Der polnische IM Jan Pinski kann bereits auf die Veröffentlichung einiger Eröffnungsbücher verweisen. Sein aktuelles Werk befasst sich mit dem hierzulande als Wolga-Gambit bekannten scharfen System: "The Benko Gambit".

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Autor: Jan Pinski
Titel: The Benko Gambit
ISBN 91-975243-8-7
Quality Chess, 124 Seiten   
englisch, kartoniert
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]




Das Benko Gambit

Oft ist es für den Spieler mit den schwarzen Steinen schwer Verteidigungswaffen zu finden, die genügend Ressourcen für aktives Spiel bieten. Mögliche Misserfolge mit Hauptvarianten lassen den Neugierigen dann auch mal 'im Trüben fischen' und nach aggressiven oder gar überaggressiven Methoden zu suchen. Beim Benko Gambit - bei welchem der Schwarzspieler in der Anfangsphase einen Bauern für aktives Figurenspiel opfert - bin ich mir nach Lektüre dieses Buches nicht sicher, ob dies bereits zu den übereifrigen Systemen zu zählen ist (was keine negative Beurteilung darstellt). Die Statistik in den Datenbanken habe ich nicht gefälscht, also traue ich dieser auch nicht ;) Spieler wie Kasparow, Topalow oder Iwantschuk sprechen aber für den Charakter dieses Systems, welches auch auf Weltspitzenebene auftaucht, wie z.B. der Sieg von Kramnik gegen Topalow in Wijk an Zee 2003. Der Autor hat laut MegaBase 2006 das hier vorgestellte System in den letzten Jahren nicht gespielt und zuvor meist Remis gegen Spieler seines Kalibers als Ergebnis auf das Partieformular eingetragen. Der Namenspatron dieser Eröffnung ist der ungarische Großmeister Pal Benko.

Inhalt

Anhand von insgesamt 49 kommentierten Partien arbeiten sich Autor und Leser durch das Buch. Knapp 25 Seiten werden als Einleitung in die klassischen Figuren- und Bauernstrukturen verwendet. Dabei wird sowohl anhand von nützlichen Hinweisen im Text, als auch via Diagrammen (unter Verwendung von Pfeilsymbolen) versucht das Augenmerk aufs Wesentliche zu lenken. Für diesen Abschnitt werden 8 Partien erläutert und natürlich durch Referenzstellungen und in den Partien verzweigte Kommentare um zahlreiche Fragmente erweitert. Die Erläuterungen und Motive sind aufschlussreich, einzig ein kleines Fazit mit den wichtigsten Merkmalen am Ende dieses Kapitels wäre wünschenswert gewesen, aber wozu gibt es denn Textmarker?!

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In den darauffolgenden Kapiteln geht der Autor systematisch - von den häufig anzutreffenden Aufbauformen bis zu Nebenvarianten - vor und gliedert sich wie folgt:

The Benko Gambit Accepted I
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. bxa6 g6
The Benko Gambit Accepted II
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. bxa6 g6 6. Sc3 Lxa6 7. e4
The Benko Gambit Accepted III
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. bxa6 g6 6. g3
The Positional 5. b6
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. b6!?
The Ambitious 5. e3
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. e3
5. f3
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. f3
5. Sc3 - The Zaitsev Variation
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. Sc3
Five Sidelines

In den 3 Kapiteln des angenommenen Gambits werden die häufig anzutreffenden Systeme mit Tausch des weißfeldrigen Läufers auf f1 oder dessen Entwicklung nach g2 untersucht. Auch der Aufstellung der weißen Damenflügelbauern wird Aufmerksamkeit entwickelt und die oben erwähnte Partie findet sich mit vielen Kommentaren auf Seite 60 wider.

Bei jedem Gambit gibt es die Alternativen der Annahme und der Abweisung. Mit letzterem befassen sich die Kapitel 4 bis 9. Den Anfang unternimmt der von Shirow popularisierte Zug 5. b6, bei welchem Schwarz eher zu Benoni-Aufbauten gezwungen wird. Das Material des Abschnitts dient als Preparation, denn "a well-prepared player should not fear playing Black in this variation". Mit dem Zug 5. e3 (Kapitel 5) verzichtet Weiß darauf den weißen Läufer tauschen oder wenig effektvoll nach g2 zu entwickeln, sondern behält sich die Möglichkeit diesen zum Zurückschlagen nach möglichem axb5 zu verwenden. Aber auch diesen Aufbau hält Pinski für den preparierten Spieler als harmlos.

Die mit dem Zug 5. f3 verbundenen Stellungen sollten aus meiner Sicht zuerst innerhalb der Partien 41 (Ivanov - Khalifman) und 42 (Norris - Lalic) betrachtet werden. Hier opfert Schwarz Dame für Turm und Läufer, um nach lt. Autor heutigem Stand der Theorie annähernd gleiche Chancen zu erhalten. Spieler, welche sich in derartigen Ungleichgewichten unwohl fühlen sollten nach einer schnellen Entwicklung mittels 5... e6 und 6... exd5 streben. In den abschließenden zwei Kapiteln werden die Zaitsev-Variante, welche nach 8... g5 als attraktiv für Schwarz bewertet wird und Nebenvarianten betrachtet, bei denen Weiß auf die Annahme des Gambits verzichtet und welches den schwarzen Spielaufbau nicht in Frage stellt.

Fazit

Anhand der flüssigen Einleitung sollte der Neuling in der Lage sein ein Gefühl für das System zu entwickeln. Das intensive Studium dieses Kapitels wird empfohlen, um danach - zum Beispiel innerhalb von Blitzpartien - einige Testspiele zu absolvieren. Sollten diese nicht von gänzlichen Stellungsunwohlsein geprägt sein empfiehlt sich die Arbeit mit dem Hauptteil, bei welchem in den Textkommentaren viele nützliche Hinweise verborgen sind. Auffällig, dass jeder analysierten Partie eine kurze Zusammenfassung gegönnt wird und am Ende eines Kapitels ein abschließendes Urteil gefällt wird bei welchem auch die kritischste Variante erwähnt wird. Diese hätten aus meiner Sicht auch etwas auffälliger platziert werden können. Varianten und Spielindex (alphabetisch und numerisch) runden das Buch ab.

Jan Pinski ist eine gute Einführung in das Benko Gambit gelungen, ohne dabei im Monographenstil die komplette Theorie abhandeln zu wollen, sondern hat den Hauptaugenmerk auf die wichtigsten Manöver und deren Ideen gelegt, sodass dem ambitionierten Turnierspieler mit Schwarz eine angriffsorientierte - um demzufolge nicht risikofreie - Eröffnung gegeben wird. Den Inhalt schätze ich weitestgehend objektiv ein, da auf die Probleme in den für Schwarz kritischen Varianten (welche Pinski primär im angenommenen Gambit sieht) hingewiesen wird und Behandlungsstrategien gegeben werden. Wer noch etwas mehr zum Benko/Wolga-Gambit erfahren möchte, dem sei noch folgende Seite empfohlen: Chesscorner.

(C) 2006, Frank Große