Mit Eröffnungsbüchern ist das so eine Sache! Im Prinzip erscheinen monatlich neue und im Laufe der Zeit geraten diverse Eröffnungssysteme in den Hintergrund, um dann wieder für Theoretiker und Schreiber interessant zu werden. Dabei ist es nur logisch, dass die von Zeit zu Zeit erscheinenden Eröffnungsbücher weder als allumfassend gelten können, noch in vollem Maße alle Feinheiten und Möglichkeiten dieser oder jener Variante aufzeigen können. Sie sollten lediglich ihren heutigen Stand und bestenfalls auch die Perspektiven ihrer Entwicklung und Anwendung in nächster Zukunft widerspiegeln. Skandinavisch zählt zu den Eröffnungen, welche nicht permanent mit Monographien überschüttet werden. Der Klassiker "Modernes Skandinavisch" (Matthias Wahls) aus dem Jahr 1997 liegt mittlerweile fast ein Jahrzehnt zurück. Welchen Anspruch vermittelt die Neuauflage von "Skandinavisch ... richtig gespielt" von Jerzy Konikowski?

skandinavisch_klein.jpgAutor: Jerzy Konikowski
Titel: Skandinavisch ... richtig gespielt
ISBN 3-88805-421-4
Beyer Verlag, 216 Seiten
2. Auflage 2006
deutsch, kartoniert und gebunden
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]



Aufbau

Konikowski (FIDE-Meister mit einer ELO von 2325) wählt den klassischen Weg der Eröffnungsliteratur und erläutert anhand von 24 Kapiteln die unterschiedlichen Fortsetzungen, um im abschließenden 25. Kapitel mit einer Partienauswahl (40 Stück) dem Leser das Repertoire in der angewandten Praxis zu vermitteln. Dazu hat der Autor die deutsch- und englischsprachigen Klassiker der vergangenen Jahre bis zum Jahr 2003 zu Rate gezogen. Die üblichen Zeitschriftenpublikationen werden ebenfalls aufgezählt, Datenbanken werden nicht erwähnt. Die neueren Bücher Andrew Martin "The Essential Center-Counter" und James Plaskett - "The Scandinavian Defence" (beide aus dem Jahr 2004) fanden keine Beachtung in dem vorliegenden Werk. "Das Buch wendet sich somit an Schachfreunde, welche die Skandinavische Verteidigung mit den schwarzen Steinen spielen möchten - womöglich zum ersten Mal."

Inhalt

Im Vorwort wird ein kurzer historischer Abriss zur Geschichte der Skandinavischen Eröffnung gegeben und der Autor verschweigt nicht, dass das System "Höhen und Tiefen" durchleben musste, aber "ohne dass die Liebe zu dieser Eröffnung jemals ganz nachgelassen hätte". Weiter wird angeführt, dass die Eröffnung "über eine begrenzte, scharf umrissene Theorie" verfügt und die strategischen Ideen "verhältnismäßig klar und einfach zutage" treten. Leider widmet der Autor diesen Ideen kein separates Kapitel, um diese klar in Anwendung zu demonstrieren, sondern empfiehlt "zunächst alle Varianten nachzuspielen". Als Einsteig empfiehlt sich das 24-seitige Einleitungskapitel, bei welchem die "Skandinavische Partie" ausgehend von der kritischen Stellung der Hauptvariante bis zum Endpsiel mit zwei Plänen (17... Db6 und 17... hxg4) vorgestellt wird:

                                skandinavisch_haupt1.jpg

Diese Stellung wird von Powerbook 2006 folgendermassen statistisch erfasst:
17... Db6  21 Partien 40% Erfolg
17... hxg6  7 Partien 36% Erfolg
17... Sb6    2 Partien 25% Erfolg
17... De7    1 Partie    0% Erfolg
17... Se7    1 Partie    0% Erfolg 

Die Einschätzung: "Die vorgestellten Varianten (Plan 2 nach 17... hxg4!) zeigen, dass Weiß in der Hauptvariante keinen klaren Vorteil erreichen kann." empfinde ich zu optimistisch. Die darauffolgenden fünf Kapitel widmen sich (auf jeweils zwei Seiten) den Alternativen zum Schlagen auf d5 und demzufolge den Zügen 2. Sc3, 2. Sf3, 2. e5, 2. d4 und 2. d3.

Danach folgen die Untersuchungen der Fortsetzungen im Stile der Kaissiber'schen Artikel, welche mit dem Zug 2... Sf6 eingeleitet werden. So zum Beispiel das Skandinavische Gambit (1. e4 d5 2. exd5 Sf6 3. c4 c6!?), bei welchem mit 4. dxc6 der Zugumstellung und dem nicht zu unterschätzenden Panow-Angriff der Caro-Kann-Verteidigung ausgewichen wird (der Autor weist aber darauf hin) und das Isländische Gambit mit 3... e6!? Tiefgreifendere Analysen lassen sich in älteren Ausgaben des Kaissiber finden. Mit den Fortsetzungen 3. d4, 3. Lb5+ und 3. Sc3 wird der Abschnitt zu 2... Sf6 abgeschlossen.
Bevor der Autor zur Betrachtung der Hauptvariante 1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sc3 gelangt werden die minderwertigen Fortsetzungen 3. d4 und 3. Sf3 als solche identifiziert. In der Hauptvariante werden zuerst 3... Dd8 und die in letzter Zeit sehr populäre Variante 3... Dd6 untersucht. Letzteres Abspiel wird mit 11 Seiten nur stiefmütterlich und in Bezug auf die heutige Bedeutung zu wenig betrachtet, zumal das System bereits auch in anderen Publikationen ausführlich untersucht wird. Jerzy Konikowski steht dem Dd6-System aber insgesamt optimistisch gegenüber!

Demzufolge widmet der Autor der Variante mit 3... Da5 den Rest und damit Hauptaugenmerk des Buches: 9 Kapitel und 75 Seiten. Nach Untersuchung der bescheideneren Entwicklungszüge 4. Sf3 und 4. Lc4 wird sich auf die Varianten mit 4. d4 Sf6 konzentiert. Das erste nennenswertere Augenmerk gilt der Variante 5. Lc4, bei welcher er gute Hoffnungen auf schwarzes Gegenspiel verspricht. Interessant ist, dass er die Variante 5... Sc6 6. d5 nach 6. Sb4! als sehr optimistisch bewertet, wobei die Datenbanken ein klares Gegenteil aussagen. Um hier etwas Licht hineinzubringen, wäre eventuell ein Thematurnier auf freechess ganz interessant?! Insgesamt werden dem auf Klubniveau beliebten 5.Lc4-Komplex 18 Seiten gewidmet.

                                skandinavisch_haupt2.jpg

Über die Untersuchung der diversen Fortsetzungen gelangt man zum Abschnitt 1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sc3 Da5 4. d4 Sf6 5. Sf3 c6 6. Lc4 Lf5 7. 0-0, bei welchem - analog zu Wahls - festgehalten wird, dass der weiße Aufbau harmlos, aber nicht zu unterschätzen ist und so vor zu großem schwarzen Optimismus gewarnt wird. Danach folgt ein "Sprung", sodass die verbleibenden vier Kapitel der Untersuchung von zwei Varianten nach dem 11. (1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sc3 Da5 4. d4 Sf6 5. Sf3 c6 6. Lc4 Lf5 7. Ld2 e6 8. De2 Lb4 9. 0-0-0 Sbd7 10. a3 Lxc3 11. Lxc3 Dc7) bzw. 12. Zug (1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sc3 Da5 4. d4 Sf6 5. Sf3 c6 6. Lc4 Lf5 7. Ld2 e6 8. De2 Lb4 9. 0-0-0 Sbd7 10. a3 Lxc3 11. Lxc3 Dc7 12. Se5) gewidmet wird. Das abschließende Kapitel der Beispielpartien konzentriert sich primär auf Partien aus den 90ern und sollte aus meiner Sicht zum Vertrautmachen mit der Skandinavischen Verteidigung gewählt werden.

Fazit

Das Buch hat einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen. Einerseits wird ein relativ kompakter Einstieg in die Skandinavische Verteidigung gewährt, aber andererseits hat man es versäumt die strategischen Elemente - insbesondere für den Einsteiger - offensichtlich herauszukehren. Verwirrend finde ich die Aussage auf der Rückseite des Buches "Der Benutzer bekommt ein komplettes Repertoire mit Schwarz gegen den Zug 1. e2-e4 in die Hand." in Anbetracht der Aussage "Wenn Sie nach einiger Zeit den Wunsch nach weiterführender Information zu einzelnen Varianten verspüren, dann greifen Sie zu spezieller Literatur." im Vorwort. Jedes einzelne Kapitel wird mit einer prägnanten Zusammenfassung abgeschlossen, welche die Einschätzung der Variante aus Sicht des Autors darlegt. Ein Blick auf diese rentiert sich bevor man ins Variantendickicht abtaucht. Ein Variantenindex existiert nicht, sodass diese Funktion gleich in das Inhaltsverzeichnis integriert wurde. Die Aktualität ist auf das Jahr 2003 datiert.

Die Fortsetzung des Klassikers "Modernes Skandinavisch II" von GM Matthias Wahls liegt als Vorankündigung vor, in welcher der Autor/Verlag verspricht die Varianten aus Band 1, die nach dem derzeitigen Stand der Theorie nicht mehr gut spielbar sind, auf den neuesten Stand zu bringen wollen. Warten wir es ab!

(C) Frank Große, 2006