertoire für Schwarz und Weiß vorstellt. Einer Übersetzung des Artikels "Fernschach - das Idealschach" (zuerst 1930 in "Fernschach" veröffentlicht) von Dr. Eduard Dyckhoff folgen Betrachtungen zu Alexander Aljechins Beziehungen zum Fernschach: ein überarbeiteter Artikel der Chess-Mail-Ausgabe 04/2000.

Wie nicht anders angekündigt, zieht sich Beitrag für Beitrag durch das Buch, wovon "Without a computer, I might have won the Van Massow Tournament" von Dick von Geet für Stauen sorgt oder die 28-seitige Betrachtung von Weltklassespieler Paul Keres und seine Beziehung zum Fernschach wahrscheinlich einmalig in der Literatur ist. Ebenfalls ein eifriger Fernschachspieler war der Schweizer Henry Grob, welcher heutzutage primär durch sein waghalsiges Gambit (1. g4) in Erinnerung geblieben ist und dessen Simulatonleistungen (im Fernschach!) hier gewürdigt werden. Korrigiert wurde der historisch interessante Artikel "The History of Correspondence Chess before 1800" von Egbert Meissenburg, welcher ebenfalls wie der "Idealschach"-Artikel aus dem deutschen übersetzt wurde.

Das komplette Inhaltsverzeichnis kann hier eingesehen werden. Schachpartien finden sich natürlich auch in den Artikeln und nehmen den Hauptteil des Buches, wobei Französisch, Königsgambit, Damengambit und Sizilianisch mit den meisten Partien vertreten ist. Eine aus meiner Sicht interessante Mischung aus historischem und spielerischen rund um das mittlerweile fast ausschließlich digital gespielte Fernschach, bei welchem Schulkenntnisse in Englisch ausreichen.

(C) Frank Große, 2006