Jonathan Rowson,

Schach für Zebras

zebra.jpg

Verlag: Gambit
ISBN: 1-904600-65-4
ISBN2: 978-1-904600-65-7
288 Seiten, kartoniert, 2007
Sprache: Deutsch

Erhältlich bei Schach Niggemann

amazon-ChessShop bei freechess.de

Jonathan Rowson hat mit seinem aufsehen erregenden Werk „The Seven Deadly Chess Sins (2000)” seine philosophisch-anthropologische Herangehensweise an das Schachspiel begründet. Mit vorliegendem Werk führt er die Arbeit fort und nimmt den Leser mit auf die Reise durch die beiden Gebiete Schachpsychologie und Schachphilosophie.

Rowson untersucht drei zentralen Fragen die sich vielleicht jeder Schachspieler schon einmal gestellt haben mag:

1) Warum ist es so schwierig seine Spielstärke zu verbessern?

2) Welche Art von mentaler Einstellung ist notwendig, um gute Züge in den unterschiedlichen Phasen der Partie zu finden?

3) Ist der Anzugsvorteil des Weißen ein Mythos, und macht es einen Unterschied, ob man mit Weiß oder mit Schwarz spielt?

Die verschiedenen Thesen die dabei zur Sprache kommen sind selbstverständlich nicht unumstößlich, Rowson legt hier nur seine eigenen Gedanken und Überlegungen zu verschiedenen Aspekten des Spiels dar.

Ein Beispiel: Im Kapitel „Nach welchem Mythos spielen Sie?“ geht der Autor der Frage nach, ob es nützlich oder eher schädlich ist, einem bestimmten Vorbild nachzueifern. Dazu stellt er eigene Partien vor, in denen er sich in der Rolle des opferfreudigen Angriffsspielers sah (diese Partien hat Rowson in seiner Jugend gespielt, beeinflusst von den Partien Tals versuchte er immer wieder, die Aura des unerschrockenen Kriegers und genialen Opferkünstlers zu kopieren – nicht selten mit tragikkomischen Ausgang). Ein weiterer Mythos für den Rowson offenbar anfällig war oder noch ist(?!), stellt das „verhinderte Genie“ dar. Dabei weist er daraufhin, dass viele Spieler sich einreden sie „verstehen das Spiel“ im Sinne „Verstehen“ sei etwas Tieferes als „Spielen“. Logische Folge ist die Annahme, Schach sei vorwiegend ein Spiel der Ideen, in dem der Intellektuelle glänzen kann, doch gutes Schach kommt eher vom Können als vom Wissen. Wer Schach vorwiegend unter dem Aspekt des Verstehens beurteilt, wird oft von dem damit zusammenhängenden Ideal verführt, den Gegner „überspielen“ zu wollen. Das Fazit bei Rowson lautet daher: Versuchen Sie nicht, Ihren Gegner zu „überspielen“, versuchen Sie einfach, ihn zu besiegen!“. Auch die Vorstellung, immer aus eigenen Niederlagen lernen zu wollen, behindert die Weiterentwicklung (!). Dazu Rowson: „Gehen Sie vorsichtig mit dem Gedanken um, aus Ihren Niederlagen zu lernen. Wenn wir uns mit dem Gedanken des Lernens gemütlich eingerichtet haben, kann dies unsere Wettkampfbereitschaft schwächen“.

Wie man bereits aus diesem Kapitel unschwer erkennen kann, könnte man über die vorgestellten Thesen und Gedanken bis in alle Ewigkeit kontrovers diskutieren. Man muss auch nicht immer der gleichen Meinung sein wie der Autor, viel mehr wird man beim Lesen des Buches hin und wieder innehalten und seine eigene Einstellung zum Spiel kritisch hinterfragen. Damit hat Rowson sein primäres Ziel erreicht, vieles was bisher als gesichert galt wird der Mantel des dogmatischen abgestreift.

Zum Abschluss noch ein berühmtes Zitat des großen Bent Larsen über Sizilianisch (1.e4 c5 2.Sf3 d6/e6/Sc6 3.d4), das sehr gut den vorherrschenden Geist des Buches widerspiegelt: „Fast alle Welt spielt 3.d4. Aber ist das nicht vielleicht ein positioneller Fehler? Das meine ich ganz im Ernst. Ich mag meine Zentrumsbauern, und ein d-Bauer ist mir lieber als ein c-Bauer! Schon klar, manchmal opfert Weiß einen Springer auf d5 oder e6 und zerlegt den Schwarzen, bevor dieser zur Rochade kommt, aber man hat in den Partien, in denen das passierte, hinterher nicht immer Verbesserungen für Schwarz gefunden? Also: Ist 3.d4 vielleicht nur so eine Art billige Falle? Ich weiß schon, dass man den Zug auch mit rein strategischen Ideen kombinieren kann, aber ich unterhalte mich über Strategie lieber, wenn ich einen Zentrumsbauern mehr habe!“

Fazit: Ein originelles Schach-Lesebuch mit hohem Unterhaltungswert. Der Autor präsentiert neuartige Lösungsansätze für altbekannte Probleme, „Schach für Zebras“ ist der beste Ratgeber in Sachen Nahkampfpsychologie im Schach den man sich vorstellen kann. Auch wenn man manchmal vielleicht anderer Meinung ist als der Autor, die undogmatischen Theorien und Thesen laden zum Nachdenken über das eigene Spiel ein.

Ich danke der Firma Schach Niggemann, die das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Martin Rieger, Mai 2007