In den letzten Jahren sind einige vielbeachtete Eröffnungswerke von Valeri Bronznik erschienen. In dem hier vorliegenden Werk befasst er sich mit den Problemen des Mittelspiels, die das "Versemmeln" von Partien auch nach erfolgreicher Eröffnungsbehandlung verschulden. So spricht das Vorwort mit der Frage: "Ist es Ihnen nicht schon oft passiert, daß Sie mit einer traumhaften Stellung aus der Eröffnung kamen, anschließend das Blatt völlig wendete?" den Großteil aller Spieler an. Mit den Lektionen in diesem Buch soll zum einen deartiges verhindert und zeitgleich die Ressourcen eine Partie zu kippen aufgezeigt werden.
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Autor: Valeri Bronznik / Anatoli Terekhin
Titel: Techniken des Positionsspiels im Schach
ISBN 3-931192-30-X
1. Auflage 2005
Kania Verlag, 271 Seiten   
deutsch, kartoniert und gebunden
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]




Die Autoren

bronznik.jpgValeri Bronznik ist Internationaler Meister aus der Ukraine, welcher in den letzten Jahren auch seine Ader für die Feder - sprich das Schreiben - entdeckt hat. So ist er als Autor der Eröffnungsmonographien "Das Colle-Koltanowski-System", "Die Tschigorin-Verteidigung" und "Sizilianisch für Müßiggänger" positiv in Erscheinung getreten und hat dort Standardwerke für spielbare Systeme abseits der derzeit populären Hauptvarianten geschrieben. FIDE Meister Anatoly Terekhin (Russland) ist geistiger Vater dieses Werkes, welches aus seinem russischen Trainingsmanuskript übersetzt und überarbeitet wurde.

Die Aufgabe von Bronznik war es das russische Original stark zu überarbeiten. Dies ging sogar soweit, dass weniger überzeugende Beispiele weggelassen und dadurch andere Fragmente ergänzt worden. FM Harald Keilhack in seiner Funkion als Verleger und Lektor hat verstärkt auf den "westlichen" Standard geachtet und kennzeichnet sich zudem für den Übungsteil verantwortlich. Das Gespann möchte das Rad nicht neu erfinden und verweist auf die neoklassische Mittelspielliteratur (Dworetski, Watson).

Zum Buch

Normalerweise schenke ich der gestalterischen Aufmachung eines Buches keine übermässige Bedeutung, aber gleich zu Beginn ist mir die Covergestaltung von Frank Stiefel besonders aufgefallen und verdient hier Erwähnung. Was erwartet den Leser aber vom "Positionsspiel"? Tartakower meinte bereits: "Der Taktiker muß wissen, was er zu tun hat, wenn es etwas zu tun gibt; der Stratege muß wissen, was er zu tun hat, wenn es nichts zu tun gibt." und Richard Reti bringt es noch knapper auf den Punkt: "Die Kenntnis der taktischen Motive ist Grundlage für positionelles Spiel.".

10 Kapitel beinhalten 45 Techniken und werden durch ein Übungskapitel ergänzt:
1: Die Hemmung der Wirksamkeit gegnerischer Figuren
2: Lebensräume für die eigenen Figuren schaffen!
3: Der Kampf der Bauernformationen
4: Der Randbauer - eine unterschätzte Kampfeinheit
5: Techniken beim Kampf um die offene Linie
6: Aspekte zum Figurentausch
7: Zum Umgang mit dem König
8: Entwicklung und Aktivierung der Figuren
9: Entlang der Diagonalen
10: Weitere Kampfmethoden

Zielgruppe ist lt. der Einführung der "fortgeschrittene Vereinsspieler bis hin zum Meister" und ich muss zugeben, dass ich beim ersten Überblättern ein wenig Orientierungsschwierigkeiten hatte, doch als sich die Idee, die sich hinter dem Konzept verbirgt verinnerlicht hatte war ich begeistert (man muss das Buch immer mal querlesen und ziellos eine Technik auf sich wirken lassen). Entgegen vieler Bücher, welche entstehende Mittelspielbilder ausgehend von der bestimmten Eröffnungen behandeln, wird in diesem Buch systematisch Augenmerk unabhängig (!) von der Eröffnungstheorie gelegt. Dabei gelang es eine Art strukturiertes Nachschlagewerk für Mittelspielstellungen zu schaffen. Natürlich sind vereinzelt ganz gezielte Stellungen entstehend aus konkreten Eröffnungsvarianten eingestreut, so z.B. S. 130  Königsindisch/Drachen oder auf S. 143 Damengambit.

Am interessantesten fand ich die Kapitel zur "Läuferhemmung" (bei welchen sich u.a. auch mit Capablancas Regeln auseinander gesetzt wird), "Linienöffnung durch den Randbauern", "Techniken beim Kampf um die offene Linie" und "Entwicklung und Aktivierung der Figuren". Das verwendete Material durchforstet die Zeitgeschichte des Schachs und greift auf hochkarätige Partien zurück, in denen die beschriebenen Motive zumeist hervorstechen. Wer nun wissen möchte, wie das Material aufgebaut wurde, dem empfehle ich einen Blick in die Leseprobe.

Fazit

Für Spieler, welche bereits mit den grundlegenden strategischen Elementen (wie z.B. offene Linie, Läuferpaar) und deren Elementarfunktion vertraut sind, stellt für mich dieses Buch das 'nächste Level' dar. Auch wenn nicht alle Motive für den Spieler jeder Leistungsklasse "logisch" erscheinen werden, so ist dem Autorengespann aus meiner Sicht mit diesem Buch ein sehr guter Ansatz zur Verbesserung der Orientierung auf dem Brett im Mittel- und Endspiel gelungen. Die Klassifizierung wird nach Einarbeitung in die Materie als brauchbar empfunden. Löblich sind Bindung (Hardcover) und Gestaltung, wobei Literatur- und Spielerverzeichnis nicht fehlen und der Index zum Nachschlagen alle Techniken auflistet (siehe auch Leseprobe) und sogar - sofern Bezug zur Eröffnung erkennbar - die Eröffnungen/Stellungstypen nachsschlagbar indiziert wurden!

Normalerweise kann man auf Reisen ja meist "nur" Taktikbücher zum Lesen mitnehmen, aber endlich gibt es auch einmal etwas fürs Gemüt und zur Erweiterung strategischer Ideen! Trotz zahlreicher Diagramme kann man nicht alle Analysen "offline" lesen, die Grundkonzepte lassen sich aber nachvollziehen und einprägen.

(C) Frank Große, 2006