Jeroen Bosch, Schach ohne Scheuklappen Band 6

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Autor: Jeroen Bosch
Titel: Schach ohne Scheuklappen Band 6
ISBN: 90-5691
Verlag: New in Chess
143 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2006
Sprache: Deutsch

Erhältlich bei Schach Niggemann

 

Schach ohne Scheuklappen, kurz „SOS“ (Secrets of Opening Suprises) genannt, wird vom niederländischen Verlag New in Chess in regelmäßigen Abständen herausgebracht. Jeroen Bosch (Redaktion) und zahlreiche namhafte Schachspieler verraten hier Eröffnungsgeheimnisse und seltene Abspiele, bisweilen auch bizarre Varianten, mit deren Hilfe Sie Ihren Gegner bei der nächsten Partie gehörig überraschen können.

Natürlich bleibt es nicht nur bei einem Überraschungseffekt, einige vorgestellte SOS-Varianten sind zwar etwas riskant doch es spricht nichts gegen einen langfristigen Einsatz der Varianten, spielbar sind sie alle! Ein Gary Kasparow würde sicherlich über die eine oder andere Idee die Nase rümpfen, aber haben das nicht auch die großen Meister vergangener Epochen als irgendjemand auf die unverschämte, ja skandalöse Idee kam, auf 1.d4 Sf6 2.c4 g6 oder e6 nebst b6 zu spielen? Diese Eröffnungen nennen wir heute zum Beispiel "Indisch", weil Tartakower sie, als sie zum ersten Mal aufs Brett kamen, also so komisch befand, dass er sich dachte, diese Eröffnungen sind von dem "normalen Schach" soweit weg wie Indien von Europa. Heute zählen die indischen zu den meistgespielten Eröffnungen überhaupt, wer weiß, vielleicht werden in naher Zukunft solche Systeme wie zum Beispiel 1.d4 Sf6 2.Sf3 Se4!? (Döry-Verteidigung) genauso beliebt?

In vorliegendem Buch findet jeder etwas Brauchbares für seine Eröffnungen, angefangen von „Drei Mal Ärger für Grünfeld“ von Ian Rogers, über Donaldson und Silman´s „3.h4 gegen den Turbodrachen“ bis hin zu John van der Wiel´s „Caro-Kann mit slawischer Note“. Beim Lesen des Buches empfand ich wie der unbekannte Dichter, der folgende Worte niederschrieb:

„Ballast abwerfen

um nicht abzustürzen

ist oft der einzige Pfad

um weiterzukommen

wieder aufzusteigen

neu anzufangen“.

Ist es manchmal nicht einfacher und befreiender, altes hinter sich zu lassen und seine Gedanken neuem zu öffnen? Sind wir nicht allzu oft festgefahren in vorgefertigten Strukturen und behindert uns gerade nicht dieses dogmatische Denken am weiterkommen, egal in welchem Bereich? Aufs Schach bezogen bedeutet das, vergessen sie einfach mal für einen Moment ihre bevorzugten zahlreichen Varianten gegen beispielsweise den Komplex Königsindisch/Grünfeldindisch (Theorievarianten bis zum 30.Zug sind dort keine Seltenheit) und schließen sie die Augen: Wäre es nicht angenehm, Sie würden bestimmen was gespielt wird? Wäre es möglich, mit nur einer Variante alle diese schwierig zu handhabenden Systeme abzudecken und wenn ja, kann es wirklich etwas in der Praxis taugen? Öffnen Sie nun die Augen und sehen Sie sich die Anfangsstellung an. Mit welchem Zug wollen wir diesmal die Partie beginnen? Die Springer scharren schon nervös mit den Hufen und drängen hinaus ins weite Schlachtfeld während die Bauern, brav stehen sie noch in Reih und Glied, den Feind gegenüber bereits erblickt haben. Welcher der wackeren Bauern soll eine Presche schlagen ins feindliche Gebiet und wichtigen lebensnotwendigen Raum erobern? Dem weißen König ist wohler wenn er sich vorerst noch hinter seinen loyalen Kämpfern verstecken kann, die Dame ist da mutiger, wenn wundert´s, gegenüber ihrem Gatten ist sie nicht so verwundbar. Also fällt die Wahl auf den Damenbauern 1.d2-d4. Der Gegner antwortet rasch 1…Sg8-f6 und nach 2.Sf3 g6 ist wieder Weiß an der Reihe. Jetzt 3.c4 würde wieder in bekannte Gefilde führen, doch gibt es vielleicht noch etwas anderes als ständig „the same procedure as every year?“ Sie müssen nun aber nicht soweit gehen wie Miss Sophie in „Dinner for One“ und mit „I think I’ll retire“ („Ich denke, ich werde mich zurückziehen“) das Weite suchen, denn mit einem Blick in das neueste „SOS“ wäre der Überraschungseffekt auf Ihrer Seite: 3.Sc3! Damit ist Schwarz gezwungen, seine Karten auf den Tisch zu legen. Nach 3…Lg7 4.Lf4 nebst Dd2 ist der so genannte Tarzan-Angriff entstanden (es besteht eine ziemlich enge Verwandtschaft mit dem Milner-Barry Angriff 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Sc3 d5 4.Lf4 Lg7 5.e3 O-O 6.Le2). Dieses System ist sowohl nach schwarzem d6 (Pirc) als auch d5 absolut spielbar und auch Erfolg versprechend. Der Grund wieso dieses System nicht öfter angewandt wird, ist in einer Partie zwischen Jussupow und Kasparow zu suchen (Kasparow gewann und seitdem gilt diese Spielweise als harmlos). Doch das Autorenteam zeigt eine wichtige Alternative zu dieser Partie und verbessert die Variante von Jussupow! Ein kleines Beispiel wie solch ein System gegen eingefleischte Königsindisch und Pirc-Fetischisten seine volle Wirkung entfalten kann:

Kogan Artur (ISR) (2566) - Zinchenko Yaroslav (UKR) (2507) [D00] Dos Hermanas Internet Final 23.03.2007 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Sc3 d5 4.Lf4 Lg7 5.Dd2 0-0 6.Lh6 Se4 7.Sxe4 dxe4 8.Lxg7 Kxg7 9.Sg5 Dd5 10.c4 Dxc4 11.Sxe4 Td8 12.e3 De6 13.Ld3 f5 14.Sc5 Df6 15.0-0 b6 16.Sb3 c5 17.De2 cxd4 18.Sxd4 e5 19.Df3 e4 20.Lxe4 fxe4 21.Dxe4 Txd4 22.Dxa8 1-0

Auch die anderen vorgestellten Eröffnungsgeheimnisse (okay, nachdem sie hier vorgestellt wurden, sind sie nicht mehr geheim, doch für ihren Gegner sind ihre wahren Absichten am Anfang der Partie ein Geheimnis) lösten bei mir so manches Erstaunen aus. Oder haben Sie schon einmal etwas über den Australischen Angriff (1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Lg5, siehe Diagramm unten)

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oder über 6.a3 gegen Najdorf gehört, bzw. gelesen? Kennen sie den Turbodrachen? (1.e4 c5 2.Sf3 g6 3.h4, siehe Diagramm unten).

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Ein anderes Kapitel beschäftigt sich mit einer schlagkräftigen Waffe gegen Grünfeldindisch. Wie in dem Buch erwähnt wird, war es schon immer eine der liebsten Übungen der „SOS-Autoren, auf Grünfeldindisch einzudreschen. Dies wird durch die Zugfolge 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Lg5 Se4 und nun entweder 5.h4!?, 5.cxd5!? oder das clevere 5.Dc1!? versucht. Schwarz kann bei genauem Spiel Ausgleich erreichen aber die Wahrscheinlichkeit dürfte ziemlich groß sein, ihrem nächsten Gegner damit ein auf die Nase zu geben (schachlich wohlgemerkt!).

Außerdem gibt es noch ein „SOS“ Logbuch in dem bereits vorgestellte Systeme noch einmal kurz beleuchtet werden und einen „SOS“ Wettbewerb. Hier können Sie 250 Euro gewinnen wenn Sie der Meinung sind, eine besonders gelungene „SOS“ Partie gespielt zu haben und diese auch abgedruckt wird.

Fazit: „Schach ohne Scheuklappen“ ist der reinste Frühjahrsputz für das Gehirn! Wer aufgeschlossen gegenüber Neuem ist und abseits des Theorietrampelpfades originelle und spielbare Ideen aufspüren will, sollte seine schachlichen Scheuklappen abnehmen und einen Blick in das vorliegende Buch werfen. Uneingeschränkt zu empfehlen.

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, April 2007