1901983854.03.mzzzzzzz Autor: Jonathan Rowson

Chess for Zebras
Thinking Differently about Black and White

Gambit Publications, London 2005 [www.gambitbooks.com].
In Englisch. 256 Seiten, 24,8 x 17,2 cm, kartoniert.
ISBN 1901983854.

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Wenn du Hufschlag hörst denke an ein Zebra. Mit dieser Weisheit der persischen Sufi beginnt Jonathan Rowson sein neues Buch. Höre ich Hufschlag, denke ich an ein Pferd. Sie nicht? Der Spruch bringt auf den Punkt, was Rowson nach den Sieben Todsünden des Schach­spielers (engl. 2000, dt. 2003) uns Amateuren jetzt beibringen will: Wir sollen beim Schachspielen quer denken. 

FÜR WEN?

GM Rowson wendet sich mit seinen Zebras an ehrgeizige Spieler, deren Rating stagniert, trotz aller Bücher im Regal und Theorie im Kopf. Auf welchem Niveau das Schach klemmt, ob bei 1400 oder 2400, ist für die Lektüre so wichtig nicht. Natürlich sollte der Leser Rowsons schachlichen und psychologischen Weisheiten folgen können. Wer aus dem Buch größeren Nutzen ziehen will, bringt am besten zweierlei mit: 1. Einigen Leidensdruck. (Mein Schach wird nicht mehr besser, warum nicht?) 2. Die Fähigkeit, über sein Denken am Brett nach­zudenken. (Wie erlebe ich mich, während ich dasitze und brüte, innerlich jauchze oder jammere?) 

DER AUTOR
Jonathan Rowson, 29 Jahre alt, ist der stärkste Großmeister Schottlands. Mit 5 Jahren begann er das Schachspielen, mit 6 wurde er zucker­krank. Wer solche kleinen Patienten kennt, weiß, was das für ein Kind und seine Familie bedeutet: mehrmals täglich Insulin spritzen und Bluttests machen, jedes Stück Brot und jede Süßigkeit bilanzieren, damit der Blutzucker nicht entgleist. Und das in einem Alter, in dem mancher Spiel­kamerad seine Schuhe nicht selbst binden kann.

Mit 12 Jahren hatte Rowson ein Rating um 1600, mit 15 Jahren fast 2300. Dann gewann er Silber bei den EUR-Ch U18 und U20. Und 1999, mit 22 Jahren, schaffte er das doppelte Meister­stück: die Fide verlieh ihm den GM-Titel und die Oxford University das Diplom mit Prädikat. Seither fährt er stramm zweigleisig: In Harvard schloss er ein Ergänzungs­­studium erfolgreich ab, nun verfasst er die Doktor­arbeit. Nebenher trainiert Rowson andere im Schach und schreibt Bestseller. Natürlich will er auch schachlich weiter nach oben, Elo über 2600 ist sein nächstes Ziel (aktuell 2599). Der Mann steht mit drei Beinen im Leben. 

INHALT
Im neuen Buch behandelt Jonathan Rowson drei Fragen:

  • Warum fällt es Erwachsenen so schwer, sich im Schach zu verbessern?
  • Welche mentalen Eigenschaften benötigen wir, um in den verschiedenen Partiephasen gute Züge zu finden?
  • Was ist der weiße Anzugsvorteil wirklich wert?

Entsprechend gliedert der Autor die gut 250 Seiten in drei Teile: Part 1 lehrt Improving Our Capacity to Improve, Part 2 enthält A Mental Toolkit for the Exponential Jungle, und Part 3 fordert Thinking Colorfully about Black and White.

Wie in den „Sieben Todsünden" will Rowson auch jetzt den Leser provozieren und so zum Umdenken bewegen. Das neue Denken erklärt er in 60 kleinen Lektionen, begleitet von reichlich Partien, meist aus den letzten 5 Jahren, darunter sind viele eigene. Er kom­mentiert wie immer themabezogen, selbstkritisch und mit großer Offenheit. Hier ein paar Ideen, mit denen der Autor seine Leser umkrempeln und schachlich voranbringen will: 

ANDERS DENKEN
Warum verbessern sich erwachsene Spieler kaum weiter? Noch mehr zu lernen nütze wenig, meint der Schotte. Zu unterscheiden sei nämlich zwischen Wissen (knowledge) und Können (skill). Erwachsene mühen sich, neues Wissen einzutrichtern, am liebsten Eröffnungstheorie. Entscheidend ist aber das Können! Nur wenn das neue Wissen zu neuen (erfolgreicheren) Gewohnheiten führt, entsteht mehr Können, spielen wir besser.

Für Rowson ist das Schachspielen, wie überhaupt unsere Wahrnehmung der Außenwelt, ein ständiges Zusammenfügen von Sinneseindrücken: wir konstruieren die Welt im Kopf. Im Schach entsprechen die Fähigkeiten der Konstrukteure ihrem Rating: Der 1500er konstruiert aus einer Ansammlung von Bauern und Figuren oft etwas ganz anderes als der 2000er, zu erkennen am unter­schiedlichen Stellungsurteil und den Zügen. Ein GM konstruiert aus derselben Position wieder anderes. Will der 2000er wie ein Meister spielen, muss er wie ein Meister denken, also anders denken. Dazu muss er altes Denken verlernen - ein Abschnitt im Buch heißt daher „Learning and Unlearning".

Wem das zu theoretisch klingt, den konfrontiert Rowson mit schmerzlichen Wahrheiten: Die meisten Fehler in unseren Partien kommen nicht daher, dass wir Dinge nicht wissen, sondern dass wir Dinge nicht sehen oder nicht tun. Willst du ein besserer Spieler werden, brauchst du also bessere (Denk-)Gewohnheiten am Brett. Alte Gewohnheiten aufzugeben ist bekannt mühsam und erfordert Training. Am wirksamsten trainieren wir neues Denken und Tun „am Rand der Komfort­zone": wenn es anstrengend wird, die Uhr tickt, wenn wir etwas zu verlieren haben. Natürlich sei es bequemer, kluge Lehrbücher zu lesen oder kom­mentierte Partien nach­zuspielen. In solchen Büchern steht viel „know that". Um besser zu spielen, brauchen wir aber mehr „know how" -  und das bekommen wir nur durch „learning by doing".

Wir Erwachsenen bringen einiges Schachwissen mit in den Turniersaal, dazu einen Rucksack voll Denk- und Verhaltens­muster. Vieles davon ist nur Ballast, der uns am weiteren Aufstieg hindert. Daher dreht sich fast alles im Buch um solchen geistigen Ballast: wie wir ihn erkennen, abwerfen und durch Nützliches ersetzen.

Nehmen wir zum Beispiel das Verteidigen im Schach, Amateure haben damit große Probleme. Rowson meint psychoanalytisch: Oft verteidigen wir nicht die Stellung auf dem Brett, sondern uns selbst! Nicht unsere Figuren werden angegriffen, sondern unser Ego - ent­sprechend emotional bis konfus reagieren wir. Wer die Dynamik durchschaut hat, bereitet sich vor und stimmt sich ein. Kommt er dann unter Druck, genießt er womöglich das zähe Verteidigen als glänzende Leistung genauso wie seinen furiosen Angriff in der nächsten Partie.

Eine andere schädliche Denkgewohnheit ist das Verwechseln von Zügen und Ideen: der Spieler sieht einen interessanten Zug, rechnet ihn durch und verwirft ihn. Der Zug mag schlecht sein, oft verwirft der Amateur mit dem Zug eine gute Idee dahinter gleich mit. Züge und Ideen müssen strikt getrennt durchdacht werden!

Spielen Sie nach Plan? Vergessen Sie Pläne, die mehr als 3 Züge zur Vorbereitung brauchen; sie müssten doch nur laufend angepasst werden. Machen Sie lieber sinnvolle Züge, die einen klaren Zweck verfolgen, und reiche der nur wenige Halbzüge weit. Das ist schon schwierig genug. Rowson hält auch nichts vom persönlichen Spielstil („ich bin ein Positions­spieler"). Solche „Mythen" engen nur unser Denken ein und hemmen unser Potential. Auch Karpow hatte keinen Stil, wie er selbst sagte.

Viel wichtiger ist: Lernen Sie sich konzentrieren! Das tun Sie aber nicht, wenn Sie sich dazu auffordern ("ich muss mich jetzt konzentrieren"). Für Rowson ist Konzentration am Brett weniger ein Tun, mehr ein Sein, ein Zustand spezieller Versenkung: Concentrate! Concentrate? Concentrate. Konzentration kann zuhause trainiert werden, an Studien oder komplexen Stellungen. Zu achten ist auf turniernahe Umstände (Uhr, Brett, Geräusche usw.). Wer im Sinn des Autors konzentriert ist, denkt weder an die DWZ des Gegners noch an Ich-Kränkungen. Er ist vertieft in die Stellung, spielt einfach gutes Schach und befindet sich im Flow.

Das Buch ist voll mit weisen Einsichten und neuen Ideen, dazwischen gibt Rowson dem Leser auch handfeste Tipps. Dann wieder mahnt er oder lästert, z. B. über der Amateure unsinniges Pauken von Eröffnungstheorie, oder unseren Material­ismus: Je stärker der Spieler, um so weniger hängt er am Material - und umgekehrt. Hier beobachte er Unterschiede bereits zwischen IM und FM. Und Amateure würden von Rowsons vier Dimensionen (Material, Quality, Time, Opportunity) die erste klar über- und die anderen drei Dimensionen regelmäßig unterschätzen.

In den „Sieben Todsünden" hatte der junge Schotte kreuz und quer Sprüche und Thesen zitiert, bis hin zur Relativitäts­theorie; und sein gespreiztes Englisch war selbst manchem Engländer zu schwere Kost. Rowson hat aus der Kritik gelernt und seinen Sprachstil der weltweiten Leserschaft angepasst. Nun beschränkt er sich auf Schach und Psychologie, mit einem kurzen Ausflug in den Taoismus; auch dazu einige Stichworte: Die Welt und alles in ihr wandelt sich ständig; Yin & Yang sind die Gegenpole (Yin = mehr weiblich, Gelassenheit, mit dem Strom schwimmen, Druck absorbieren. Yang = eher männlich; aktiv/kreativ sein, auch gegen den Strom schwimmen). Tao-Freund Rowson mahnt uns, wir sollten am Brett auch unser Yin pflegen: die Partie fließen lassen, nicht immer versuchen, etwas zu tun, wenn sein genügt. Anatoli Karpow war darin ein Meister, der isländische GM Hjartson bekam Karpows Yin so zu spüren: „Nichts passiert, aber du verlierst".

Soweit habe ich durch das Zebra-Buch viel Neues gelernt. Wie ich das neue Wissen praktisch umsetze in Können, und darauf kommt es laut Rowson an, das habe ich so recht nicht erfahren. Wird das sein Thema im nächsten Buch?

Rowson beginnt das Buch mit Zebras, und mit Zebras lässt er es ausklingen. Er fragt den Leser: Warum können Zebras nicht Schach spielen? Hier seine drei Gründe, vielleicht finden Sie noch bessere:

  • Weil Zebras nicht akzeptieren können, nur „Weiß" oder „Schwarz" zu sein.
  • Weil sie nicht wissen, dass es checks gibt. Sie kennen nur stripes.
    [Engl. checks = u. a. Karos, Schachgebote].
  • Weil die Zebras Pferde hassen. Daher weigern sie sich, die Springer zu ziehen. 

 

FAZIT
Ein originelles Essay über das Denken während der Partie, mit provokanten Thesen und vielen Ratschlägen. GM Jonathan Rowson ermuntert den Leser, sich mehr um das Können zu kümmern statt um noch mehr Wissen. Hemmende oder gar schädliche Denk­gewohnheiten sollen durch erfolgs­orientiertes Denken ersetzt werden. Denken wir besser dann spielen wir besser. Chess for Zebras ist die interessanteste Neu­erscheinung 2005.

© 2006 Dr. Erik Rausch

[ Ausschnitte aus dem Buch: www.gambitbooks.com/pdfs/854Samp.pdf

Video zur Einführung und Probelektion: www.chess.co.uk/jonrowson2005.html ]