Neil McDonald,

Englische Geheimnisse

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Verlag: Everyman
ISBN2: 978-3-932336-05-8
216 Seiten, kartoniert, 1. Auflage 2007
Sprache: Deutsch

Erhältlich bei Schach Niggeman

Neil McDonald, englischer Großmeister und erfahrener Schachtrainer, hat sich für die Eröffnungsreihe „Starting Out“ den „Englischen Geheimnissen“ gewidmet. Dabei geht es aber nicht um den neuesten Klatsch aus dem Buckingham Palace sondern um die englische Eröffnung 1.c4. Da das Buch im Jahre 2003 erstveröffentlicht wurde in englischer Sprache und erst 2007 in Deutsch erschien, darf man keine brandaktuellen Partiebeispiele erwarten (jüngstes Beispiel stammt aus dem Jahr 2002).

Doch wie steht es um die theoretische Zuverlässigkeit der angegebenen Varianten?

Die Zugfolge 1.c4 Sf6 2.Sc3 d5 3.cxd5 Sxd5 4.Sf3 g6 5.e4 Sxc3 6.dxc3 Dxd1+ 7.Kxd1. Hier folgt im Buch eine Partie zwischen Krasenkow und Protazik, Suwalki 1999, die mit 7…Sc6 8.Kc2 e6 9.Lf4 f6? (Fragezeichen von McDonald) weitergeht und die Weiß „natürlich“ gewinnt. Nach 6.dxc3 schreibt der Autor, das sich Weiß einen leichten Endspielvorteil sichert (6.bxc3 würde in den Grünfeldinder überleiten). Enzyklopädie und Datenbank sprechen aber eine „etwas“ andere Sprache und liefern folgende Ausgleichspartie: Gelfand,B (2713) - Ivanchuk,V (2702) [A16] Eu Team Ch Batumi GEO (6), 04.12.1999 1.Sf3 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.dxc3 Dxd1+ 7.Kxd1 Sd7 8.Lf4 c6 9.Kc2 f6 10.Sd2 e5 11.Le3 Lc5 12.Lxc5 Sxc5 13.b4 Sa4 mit Ausgleich (nach Iwantschuk im Informator, 0-1 im 46.Zug). Es gibt noch mehrere solcher Partien und Analysen und alle bestätigen das Gleiche, die gesamte Variante taugt nicht besonders viel! Hätte Weiß im 6.Zug bxc3 gespielt wäre es Grünfeldindisch geworden, was sicher die bessere Wahl gewesen wäre. Doch man wollte ein reines Englischbuch schreiben, auch wenn es zu Lasten der Objektivität geht, schade eigentlich.

Das war nur ein zufälliges Beispiel das ich blindlings herausgegriffen habe. Im Großen und Ganzen ist das Buch aber ein guter Ratgeber für das Erlernen der wichtigsten Grundprinzipien dieser Eröffnung, für ein genaueres Studium muss man aber auf weiterführende Literatur zurückgreifen.

Was mich auch hier wieder etwas stört (wie bei Chris Ward´s Nimzo-Indische Geheimnisse), sind die stilblütenartigen Fabulierungen wie folgende: „Wenn Ihr Gegner seine Figuren nicht entwickeln kann, dann gibt es keinen Grund zur Eile – auch wenn Sie eine Figur geopfert haben“ oder „Achten Sie stets auf taktische Grundreihentricks“. Was soll das? In bestimmt guter Absicht schrieb der Autor auch für schwächere Spieler allgemeine Grundsätze und Hinweise, doch man kann es auch übertreiben.

Ansonsten hat das Buch alles, was einen Rezensenten erfreut: ein Inhaltsverzeichnis, ein übersichtlicher Variantenindex + Partienverzeichnis und ein insgesamt sehr aufgeräumtes sauberes Layout. Von der äußeren Form und der Aufmachung bin ich ganz ehrlich begeistert, vom dargebotenen Inhalt weniger.

Ein Tipp an den Everyman-Verlag: Bringt alle Bücher dieser Reihe in einer Neuauflage heraus und lasst sie von John Watson (John L. Watson, u.a. Geheimnisse Moderner Schacheröffnungen 1+2) überarbeiten! Wer seine Bücher kennt, weiß was ich meine.

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Mai 2007