Revolution in the 70s

von Garri Kasparow

 

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Autor: Garri Kasparow
Titel: Revolution in the 70s
ISBN: 1-85744-422-1
ISBN2: 978-1-85744-422-3
Verlag: Everyman

416 Seiten, gebunden, 1. Auflage 2007
Sprache: Englisch

Erhältlich bei Schach Niggemann

Über den Autor braucht man nicht viele Worte verlieren, der Name Garri Kasparow ist in der Schachwelt hinlänglich bekannt und bürgt erwiesener Maßen für höchste Qualität. Nachdem der vielleicht beste Schachspieler aller Zeiten seine Laufbahn als aktiver Spieler leider beendet hat, beglückt er die Schachwelt mit außergewöhnlichen Büchern die mit zum Besten gehören, was je über das Thema Schach geschrieben worden ist.

Dieses Buch knüpft nahtlos an Kasparows bekannte Reihe „Meine großen Vorkämpfer“ an. Ein zweiter und dritter Teil dieser Reihe ist geplant und wird sich nach Angaben von Kasparow mit seinen Kämpfen gegen Anatoli Karpow beschäftigen. Dieser erste Teil hingegen beleuchtet den revolutionären Fortschritt in der Eröffnungstheorie seit Beginn der siebziger Jahre (Kasparow sieht den Ausgangspunkt für diese Revolution in Fischers phänomenalem Ansturm auf den Weltmeisterthron in den Jahren 1970-1972). Bobby Fischer demonstrierte eine neue Dimension der eröffnungstheoretischen Vorbereitung und legte sozusagen das Fundament für die heutige Generation. Kasparow schreibt hierzu: “Zwischen 1972 und 1975 war der Fortschritt in der Schachtheorie bedeutender als im kompletten vorhergehenden Jahrzehnt!“ Bobby Fischer kämpfte mit Schwarz in der Eröffnung nicht nur um Ausgleich sondern um Vorteil! Mit Weiß kämpfte er noch aggressiver in der Eröffnungsphase um entscheidenden Vorteil. In der damaligen Zeit war das etwas Ungewöhnliches und Überraschendes. Fischer bereicherte zum Beispiel die Königsindische Verteidigung oder die Najdorfvariante um viele revolutionäre Ideen. Auch ein Zug wie 1.b3 wurde durch Fischer erst salonfähig. Fischer durchbrach das damalige schachliche Dogma und stellte alles in Frage was als gesetzmäßig angesehen worden war.

Nach Meinung von Kasparow erntete Karpow die Früchte dieser schachlichen Revolution. Viele Sowjet-Großmeister mussten damals ihre eröffnungstheoretischen Arbeiten und Analysen preisgeben, Karpow konnte so in seinen Wettkämpfen gegen Kortschnoj (1974, 1978, 1981) viele bedeutende Neuerungen präsentieren die von anderen Großmeistern stammten. Diese Schachrevolution ging nach Ansicht Kasparows bis hinein in die 90er Jahre, in denen er mit seinem großen Rivalen Anatoli Karpow um die Schachweltmeisterschaft kämpfte. Dieses Buch erzählt die faszinierende Geschichte dieser Revolution.

Der Hauptteil des Buches beleuchtet anschaulich und unterhaltsam die Geschichte und Entwicklung einzelner Eröffnungssysteme und Varianten. Spannend und informativ beschreibt Kasparow den Werdegang verschiedener Eröffnungen, die unablässige Suche nach neuen Wegen, das Aufspüren noch unentdeckter Ressourcen. So untersucht der Exweltmeister unter diesem Aspekt unter anderem das so genannte Igelsystem, die Najdorf- und Drachenvariante, Grünfeldindisch, Caro-Kann, Slawisch und das Wolgagambit. In jeder dieser Eröffnungen konnten großartige Neuerungen hervorgebracht werden, die ohne revolutionäres Schachdenken niemals möglich gewesen wären. Man denke hierbei zum Beispiel an 12. …h5 in der Drachenvariante, ein Zug der die gesamte Variante rettete (zuvor wurde der Drachen mehrmals demoliert, am überzeugendsten von Karpow in seiner 2.Matchpartie gegen Kortschnoi) oder der Zug 18.Sxf6 von Alvis Vitolins gegen die „Vergifteter Bauern Variante“. Ein solcher Zug kann in der Schachtheorie irgendwann jenseits des 20.Zuges erfolgen oder wie ein neueres Beispiel zeigt, bereits im zweiten Zug: Großmeister Vadim Zvjaginsev entkorkte 2006 in einer Partie auf 1.e4 c5 den erstaunlichen Zug 2.Sa3!?
Das Buch ist voll mit solchen Beispielen und man kann Kasparow nur danken, dass er ein solches Thema in Buchform gebracht hat.

Im Schlussteil des Buches kommen insgesamt 28 Experten auf über 60 Seiten zu Wort. Die Liste der 28 Experten (die während jener Jahre an vorderster Reihe der Entwicklung der Schachtheorie gestanden sind) liest sich wie ein Who is Who des Weltschachs: John Nunn, Alexander Beliavsky, Jan Timman, Ljubomir Ljubojevic, Mark Dvoretsky, Robert Hübner, Lajos Portisch, Alexander Nikitin und viele andere. Sie kommentieren aus ihrer Sicht die von Fischer eingeleitete schachliche Revolution. Der Leser erfährt aus erster Hand, wie schnell und unerbittlich sich die theoretische Entwicklung dem Computerzeitalter näherte.

Kasparow stellte den Experten unter anderem folgende Fragen: Wer war für die Revolution ausschlaggebend? Fischer, Informator, ECO oder revolutionäre Ideen anderer Spieler? Welches waren nach 1972 die wichtigsten Neuerungen, und wie beeinflussten sie Ihr Spiel? Sind der Eröffnungsrevolution mit Hilfe der Computer zum heutigen Tage keinerlei Grenzen mehr gesetzt? Die Antworten lesen sich absolut unterhaltsam und man erfährt so manches, was so bisher noch nicht zu Papier gebracht wurde. Besonders die Ausführungen von Großmeister Evgeny Sveshnikov sind für mich ein absolutes Highlight und dürften vielen Schachspielern eine neue Sichtweise der Dinge erschließen. Ein besonderer Leckerbissen wäre ein Statement von Anatoli Karpow in diesem Buch gewesen, die Feindschaft der beiden K´s scheint aber doch zu unüberwindlich. Schön wär’s aber trotzdem gewesen!

Fazit: Garri Kasparow schreibt Bücher genauso wie er Schach spielte: innovativ, richtungsweisend und brillant. Absolut empfehlenswert!

 

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, März 2007