Eines der allgemein vielbeachtetesten Eröffnungsbücher der letzten Jahre war "Play the Sicilian Dragon" vom jungen schottischen IM Edward Dearing (ELO 2376), welches bei mir nach dem Studium Interesse am Drachen und an Sizilianisch im Allgemeinen weckte. Sein lockerer Schreibstil und das offene Ausplaudern der "Geheimnisse" seiner jahrelangen Lieblingseröffnung verleihten der Eröffnungsmonographie Charme. Demzufolge neugierig habe ich einen Blick auf "Challenging the Grünfeld" geworfen.

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Autor: Edward Dearing
Titel: Challenging the Grünfeld
ISBN 91-975243-4-4
Quality Chessbooks, 205 Seiten   
1. Auflage 2005
englisch, kartoniert
Erhältlich im [amazon-ChessShop bei freechess.de]


Autor und Zielgruppe

edwarddearing.jpgEdward Dearing ist mit seinen 26 Jahren ein junger IM, welcher Schottland bei der Olympiade 2004 in Spanien vertreten hat. In diesem Jahr zählte er nicht zum Aufgebot, was aber eventuell damit zu erklären ist, dass er nach dem Abschluss seines Jura-Studiums an der Cambridge University eventuell einen anderen Berufsweg verfolgt. Der verdacht erhärtet sich, da er in den letzten ELO-Auswertungen der FIDE nicht sonderlich viele Partien bestritten hat.

Die Rückseite des Buches spricht vom "experienced player" und ergänzt, dass das Buch, dem "less amibitious reader the chance to understand the most important points" beim Durchspielen und Lesen der Ausführungen der 50 Beispielpartien gibt. Eine interessante Bemerkung, welche mich zu Nachforschungen veranlasste, bei der ich darauf gestossen bin, dass der Kritiker Carsten Hansen auf chesscafe.com gar noch weiter geht und konkretisiert: "Overall, this book is exceedingly thorough and is mainly for players rated above 2200. Nevertheless, lower rated players will appreciate the many examples of dynamic chess where one side has positional compensation for a material deficit." Da ich den ELO-Anspruch nicht erfüllen kann, werde ich mich auf die Widergabe der wesentlichen Informationen beschränken. Dennoch galt mein erster Blick auf die Bibliographie, bei welcher ich das Buch "Meine besten Partien" von Boris Gelfand vermisste, welcher in diesem Buch eine 30-seitige Betrachtung seiner Lieblingsvariante hinterlassen hat. Ein wenig rätsele ich noch, wie die Engländer das Wort "Grünfeld" des Titel wegen dem "ü" aussprechen, da ich bisher nur den Anglizismus "Grunfeld" kenne - eventuell kann hier ein Sprachenexperte Rat geben?

Inhalt

Mit der Grünfeld-Verteidigung hat sich Dearing - analog dem Sizilianischen Drachen - eine zweischneidige und aktive Verteidigung gegen den d4-Spieler herausgesucht, welche seinem Spielstil entsprechen dürfte. Dearing untersucht in diesem Buch ausschließlich die "Modern Exchange Variation" (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.c:d5 S:d5 5.e4 S:c3 6.b:c3 Lg7 7.Sf3 c5 8.Tb1), welche u.a. von Spielern wie Kramnik, Gelfand, Anand und Leko favorisiert wird. Fast in persönlichem Ton findet der Autor den Einstieg und seinen "Weg" zur Variante und schildert kurz die Ideen der Variante, um von folgender Stellung (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.c:d5 S:d5 5.e4 S:c3 6.b:c3 Lg7 7.Sf3 c5 8.Tb1 0-0 9.Le2 cxd4 10.cxd4 Da5+ 11.Ld2 Dxa2 12.0-0) ausgehend

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das Buch in 9 Kapitel und 50 Beispielpartien (mit den Partien in den Kommentaren sind es über 150 Partien) zu unterteilen:

12 ... a5!? (26 Seiten)
12 ... b6!? (21 Seiten)
12 ... Sd7!? (23 Seiten)
12 ... Lg4! (40 Seiten)
11. Dd2 und seltene Fortsetzungen (10 Seiten)
9 ... Sc6!? 10. d5 Lxc3+ 11. Ld2 Lxd2+ 12. Dxd2 (11 Seiten)
10 ... Se5!? (19 Seiten)
9. ... b6 (23 Seiten)
Frühe Alternativen (9 Seiten)

Nicht ohne Interesse ist der Vergleich mit dem o.g. Gelfand-Buch, da sich Boris Gelfand als ein Experte dieser Variante mit beiden Farben auszeichnet. So empfiehlt Dearing in der 12... b6-Variante den Zug 18... Sc6 mit neuem Partiematerial und der Überlebenschance für Schwarz (Gelfand - Dorfman, Minsk 1986). In der 9... Sc6-Variante (der gewöhnlichsten Abweichung von der Hauptvariante) möchte Dearing mit 14. Sg5 fortsetzen, da seiner Meinung 14. h5 (Gelfand - Stohl, 1992) nach 14... Lxf3 15. gxf3 e5 "nur" Ausgleich bedeutet. In der Variante mit 12... Lg4 sind beide Autoren weitesgehend gleicher Meinung - einzig in der Partie Gelfand - Kamsky, Dos Hermanas 1996 wird dem 20. Zug mit f4! (Gelfand) und Tf1! (Dearing) offentsichtlich unterschiedliche Auffassung demonstriert.

Fazit

Dearing hat im Stile analysierter Partien versucht die Grünfeldverteidigung - und hier im speziellen - die "Modern Exchange Variation" zu untersuchen. Dabei begründet er desöftern auch den Weg seiner Entscheidungsfindung. Das Buch erweckt den Eindruck einer Fleißarbeit und der Autor kommentiert viele Züge nicht nur mit Varianten. Interessant ist, dass er zu nicht nur jeden Abschnitt, sondern auch jede Partie mit einem Fazit bedenkt. Abgerundet wird das Buch durch einen umfangreichen Variantenindex und den Index der gespielten Partien.

Wie schon bei Jacob Aagaard & John Shaw - Experten Vs. Sizilianisch ist auch in diesem Buch die Namenskonvention nicht einheitlich (manche Spieler werden mal mit, mal ohne Titel genannt usw.). Hier sollte der Lektor in Zukunft größere Sorgfalt walten lassen.

(C) Frank Große, 2006