Beim Betrachten von Großmeisterpartien beschleicht den gemeinen Schächer oft ein Gefühl von eigener Unzulänglichkeit. Da werden Eröffnungen bis zum 33.Zug heruntergespielt mit unglaublichen Manövern und Figurenopfern, tief durchdachten Mittelspielstrategien und eleganten Abwicklungen (dabei wird oft übersehen, dass die GM´s in der heimischen Giftküche stundenlang allerlei Varianten und Zugfolgen aus dicken Folianten oder dem PC zu einem, für den werten Gegner möglichst unbekömmlichen Mahl, zusammenmischen). Und spielt ein GM in einer Partie eine erfolgreiche Kombination die unmöglich am Brett zu berechnen war (also mehr ein Zufallsprodukt), so müssen die erstaunten Leser später in den Kommentaren zur Partie erfahren, dass der Meister die zehnzügige Kombination angeblich am Brett fehlerfrei berechnet hatte…

Als Michail Tal einmal an einem Zug sehr lange überlegte und anschließend mit einem Figurenopfer seinen Gegner zerschmetterte, fragte ihn am nächsten Tag ein Reporter, ob er die gesamte Kombination am Brett berechnet hatte. Tal antwortete: „Mir kam, ich weiß nicht, warum“, urplötzlich das russische Kindergedicht „Oh, wie schwierig war es doch, das Nilpferd aus dem Sumpf zu ziehen“ in den Kopf. „Ich erinnere mich, dass ich an einen Wagenheber dachte, eine Brechstange, einen Hubschrauber und sogar eine Strickleiter. Nach langem Nachdenken gestand ich mir mein technisches Scheitern ein und dachte gehässig: ‚Ach, soll es doch ertrinken!‘ Und auf einmal war das Nilpferd weg. Es verschwand ebenso schnell vom Schachbrett, wie es erschienen war.“ Tal opferte seinen Springer. „Da es eine interessante Partie versprach, musste ich es einfach spielen.“ Das heißt, Tal verwendete für die Analyse des Opfers nur wenig Zeit, er musste sich einfach nur dazu überwinden, und sei es mit Hilfe eines Nilpferds! Die Zeitungen schrieben am nächsten Tag, Tal habe fast eine Stunde an einem genialen Opfer überlegt!

Garri Kasparow äußerte sich erst unlängst zum Thema Vorausberechnung: „Es existiert kein Schach-Gen, mein Gedächtnis ist gut, aber nicht fotografisch. In einem komplizierten Spiel umfasst der Entscheidungsbaum nicht mehr als vier oder fünf Züge – pro Spieler, das heißt, insgesamt acht bis zehn Züge“.

Großmeister oder gar Weltmeister machen halt einfach weniger Fehler wie der normale Schachspieler, es gibt aber auch ein paar, für den Amateur beruhigende Ausnahmen, wie folgende Beispiele zeigen:

Huebner,R (2615) - Kasparov,G (2780) [D45] Köln, Schach der Großmeister (2.Matchpartie), 1992

1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c6 4.Sf3 Sf6 5.e3 Sbd7 6.Dc2 Ld6 7.Le2 0-0 8.0-0 Te8 9.Td1 De7 10.e4 Sxe4 11.Sxe4 dxe4 12.Dxe4 e5 13.Lg5 Df8 14.Ld3? f5 15.Dxf5?? (Dh4 wäre besser gewesen, nach 15. …e4 folgt c5 nebst Lc4) Sf6 die Dame geht verloren 0-1

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Noch schlimmer erwischte es den bulgarischen Großmeister Georgiev gegen Nunn beim Turnier in Linares 1988:

Nunn,J (2615) - Georgiev,K (2600)[B17] Linares, 1988

1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sg5 h6 6.Se6 Da5+ 7.Ld2 Db6 8.Ld3 fxe6?? 9.Dh5+ Kd8 10.La5 1-0

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Für einen Großmeister in einer Turnierpartie ziemlich peinlich. Auch Weltmeister sind vor solchen Missgeschicken nicht sicher:

Christiansen,L (2620) - Karpov,A (2725) [E12] Wijk aan Zee , 1993

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.a3 La6 5.Dc2 Lb7 6.Sc3 c5 7.e4 cxd4 8.Sxd4 Sc6 9.Sxc6 Lxc6 10.Lf4 Sh5 11.Le3 Ld6?? 12.Dd1 mit Doppelangriff auf Läufer und Springer 1-0

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Doch es gibt immer noch eine Steigerung. Was ist schlimmer, als mit Springer und Läufer nicht matt setzen zu können?

Kempinski,R (2522) - Epishin,V (2567) [E60] Bundesliga 2000-1

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127.Kf3 Lc5 (Fritz zeigt ein Matt in 25, beginnend mit Kd4) 128.Ke4 Kc4 129.Kf5 Kd5 130.Kf6 Ld6 131.Kf7 Se5+ 132.Ke8 Ke6 133.Kd8 Sf7+ 134.Kc8 Kd5 135.Kb7 Kc5 136.Ka6 Lc7 137.Kb7 Kd6 138.Ka6 Kc6 139.Ka7 Sd6 140.Ka8 Ld8 141.Ka7 Kb5 142.Kb8 Kb6 143.Ka8 Sb7 144.Kb8 Lc7+ 145.Ka8 Kc6 146.Ka7 Sc5 147.Ka8 Sd7 148.Ka7 Sb6 149.Ka6 Lb8 150.Ka5 Kc5 151.Ka6 Ld6 152.Kb7 Kb5 153.Ka7 Kc6 154.Ka6 Lb8 155.Ka5 Sd5 156.Ka6 Lc7 157.Ka7 Lb6+ 158.Kb8 Lc5 159.Ka8 Sc7+ 160.Kb8 Sb5 161.Ka8 Kb6 162.Kb8 Sa7 163.Ka8 Ka6 164.Kb8 Lb6 165.Ka8 Sb5 166.Kb8 Sd6 167.Ka8 Kb5 168.Kb8 Kc6 169.Ka8 Lc7 170.Ka7 Sb7 171.Ka8 Sc5 172.Ka7 Lb6+ 173.Ka8 Lc7 174.Ka7 Sd7 175.Ka8 Ld6 176.Ka7 Sb6 177.Ka6 Lb8 178.Ka5 Lc7 179.Ka6 und hier setzte der wahrscheinlich völlig entnervte Großmeister mit Sc8 patt! 1/2-1/2

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Wie gesagt, Großmeister sind eben auch nur Menschen…

 

Martin Rieger, März 2007