WER SPIELT FALSCH?

Wer in letzter Zeit das aktuelle internationale Schachgeschehen etwas verfolgt hat, dem dürfte die Diskussion um eine mögliche Computerunterstützung eines Topspielers nicht entgangen sein.

Den Stein ins Rollen brachte der Journalist Martin Breutigam mit seinem Artikel in der SZ "Wenn der Daumen im Mundwinkel wackelt". In diesem Artikel wird die Frage aufgeworfen, ob der Weltranglistenerste Wesselin Topalow seine Züge alleine gefunden hat oder mit Hilfe eines Computers.


Vorausgegangen war das WM-Match in Elista gegen Wladimir Kramnik, bekannt geworden als der "Toilettenkrieg". Siehe hierzu auch das Interview mit Topalov und Kramnik.

In der Zwischenzeit gibt es ein Amateurvideo das den angeblichen Betrug Topalovs weiter erhärten soll ( Quelle: Kommersant.com). Dieses Video wurde beim Corus-Turnier 2006 aufgenommen und zeigt Danailov ( Manager von Topalov ) während der Partien. Kommersant zitiert Evgeny Bareev, wonach viele Experten die Auffassung, die in den Artikeln der Süddeutschen Zeitung und DNA zum Ausdruck gebracht wurden, teilen würden.

Aleksander Khalifman hingegen teilt diese Auffassung nicht und schreibt auf chesspro.ru:
"Ich bitte nochmals darum sich die Fotos von J. Wasiliev genau anzusehen. Wenn jemand sagt, er hat diesen Blick schon bei den verschiedensten Spielern auf verschiedensten Turnieren gesehen, glaube ich das nicht. Ich habe schon etliche Partien gegen die stärksten Spieler der Welt absolviert: Solche Augen mir gegenüber habe ich nur einige Male gesehen. Bei wem - das werde ich nicht schreiben - finden Sie das selbst heraus. Das sind die Augen eines hochgradig motivierten und konzentrierten Menschen (die Formulierung ist nicht 100%ig gelungen, aber besser bekomme ich es nicht hin. Möchten viele Schachspieler während der Partie solch einen Zustand erreichen? Wahrscheinlich, aber wie? Improvisieren kann man das nicht, das bedarf einer speziellen Vorbereitung. Welcher? Ich weiß es nicht. Wüßte ich es, würde ich sie wahrscheinlich anwenden. Veselin und Silvio wissen es, verraten es aber nicht. Ich weiß es nicht und möchte nicht im Kaffeesatz lesen. Eines allerdings weiß ich: Wenn sich die Rolle des Menschen während einer Partie darauf beschränkt, auf dem Brett irgendwie vorgesagte Rechnerzüge zu reproduzieren, wird er sich nicht derart in Trance begeben. Das kann er wahrscheinlich gar nicht. Genaugenommen hat Topalov den Turniersieg wahrscheinlich ein wenig mehr verdient als diejenigen, die mit ihm den ersten Platz teilten. Aber sein Supermaximalismus hat ihm wieder einen bösen Streich gespielt: Als er in der Partie gegen Svidler um jeden Preis den Sieg wollte, vergaß er für einen Moment, dass es im Schach außer seinem Sieg und Remis noch ein drittes Ergebnis gibt. Und musste Platz eins teilen".

Morosewitsch hat mehr oder weniger klar gemacht, dass er an einen Betrug Topalows glaubt, und in Wijk zurückgezogen. Laut Bardens Artikel im Guardian glaubt auch Kasimdschanow an Betrug.

Exweltmeister Anatoli Karpow hingegen hält die Anschuldigungen für "nicht diskussionswürdig". 

Die Liste pro und kontra könnte man beliebig lange fortsetzen. Aber was bleibt am Ende übrig? Eine Schachwelt die keinen "richtigen und einzigen" Schachweltmeister vorzuweisen hat, eine Schachwelt die seit dem Verlust Kasparovs gegen DeepBlue mitleidig belächelt wird, eine Schachwelt die seit den Berichten über Betrug durch Computerunterstützung immer mehr in negative Schlagzeilen abrutscht.

Hier wäre die FIDE dringend gefordert um endlich Abhilfe zu schaffen. Aber wie?

1.Abschaffung der bisherigen Bedenkzeitenregelung. Einheitliche Bedenkzeit für alle Turnierpartien, für jeden Spieler pro Partie 25 Minuten.
(Damit wäre eine Computerunterstützung von aussen zwar immer noch möglich aber doch deutlich erschwert).

2.Rückkehr zum klassischen System zur Ermittlung des Schachweltmeisters.(Interzonenturniere, Kandiatenturniere, Zweikämpfe).

3.Teilnahme von Schachcomputern in Turnieren generell verbieten. 

Viele werden natürlich sagen, 25-Minutenpartien ist kein Turnierschach und zerstört den Schachsport, doch ich glaube, langfristig gesehen wird es keine andere Lösung geben. 

Die Vorteile liegen klar auf der Hand:

-weniger zeitraubende Mannschaftskämpfe, Turniere,etc.

-weniger Möglichkeiten des Betruges.

-Schach insgesamt wird spannender und unterhaltsamer, insbesondere für die Medien dürfte dieser Aspekt interessant sein. 

Der einzige Nachteil besteht darin, daß die Qualität des Spiels vielleicht leidet. Aber wer spielt schon perfekte Partien?

 

(C) Martin Rieger, Februar 2007